Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- Das Judentum in der deutschen Litteratur
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 483 - 484 (sequence 2)
- Language
- German
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483 Dr. Hans Landsberg: Das Judentum in der deutschen Litteratur. 484 nehmlich auf die Verwickelung der Fabel, auf das geschickte Verschlingen und mähliche Aufknoten der Fäden, auf das, was der Franzose „faire la scene" nennt, ankommt, kurz, überall da, wo es eine frappante Bühnenwirkung anstrebt, wo es unterhalten und spannen will. Selbst die deutsche Lyrik borgt ihre künstlichsten Formen von den Romanen, und ihr moderner, heut gottlob schon fast überwundener Aestheticismus — die lyrische l'art pour l'art-Kunst — ist den französischen Dekadenten und Symbolisten, den Baudelaire und Verlaine ganz und gar unterthänig .... Je mehr nun eine Kunst sich abhängig erweist von fremden Kulturen, um so mehr bedarf sie der geistigen Vermittler, die ihnen fremde Geistesgüter zu eigenem Besitze verschaffen. Diese Rolle des Maklers hat der Jude in der deutschen Litteratur gespielt. Indes seine Thätigkeit hat sich keineswegs darauf beschränkt, fremde geistige Produkte in sein neues Vaterland einzuführen, er hat zugleich das Verständnis für die grossen nationalen Geister in die breitere Masse der Gebildeten getragen oder die Aufnahmefähigen gebildet gemacht. "Wenn Goethe heute nicht mehr ganz unbekannt in Deutschland ist — dass er bekannt sei, wage ich nicht zu behaupten —, so gebührt das Verdienst dafür fast ausschliesslich den Juden, brachten doch die Salons der Rahel Levin und der Henriette Herz den Goethekultus auf, waren doch nach ihnen immer wieder Juden in dieser Richtung erzieherisch thätig. Und ähnlich haben sie später in Kunst und Wissenschaft gewirkt, die Lehren Schopenhauer's und Nietzsche's verbreitet, für Richard Wagner und Böcklin gekämpft und gesiegt, um bei dem Bayreuther Meister etwa dafür den bittersten Undank zu ernten; mit derselben erfolgreichen Energie sind sie für Hebbel, Keller, Fontane, Liliencron eingetreten. Dabei besassen diese Künstler eigentlich wenig, was ihnen innerlich verwandt war, und andere als ideale Gründe waren bei diesen Bestrebungen völlig ausgeschlossen. Die Juden zeigten sich für diese führende Vermittlungsrolle besonders befähigt durch ihren starken Grad von Aufnahmefähigkeit, durch das lebhaft entwickelte Vermögen der Wandlung und Selbstentäusserung, die der starrere germanische Geist nicht entfernt in demselben Masse besitzt, nicht zuletzt dadurch, dass sie, dank einer mehrtausendjährigen Kultur, alle Wesensarten von Schmerz und Lust, die anständigen Gefühle wie die minder normalen, in sich durchlebt hatten. Andererseits darf man gerechterweise die Schattenseiten dieser jüdischen Vermittelung nicht verkennen. Die moderne Presse, die jeder Kundige mit sehr gemischten Gefühlen betrachten muss, und, um nur noch einen Kulturfaktor zu nennen, das moderne Geschäftstheater ist ihre Schöpfung, wobei freilich immer die Frage ungelöst bleibt, ob sie sich ohne ihr Zuthun viel anders entwickelt hätten. Thatsächlich hat der Antisemitismus keine bleibenden Werte der Kultur geschaffen. Endlich dürfte dem Judentum auch die bedauerliche Nervosität des heutigen Kunstbetriebes zur Last fallen, diese unersättliche Gier nach Neuem, Unerhörtem, Sensationellem, jene Ruhelosigkeit, die dem Schaffen wie dem Geniessen gleich verhängnisvoll ist, ein Stigma der modernen Kultur, das man recht oberflächlich als „Geist der Zeit" bezeichnet. Hinwieder aber ist es gänzlich falsch, die Juden dafür verantwortlich zu machen, dass der deutsche Geist immer wieder im Auslande Anregung und Anlehnung sucht. Auch der oberflächliche Kenner der deutschen Kulturgeschichte weiss, dass hierfür neben dem eingeborenen Drange des Deutschen gänzlich andere Faktoren mit thätig waren. Vor allem der Umstand, dass die fremde Kultur, die er in zahlreichen Kriegen daheim und auswärts, im Orient des Mittelalters, im Italien der Renaissance, in Frankreich und Spanien während des 17., in England und Amerika zur Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts antraf, dass diese fremden Kulturen ihn durch formale Reize sowie durch einen höheren Grad der Vollendung fesselten und zur Nachahmung trieben. Gelang es ihm dann, sich das Beste von ihnen innerlich anzueignen und Fremdes abzustossen, so hat der Deutsche das Ausland kraft seiner reicheren Charaktereigenschaften überflügelt. Beweis: die deutsche Wissenschaft. * * * Deutsche Dichter mit antisemitischen Gefühlen hat es, abgesehen von verschwindenden Ausnahmen, zu denen. Clemens Brentano gehört, überhaupt nicht gegeben. Sie sindim Gegenteil von jeher für die Juden eingetreten, sonderlich seit der Zeit, da die Emanzipation, der deutschen Juden ihren Anfang nahm, also etwa seit Moses' Mendelssohn. Als einer der ersten trat Geliert auf den Plan, der 1747 in seinem langatmigen „Leben