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Ost und West · 1901-07-01 · Heft 7 (Juli 1901) · p. Seite 485 - 486

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 7 (Juli 1901)
Article
Das Judentum in der deutschen Litteratur
Date
1901-07-01
Page
Seite 485 - 486 (sequence 3)
Language
German
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485 Dr. Hans Landsberg: Das Judentum in der deutschen Litteratur. 486 der schwedischen Gräfin*4 einen edlen Juden darstellte, der im Drama wie im Roman bald eine zahlreiche Nachfolgerschaft fand. Bevor Lessing seinen „Nathan" schrieb, der den Pastorssohn bekanntlich im Volke zum Juden stempelte, hat er, und zwar volle dreissig Jahre früher, einen edelherzigen Israeliten in seinem Jugenddrama „Die Juden" dargestellt. Die paradoxe ethische These lautete, ganz wie später im „Nathan": „Es giebt doch wohl auch Juden, die keine Juden sind." Iffland verwässerte diese Tendenzen, die in dem toleranten Zeitalter Friedrich des Grossen kräftig Wurzel fassten, und der edle Jude wurde bald ein stehendes Requisit der deutschen Bühne. Zur selben Zeit aber zeigte Goethe, wie man ein starkes germanisches Empfinden mit ausdrücklicher Hochachtung vor dem Judentum verbinden könne. Goethe bezeichnete Energie als den Grundzug jüdischen Wesens. „Keiner, auch nur der kleinste, geringste Jude, der nicht entschiedenes Bestreben verriete, und zwar ein irdisches, zeitliches, „augenblickliches." Es ist bekannt, in wie nahem Verhältnis Goethe zu Spinoza stand, dem er im sechzehnten Buche von „Wahrheit und Dichtung" ein schönes Denkmal gesetzt hat. Spinoza war schlechthin der einzige, der auf spekulativem Wege zu derselben Weltanschauung gelangt war wie Goethe kraft seiner künstlerischen Denkweise. „Ich ergab mich dieser Lektüre", schreibt Goethe, ,,und glaubte, indem ich mich selbst schaute, die Welt niemals so deutlich erblickt zu haben ... Unser physisches sowohl als geselliges Leben, Sitten, Gewohnheiten, Weltklugheit, Philosophie,Religion, ja so manches zufällige Ereignis, alles ruft uns zu: dass wir entsagen sollen . . „Denke man aber nicht, dass ich seine Schriften hätte unterschreiben und mich dazu buchstäblich bekennen mögen. Denn dass niemand den andern versteht; dass keiner bei denselben Worten dasselbe, was der andere denkt; dass ein Gespräch, eine Lektüre bei verschiedenen Personen verschiedene Gedankenfolgen aufregt, hatte ich schon allzu deutlich eingesehen, und man wird dem Verfasser von Werther und Faust wohl zutrauen, dass er, von solchen Missverständnissen tief durchdrungen, nicht selbst den Dünkel gehegt, einen Mann vollkommen zu verstehen, der als Schüler von Descartes durch mathematische und rabbinische Kultur" sich bis zu dem Gipfel des Denkens hervorgehoben, der bis auf den heutigen Tag noch das Ziel aller spekulativen Bemühungen zu sein scheint," Ganz spinozistisch gedacht sind Goethe's „Grenzen der Menschheit": „Mit Göttern Soll sich nicht messen Irgend ein Mensch. Hebt er sich aufwärts Und berührt Mit dem Scheitel die Steme, Nirgends haften dann Die unsichern Sohlen, Und mit . ihm spielen Wolken und Winde." Der junge Goethe und mit ihm eine ganze, vom Sturm und Drang neuer Ideale erfüllte Generation, empfand die reife Sinnenschönheit des neuen Hoheliedes, das er in herrlichen Versen wiedergab. Seitdem brach gleichsam eine Wiedergeburt des Alten Testaments an, das in ganz anderer Weise als das Neue eine Fülle dankenswerter künstlerischer Probleme enthielt. Nunmehr dichtet Byron seine „Hebräischen Melodien", die Heine zu ähnlichen Schöpfungen angeregt haben. Der Esther - Stoff, von Hans Sachs her bekannt, von Goethe parodistisch in einer Haupt- und Staatsaktion verwandt, wird in Grillparzer's Meisterschöpfung zu einem prachtvollen Torso. Nicht lange hernach beschert uns Hebbel seine „Judith". Der ewige Gehalt der alttestamentarischen Stoffe besteht in ihrer schlichten Einfachheit, in ihrer volksliedartigen Grösse. Erzählungen, in die sich je nach dem Geiste des Beschauers unendlich viel hineinlegen Hess, Themen, die darin den griechischen Sagenstoffen verwandt, ihrer Fabel nach von Anfang bis zu Ende festgelegt waren und dem Dichter, welcher der Sorge des poetischen Rahmens enthoben war, ein um so kraftvolleres Eingehen auf das innere Bild ermöglichten. So wusste man auch hier, was Judith vollbracht hatte, aber es gab keinerlei Aufschlüsse über die Motive ihrer Handlung. Die Naivetät der älteren Kunst nahm solche Geschehnisse einfach als Thatsachen hin, die durch die blosse Wiedergabe eine elementare Wirkung hervorbrachten. In der klassischen Malerei wird das besonders deutlich. Die moderne Kunst ist nicht so genügsam. Sie sieht sich vor Rätseln und Abgründen, die der Dichtergeist erhellen soll. Sie fragt, wie konnte Judith den Holofernes töten, das Weib,

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