Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- Judenspuren in den Alpenländern
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 495 - 496 (sequence 3)
- Language
- German
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,495 Emil Kronberger: Judenspuren in den Alpenläudern. 496 Wappen von Judenburg. Judenkopf auf rotem Grund. Halskragen und Turban gelb. Ritter Willem, Mareschall des wohllustigen Herzogs Ottokar von Steyrmark, hatte sich in heisser, überwältigender Liebe der schönen Tochter, des Schutzjuden Heinlein ergeben, freilich ohne Erwiderung von Seiten des sittsamen Mädchens, dem der trunkne Ritter ein Greuel war und das sich vor seinen Liebesbeteuerungen fürchtete. Auch war sie einem wackerem Manne versprochen, schon seit der frühen Kindheit Jahren und zarte Bande gegenseitiger Achtung und Vertrauens hatten das Verlöbnis gesichert. Vielmals von dem Mädchen abgewiesen, schlug des Ritters Liebe in glühenden Hass um — Rache um jeden Preis war sein Gedanke. Und teuflisch gut gelang sein Plan. Er lenkte auf das Mädchen die Aufmerksamkeit seines sinnlich gierigen Herrn, der allzeit neue Reize seiner Lust brauchen konnte. Heinlein widersetzte sich mehrmals des Herzogs Wünschen, bis Ottokar, der Befehle überdrüssig, Anwendung von Gewalt beschloss. Heinlein wurde die Zunge, die widersprechen konnte, mit glühenden Zangen entrissen und die Tochter von Schergen erfasst, in den Kerker geführt. Dort wartet sie in Herzensnöten auf Nachricht vom einzigen, ferne weilenden Bruder. Täglich tritt der Versucher in Ottokar's Gestalt auf sie zu, täglich wendet sie sich mit Ekel von ihm ab. Ihre Wangen fallen ein, Angst und Kummer graben tiefe Falten in ihr Gesicht. Sie beschmutzt und verunstaltet ihr Antlitz, um des Herzogs Leidenschaft zu scheuchen. Vergebens. Der Winter vergeht und der Lenz zieht ein. Schon hat sie die süsse Hoffnung auf Rettung, den leuchtenden Punkt in des Elends Grau, verloren. Die verlangte Bedenkzeit läuft in einigen Tagen ab. Dann muss sie sich entscheiden. Tod oder Entehrung? In wahnsinniger Angst und im Fieber verbringt sie die letzte Nacht. Des Morgens tritt ein vermummter Söldner in das Verlies. Schon denkt sie an den gedungenen Mörder, als die Maske fällt und der Geliebte vor ihr steht. Fröhliche Kunde bringt er und verheisst baldige Hilfe des Bruders. Wenn morgen die Vesperglocke ertöne, meint er, möge sie den Herzog zu sich bescheiden, ihn lange hinhalten und erst in sittlicher Not den Dolch, den er reiche, verwenden. Die Entscheidungsstunde ist genaht. Zur Vesperzeit tritt Ottokar ein, in strahlender, glänzender Rüstung, die erhoffte Beute sich zu holen. Noch leuchtet die neue Hoffnung aus des Mädchens schönen Augen, Ottokar hält es für den Freudenschein der endlich keimenden Liebe. Er wird zärtlich und, da ihn das Mädchen mit weniger Abscheu behandelt, von der Leidenschaft gestachelt, dreist. Von seiner unendlichen Gier erfasst, schlingt er zu gewaltsamer Entehrung die Arme in eiserner Kraft um des Mädchens Nacken. Da giebt die Not der Gequälten tausendfachen Mut, ihr Arm erstarkt und das verborgene Messer dringt tief in des Wüstlings Kehle ein. Ein Blutstrahl spritzt auf. Kaum ist der Todesschrei verklungen, als die Thür erbrochen wird. Ohnmächtig stürzt im Uebermass des Schreckens das Mädchen zusammen. Wie übergross ist aber ihre Freude, als sie, daraus erwachend, sich nicht, wie sie gefürchtet, in der Hand der Schergen sieht, sondern Bräutigam und Bruder erblickt. Thränenden Auges küsst sie ihr Bruder, und der Geliebte hält in tiefer Rührung, sprachlos vor Erregung, innig ihre Hand und streichelt sie immer wieder. An der Spitze einer ungarischen Reiterschar hatten sie die Burg überrumpelt und im ehrlichen Zweikampf Ritter Willem getötet. Haman in Ritter Willenrs Gestalt auf Oberösterreichs Boden. Wie sonderbar! Ebenso merkwürdig wie die Darstellung der jüdischen Charaktere in dieser alten Sage. Ehrenhafter Trutz, kraftgetragener Mut, sittenstolzer Ernst als Charaktererscheinungen von Juden in einer christlichen Sage! Dafür zeichnete sich freilich die Gegenwart ihre Juden ganz anders. Das waren Halbmenschen, geborene Spitzbuben und Betrüger, die man, wie eine leibhaftige Gefahr, nur in Begleitung von Soldaten oder sicheren Leuten in die Stadt Hess. Dabei that der Hass dem Geldsäckel durchaus nicht wehe. In Archiven fand man eine Aufzählung der Mautzölle, die verschiedene Städte von den Juden, die ihre Thore passierten, erhoben, gleichwie es in unseren Tagen mit dem lieben Vieh geschieht. So musste im Salzburgischen, wo zwei grosse Gemeinden bestanden, zu Salzburg selbst und in Hallein, von wo die Juden Salz exportierten, jeder Jude, der zu Pferde oder Wagen kam, 32 Kreuzer zahlen, zu Fusse nur 16 und der ärmste nur 8 Kreuzer entrichten. Zur Gegenleistung bekam er einen Begleiter, meistens einen Landesknecht, der ihn unter Püffen und Stössen durch die Stadt geleitete und ihn, wie etwa einen Verbrecher, nicht aus den Augen Hess. Da waren die Nürnberger klüger. Dort musste der Jude die für die damaligen Geldverhältnisse ausserordentlich hohe Summe von 1 Gulden 31 Kreuzer entrichten und bekam hierfür die Begleitung eines alten Weibes, dessen schimpiHche Gesellschaft er mit 20 Kreuzern honorieren musste. Man sieht, es ist stets das gleiche Spiel. Ob offenkundige Roheit, ob schimpflicher Hohn, der Spiegel zeigt das gleiche Bild der furchtbaren Vergewaltigung. Wie immer, wenn die Kunst in unwürdigen Zeiten von den stolzen Höhen des Ideals heruntersinkt und ihre Motive aus den Niederungen menschhcher Gemein-