Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- Judenspuren in den Alpenländern
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 497 - 498 (sequence 4)
- Language
- German
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497 Emil Kronberger: Judenspuren in den Alpenländern. 498 heit holt, griffen auch damals die Künstler nach den Phantasiegestalten tierischen Hasses. So befand sich auf dem Rathausturm zu Salzburg ein Marmorschwein, an welchem Judenkinder säugend angebracht waren. Erst 1785 Hess es wegen seiner tiefverletzenden Wirkung Josef IL, der grosse Monarch und feinsinnige Mensch, in emen'(Winkel werfen. Freilich, das Judengeld selbst war durchaus nicht verhasst, und die Regierenden, die Fürsten und Herzoge erpressten ihnen unter den verschiedensten Titeln ihr schwer erplagtes Vermögen. So zählt ein Chronist sieben Arten von Steuer vors chreibungen auf, mit denen „das Judengesindelwelch ehrenvollen Namen des heiligen römischen Reiches Kammerknechte durchwegs in den Chroniken der Alpenländer führen, zur Hälfte fast die Kosten der sie so gewaltsam unterdrückenden Regierung decken mussten. In Oberösterreich mussten sie sogar eine Jägersteuer entrichten. Das Warum ist in diesem Falle geradezu unerfindlich. Wie bedeutend diese erpressten Summen waren, erhellt daraus, dass die wenigen steyrischen Gemeinden 38 000 fl. jährlich aufbringen mussten, eine Riesensumme für jene Zeit. Als sie 1497 aus dem schönen Lande — ohne Grund — vertrieben wurden, und damit diese Steuersumme entfiel, war die Regierung gezwungen, die ersten regelmässigen Steuern einzuheben. Zur Zeit dieser Judenaustreibungen — 1498 wurden sie auch aus Kärnten und Salzburg ausgewiesen — wurden die stets beliebten Bekehrungsversuche erneuert und die Gewaltmassregeln selbst nicht gescheut, um Erfolge zu erzielen. Kamen Juden einmal in des Klosters Gewalt, gingen sie den Ihren verloren, sie wurden gepeinigt und mit Hunger und Folter gequält, bis sie sich ergab en. Verschwanden jüdische Kinder, durften die Eltern sich nicht beklagen. So mögen viele jüdische Knaben und Mädchen, zur Zeit da ihre Eltern vielleicht schon wieder das ruhige Leben des stillen, gleichmässigen Erwerbes gewonnen hatten, die Messe gelesen oder hinter dicken Klostermauern ein trauernd Dasein gelebt haben. Auch sonst mag sich in seiner Verzweiflung ob der plötzlichen Ausweisung der eine oder andere in den sichernden Schoss der Judendorf. Jüdische Gemeinde am 1300. Kirche geflüchtet haben. In Steiermark und Kärnten finden sich gar viele Familien, die ,Judu heissen. Familiennamen wie Isak, Lazar, Abram, Aron sind durchaus nicht selten. In Obersteiermark und besonders im Mürzthale sind charakteristische Judenköpfe unter den Bauern häufig, ebenso wie in Kärnten in den Gemeinden um den Wörthersee. Das sind eben noch die lebenden Spuren jüdischer Siedler des Mittelalters. Und wie sagt doch Janina von Beaudouin in ihrer schönen Novelle „Ismael": „Mit dem mächtigen Meissel des Dämons müssen wohl die Züge unseres Urvaters Sem gemeisselt worden sein, wenn er sie nach Jahrtausenden seinen Nachkommen in solcher Reinheit überliefern konnte." Und wir fügen hier noch hinzu, auch nach 400 Jahren beständiger Vermischung. So waren denn um das Ende des 15. Jahrhunderts sämtliche Alpenländer ohne Juden und blieben es 300 Jahre lang. Erst 1793 durften sie — für wenige Tage nur — die Märkte besuchen, und sogar 1849 suchte man ihnen noch das Recht zum beständigen Aufenthalt streitig zu machen. So sehr waren indes die Juden dem Volke entfremdet worden, dass einer der ersten Einwanderet: 1852 folgende charakterisierende Szene erleben konnte. Er klopfte um Einlass an einem Bauernhofe. „Wer ist's?" „Ein Jud\" Darauf die Bäuerin hinter dem geschlossenen Thore: „Geh', Bauer, loss mi draussert schau'n. so a Vieh han i no net g'segn." Wäre es nicht so traurig wahr, es wäre ergötzlich genug. Nun sind wieder jüdische Gemeinden in den Alpenländern. Andere, bessere Zeiten sind uns erblüht, aber auch andere Menschen. Früher jeder Einzelne ein Held, spartanisch einfach, gross und mutig, ein Märtyrer seiner Abstammung zu jeder Stunde; ein Ries engeschlecht der Geduld — sie alle. Wir aber sind schwach und kleinmütig, mit zerfegten Idealen und unhaltbaren Weltanschauungen, entkräftet durch uns selbst, durch unsere Zerfahrenheit und Uneinigkeit.