Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1901-07-01 · Heft 7 (Juli 1901) · p. Seite 487 - 488

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 7 (Juli 1901)
Article
Das Judentum in der deutschen Litteratur
Date
1901-07-01
Page
Seite 487 - 488 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583876-2583884-2609047--00624-2609114
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

487 Dr. Hans Landsberg: Das Judentum in der deutschen Litteratur. 488 das in der strengen Zucht und Sitte seines Volkes aufgewachsen war, den sieggewohnten, kriegsgewaltigen Mann? Hebbel antwortet: Aus Liebe. Aus Liebe, die sich verachtet und geschmäht sieht, die in den heiligsten Keuschheitsempfindungen des Weibes getroffen wird und das höchste Fest des Lebens zu einem frechen Spiele tierischer Trunkenheit herabgewürdigt sieht. Holofernes muss sterben, damit Judith leben kann. Otto Ludwig hat ähnlich Grosses in seinen „Makkabäern" geschaffen. Nur dass er mehr historischen Sinn verrät als Hebbel, dass er über der Psychologie seiner Helden das Zeitkolorit und die jüdische Volksseele nicht zu schildern vergass. Er schuf ein Hohelied auf die Kraft des Glaubens, die tausend martervolle Tode empfängt, um Jehovah, dem Herrn und Gotte, zu dienen: „Wen er behütet, der kann lachen, Denn wer ist herrlich so wie Er? Der Herr ist mächtig in den Schwachen, Schickt seinen Sieg vor ihnen her. Hallelujah!« Grösseres hat christliche Poesie zur Verherrlichung des Judentums nicht wieder geschaffen als hier, wo der Fanatismus der Sabbatheiligung den Juden auferlegt, sich von dem Feinde wehrlos hinschlachten zu lassen. Hier sehen wir ein Volk einig in einem Gefühle, dem gegenüber sich die flammende Thatkraft des Makkabäerhelden als ohnmächtig erweist. In jüngster Zeit ist dann das antike Judentum noch einmal mit bewundernswerter Kunst dargestellt worden, in Sudermann^s »Johannes". Auf die zahlreichen Darstellungen der modernen jüdischen Gesellschaft können wir nicht im einzelnen eingehen. Zum grössten Teil sind es Karikaturen, und eine Karikatur, die durch Verzerrung einzelner Linien entsteht, ist im Grunde auch die Schilderung in Freytag's ,,Soll und Haben", einem Philisterroman, der nur noch litterarhistorisch eine gewisse Bedeutung besitzt. Wichtiger erscheint es uns, einmal nachzuforschen, welche Rolle die jüdischen Dichter in der deutschen Litteratur gespielt haben. Hier nun nimmt Heine eine so überragende Stellung ein, dass, an ihm gemessen, alle andern kaum in Betracht kommen. Jüdische Dichter finden wir bereits unter den Minnesängern; wie weit das Judentum an der späteren Produktion bis tief hinein ins 18. Jahrhundert beteiligt ist, hat man meines Wissens noch nicht festgestellt. Um die Wende des 18. Jahrhunderts, zur Zeit der Romantik, die in ihren jüngeren Abkömmlingen gewisse antisemitische Neigungen verspürt, spielt das Judentum eine bedeutende Rolle, die sich noch steigert zur Zeit der Frauenemanzipation in den dreissiger Jahren, damals, als die Frauenschriftstellerei ähnlich blühte wie heute und Fanny Lewald zu den meistgelesenen deutschen Autoren gehörte. In der Folgezeit dient die litterarische Produktion der Juden mehr und mehr dem Tagesbedürfnis der Bühne. Zugleich bilden sie eine ganz bestimmte Note in der modernen Lyrik aus. In der Novelle wird das jüdische Ghetto für die Litteratur fruchtbar gemacht. Der vielleicht bedeutendste deutsche Roman der Gegenwart, Wassermann^ „Renate FucI s", ist von einem Juden geschrieben. * * * Heine aber spielt in der neuen deutschen Litteratur eine so ungeheure Rolle, dass man schlechthin keinen andern deutschen Dichter nennen kann, der in gleicher Weise auf seine poetischen Nachfahren und auf die Geniessenden, auf Kunst wie Leben, gewirkt hätte. Er ist heute der gelesenste deutsche Dichter, daheim wie im Auslande. Die moderne deutsche Lyrik ist eher ohne Goethe möglich, als wenn man Heine wegdenkt. Die moderne Prosa hat sich bis zu Nietzsche ganz nach seinem Bilderreichtum, der sinnlichen Fülle und scharfen Plastik seines Ausdrucks gebildet, wenn es auch den Neueren vielfach an dem geistigen Bande, an der leicht quellenden Phantasie fehlt. Die politische Satire wie der Realismus, der vor keiner Berührung mit dem Alltäglichen zurückschreckt, finden in Heine ihre Prototypen. Dabei sind seine Schriften heute noch so erstaunlich frisch wie am ersten Tage, höchstens der Blumenduft seiner kokett-sentimentalen Erstlingslieder ist ein wenig unangenehm geworden. Und noch immer nimmt Heine nach einem treffenden Ausspruche von Georg Brandes die Rolle der Brennessel im Gemüsegarten ein. Er gilt als das enfant terrible, das man heimlich vergöttert und in der guten Gesellschaft verleumdet. Vor allem gilt er als Jude und auch ein wenig als Vaterlandsverräter. Seine Geistesfreiheit bezeichnet man als Unmoral, seine gesunde Sinnlichkeit als Sünde. Psychologisch in seine seelischen Tiefen hineinzuleuchten, zu ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.