Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- Judenspuren in den Alpenländern
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 493 - 494 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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493 Emil Kronberger: Judenspuren in den Alpenländern. 494 auf den beiden Seitenwänden und einer hebräischen Inschrift an der Vorderseite nebst reichlichem Schnitzwerk, ein anderer Silberschüsseln von getriebener Arbeit, beides Werke wagemutiger Künstler und Frühlingsknospen einer jungen, jüdischen, in des Ghetto Düsterlicht trotz äusseren Druckes und beengenden Zwanges schaffenden Kunst, die, ach, nur zu bald, der Frosthauch einer unholden Zeit ersticken Hess. Wie viel Geist und Kunstsinn mag in diesen oberösterreichischen Gemeinden zu Linz, Steyr, Garsten, Enns, Eferding, Schwanenstadt, Judendorf etc. etc. bestanden und ein herzerfreuliches Dasein gelebt haben! Nun ist von all dem nichts mehr übrig als Staub, Trümmerreste und Gräber. Und bloss die Grabsteine sind noch als die stummen Zeugen einer lebensvollen Vergangenheit übrig geblieben. Und auch sie wurden vom Hasse und von der Gedankenlosigkeit entwürdigt, gleich denen, deren Andenken sie ehren sollten. Zu Eferding treten auf ihnen trunkene Bauern herum, zu Judendorf decken sie eines Gasthofes Gang. Besonders rührig waren die Juden zu Steyr und Garsten, die vielfache Beziehungen mit der magistratischen Verwaltung der ersteren Stadt hatten und darum in dem Archive häufig genannt werden. Es waren arbeitsfrohe und plagemutige Männer, denen es in ihrem streng begrenzten Kreise des IGeldenge ward. Sie sehnten wollten aus dem Vollen schaffen. Ihre Sehnsucht nach der Arbeit, der mühseligen und schweren, war so intensiv, dass sie auch ein Verbot nicht beachteten. Davon erzählt ein Reskript Herzog Albrechts, bei dem sich die Bürger beschwerten: „Das dünkt uns unbillig und darum befehlen wir Euch und wollen gar ernstlich, dass Ihr davon lasset und keiner Hände Arbeit treibet noch thuet in keinem Wege." Sonderbares Spiel der Zeiten! Damals wollten unsere Ahnen arbeiten, schwer und hart, und durften nicht, da sich die Spiessbürger und beschränkten Meister darob beschwerten. Und heute kla«t diese selbe Ehemaliger Tempel zu Steyr. (13.—14. Jahrhundert.) und Trödelgeschäftes zu sich nach Arbeit und Gruppe der Kleinen und Engherzigen uns an, wir arbeiteten zu wenig körperlich! Noch steht das Gebäude, in dem die Steyrer Juden zu ihrem Gott Gebete sandten, und merkwürdig, auf freiem, offenem Platze, da doch sonst Judengebäude im Dunkel enger Gässchen sich verstecken mussten. Es ist ein altes, schönes Haus, innen mit dem Charakter der Bauten aus dem 14. Jahrhundert, aussen renoviert. Als die Juden unter schwerer Anklage die Stadt verlassen mussten, blieb das Haus im Besitze eines getauften Juden, der Stadtarzt war, und später lange noch in dem seiner Familie. Wir möchten schier an Marannen denken, die unter lern Scheine eines aufgedrängten Glaubens ihren Vätern die Treue wahrten. Es wäre zu viel verlangt von dem Geiste mittelalterlicher Städte, wenn die Juden in Ruhe ihr mühereiches Dasein hätten vollenden können. Das Märchen von der Ho stiens chändun g machte seinen Umzug in den Städten und den Köpfen. In Oberösterreich erfand es eine hysterische Messnerin zu Enns. Sie habe konsekrierte Hostien an Juden, die damit Unfug trieben, verkauft, klagte sie sich an, und nun folgte der bekannte Vorgang: Einkerkerung aller angesehenen Juden, hochnotpeinliche Untersuchung, natürlich ohne Resultat. Deswegen wurden doch die Armen des Landes verwiesen, die Reichen nach "Wien geschafft und mit vielen Brüdern nach vergeblichen Bekehrungsversuchen öffentlich verbrannt (1421). Auch die Messnerin — der einzig gerechte Punkt an diesem Prozesse — erlitt den Feuertod. Bekehrungsversuche wurden allenthalben gemacht und arg diejenigen gequält, die ihrem Glauben treu blieben. Und der Chronist setzt hinzu: „So wurde die Stadt das Ungeziefer los." Auch Sagen aus dem 12. und 13. Jahrhundert kennt die Volksseele, und wir wollen hier eine in freier Nacherzählung erwähnen, die frei ist vom schmutzigen Hass der gewöhnlichen mittelalterlichen Judengeschichten , von einer zarten, traulichen Poesie umhüllt, eine Geschichte von rührend inniger Schlichtheit.