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Ost und West · 1901-07-01 · Heft 7 (Juli 1901) · p. Seite 491 - 492

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 7 (Juli 1901)
Article
Judenspuren in den Alpenländern
Date
1901-07-01
Page
Seite 491 - 492 (sequence 1)
Language
German
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491 492 JUDENSPUREN IN DEN ALPENLAENDERN. Von Emil Kronberger (Steyr). Nicht immer muss man des Alltags vielbetretene, festbegrenzte Bahn zu Ende trotten, manchmal glückt's aus des Fatums wirrem Knäuel den Goldfaden des Glückes zu erhaschen, und Vater Zufall führt uns dann hart an die Grenze träumerischer "Wirklichkeiten, zur Schwelle des Sonnenreiches von Dichters Phantasie. So schmiedet der seltsame Spender in des Lebens Sorgenkette scheinbar einen goldenen Ring aus dem Zauberreich des Unmöglichen, wirksam ein ganzes Leben lang. Und von solch einem Gnadengeschenk des Zufalls sei in den folgenden Zeilen erzählt. Während einer Alpentour, die mir die tausend Schönheiten wechselnder Kalkgebirgslorinationen in die Seele prägte, war ich stundenlang den Weg zur „hohen Nock" geschritten, müde suchte ich zur Rast im Tannenwalde ein weiches Lager, da erblickte ich, von dichtem Moos bedeckt, ein steinern, regelmässig Viereck. Ich entfernte in neugieriger Hast das üppig gewucherte Grün und sah in einem mir stets denkwürdigen Momente einer hebräischen Grabschrift verwitterte Reste. Eine Flut von Gedanken und Gefühlen stürmte auf mich ein, tausend Fragen schwirrten mir durch den Sinn. Wem gehörte dies Grabmal und seit wann ruht auf weltentlegenem Waldesgrunde dies DeDkzeichen jüdischer Pietät? Ich konnte der Väter Schrift nicht lesen und hatte nun den weiten Ausblick auf ein Panorama aller Möglichkeiten. War's der gelehrte Rabbi, war's vielleicht einer grossen Familie sorgendes Oberhaupt, vielleicht gar ein geliebtes Mädchen, das die flüchtenden Stammesbrüder vor dem Fanatismus schändender Hände hier schützend zur Erde bestatteten? Ich reinigte den Block vollends vom Moose, legte noch ein Steinchen an den Rand des Grabmals und wanderte weiter. Ich hatte zurückgeschaut in eine Vergangenheit von ruhmvoller Treue, von ehrlich kräftigem Trutz, auf Männerstolz und Stetigkeit, volle Männer und ganze Juden — wie lange ist's schon her? Seitdem forsche ich mit aller Gründlichkeit und sorglichem Eifer, wie etwa ein Einsamer das Sehnsuchtsbild der verschollenen Geliebten sucht, nach Spuren jüdischer Siedelungen in den österreichischen Alpenländern, und fand manche rührende Geschichte, manches Kunstwerk und manch interessantes, historisches Detail. Denn die Länder, die wir in den Kreis unserer Betrachtung ziehen, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, waren reich an jüdischen Gemeinden. Schon im Jahre 710 gedenken die Chroniken jüdischer Händler, die auf des Reiches viel belebten Strassen den grossen Verkehr zwischen Ost und West vermittelten. In langen Zügen fuhren sie mit hochgetürmten Wagen die Strassen von Regensburg und Passau herein und der Donau entiang, oder sie zogen von den Häfen der Adria die alte Römerstrasse hinan gen Wien. Auf Saumpfaden brachten sie durch den dichten Böhmerwald Sldaven, Rosse und Wachs herbei. Da mögen wohl die bärtigen Gestalten mit ihren gelben, kegelförmigen Hüten manchem Ritter und manchem Bürgerlein, dieweil sie die Produkte ferner Zonen ihnen zum Kaufe anboten, wie Abgesandte einer fremden, fernen Welt erschienen sein, wie etwa in Universitätsstädten heute noch japanischen Doktoren die Strassenmenschen und die Leute von Dingsda erstaunt nachstarren. Als sich die Juden dauernd in den Alpenländern niederliessen, waren es wohl die grösseren Städte, die Kreuzungspunkte der Handelsstrassen, die sie liebten, doch durften sie selten frei wählen. Eines rohen Egoismus Zwang und der lodernde Hass trieben sie in die strassenfernen, waldumkränzten, stillen Marktflecke und Dörfer der früchte- und saatenreichen Landschaft. Man zähle nur in den offiziellen Registern die Weiler, die Judendorf heissen, man wird sicherlich über das vielfache Vorkommen erstaunen. Und wie viele Orte mögen noch glückliche und traurige Stunden jüdischer Siedler gesehen haben, ohne dass uns hiervon etwas mehr kund ist. Wir verschmähen es, hier von den bekannten, grossen Gemeinden, von Knittelfeld, von Judenburg, das einen Judenkopf im Wappen führt, zu sprechen, wir werden auch von Marburg nicht erzählen, das eine Stätte jüdischer Gelehrsamkeit war, dessen Namen jüdische Familien, nach der Vertreibung auf Italiens freieren Boden flüchtend, zur Erinnerung an die schöne, aber unfreund willige Stadt ihren Nachkommen vererbten. Viele Spuren dieser Zeiten sind leichthin zu sehen, noch vieles mehr wäre aber von dem Geisse eines Forschers zu finden, der quellenkundig auf Archiven in staubbedeckten Papieren blättern würde. Freilich wahrhaft seltsam sind oft die Gelegenheiten, die uns Erinnerungen an die längst vergangenen Zeiten schenken, Zeiten, die nach der Herrschenden Willen Feige und Schwache zeugen sollten, und Helden, todbereit, für ihre Ueberzeugung entstehen liessen. Manches Gebäude und manche Kapelle verraten noch der einstigen Synagoge Bau, mancher Tempelleuchter und manches Thoraschmuckwerk lässt uns der Zufall noch schauen, und selbst die gehüteten Schätze deralten Familien giebt er preis. Münzen der Hasmonäer lieferte z. B. eine Ausgrabung zu Breiten, eine andere Münze konnte das Linzer Landesmuseum durch den Zufall eines Brunnenbaues erlangen. Ein Händler zeigte uns eine Truhe mit dem Davidsstern

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