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Ost und West · 1901-06-01 · Heft 6 (Juni 1901) · p. Seite 453 - 454

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 6 (Juni 1901)
Article
Haman und Mardochai in Janow
Date
1901-06-01
Page
Seite 453 - 454 (sequence 2)
Language
German
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453 Israel Abraham söhn: Haman und Mardochai in Janow. 454 Dieses Janow besass schon damals den Ruf eines jüdischen Schiida, den es heute noch hat. Damals lebten in Janow etwa 3000 Juden; sie hatten drei sogenannte Rabbiner, die zusammen über 250 Jahre alt waren und sehr lange Bärte, aber keine Haare auf den Wackelzähnen hatten. Die Herde dieser Hirten war aus den erlesensten Hammeln zusammengesetzt. Als ihr schwarzes Schaf betrachteten sie aber alle den Flickschuster Chaskel Schmuhl, den sie selbst Chaskel Pauer, d. i. Dummkopf, nannten. Diese Stadt hatte Benedict Jagodzinski als Ausgangspunkt seiner Tournee ausersehen. Bald nach der Bekanntmachung, die auch die Juden von Janow in ein Meer von Trübsal gestürzt hatte, wurde der Parnes der Gemeinde zum Stadthauptmann, einem gutmütigen Schlachzizen, beschieden, der in dieser jüdischen Welt ganz und gar verjudet war. „Leibleben," redete er den Reb Leib an, „der Rosche kommt in drei Tagen in unser Städtel; ersticken soll er (hierbei spuckte er aus). Was der König sagt, muss man thun. Die Rabbiner können sich ihre Sterbekleider zurecht legen und die fromme Bruderschaft bestellen. Oi, oi, schlimme Zeiten, aber Bruderherz, ich kann Euch nicht helfen." Der Parnes berief eine Versammlung der ganzen Gemeinde in die grösste Synagoge; Frauen und Kinder strömten auch herein, es erhob sich ein allgemeines Wehklagen und Jammern. Die Rabbiner stritten miteinander, wer sich dem Rosche stellen solle. Jeder wollte den anderen den Vorrang lassen und jeder nötigte den andern, wie höfliche Menschen an der Thür Halt machen und mit ausdrucksvollen Gesten und freundlichen Grimassen sich zu verstehen geben, dass sie um keinen Preis der Welt als erste die Oeffnung passieren wollen. Als in dem Streit der Rabbiner, die immer noch gewissermassen mit ausgestreckter Hand zu sagen schienen: „Nach Ihnen, Kollege," und in dem Geschrei der Durcheinanderredenden eine kurze Erschöpfungspause eintrat, hörte man die bescheidene Stimme Chaskel Pauer's. „Brüder," sagte Chaskel, „ich werd' mit dem Rosche, — wie heisst's? — disperieren!" Eine tiefe Stille tilgte die letzten Spuren des Lärms für einen Moment, dann hallte trotz der Nähe der Gefahr, die alle fürchteten, die Synagoge von Jubel und Gelächter wieder. „Chaskel Pauer will mit dem Rosche diskerieren, Chaskel Pauer, der grösste Pauer, der grösste Chammer von allen Chammaurim will mit dem Rosche diskerieren." Die Rabbiner aber, die gerne eines natürlichen Todes sterben wollten, schrien: „Er hat recht; er soll mit dem Rosche diskerieren. Kann Schemes Boruch nicht thun ein Wunder? Wenn der Rosche soll besiegt werden, wird Schemes Boruch thun ein Wunder durch Chaskel Pauer." Chaskel wiegte den Kopf hin und her und lächelte so verschmitzt wie ihm nur möglich war. Und so wurde Chaskel Pauer, der mit dreizehn Jahren noch nicht die Broche hatte sagen können, der mit 20 Jahren notdürftig hebräisch und jüdisch-deutsch lesen gelernt hatte und mit seinen 30 Jahren wegen seiner Dummheit noch keine Frau bekommen hatte, so wurde Chaskel Pauer ausersehen, dem Sekretär der Fürstin Janeszymnie und Schützling der mächtigsten Prälaten als weiser Jude von Janow entgegenzutreten. Der Tag der Disputation war erschienen. Der Rosche kam mit einem grossen Gefolge von Pfaffen und Soldaten ins Städtchen. Der Stadthauptmann musste ihn empfangen und geleitete ihn zu der eigens für das Turnier errichteten hohen Tribüne, an der Chaskel Schmuhl und zwölf Mitglieder der Judengemeinde, die Sekundanten, bereits warteten. Die ganze Gemeinde fastete in Sack und Asche wie zu den Zeiten Hamans und Mardochais. Der gute Stadthauptmann hatte der heiligen Mutter Gottes ein neues Kleid gelobt, um sie den Vertretern des Alten Bundes günstig zu stimmen. Benedictus Jagodzinski, ein schöner Mann, mit kalten, durchdringenden Blicken und schwarzem Spitzbärtel, reichte lächelnd Chaskel Schmuhl die beringte Rechte. Also, mein Bruder, sagte er, Du willst nicht aus freien Stücken bekennen, dass Dein Glaube Irrtum und Teufelsdreck ist! Nun, so lass uns nach des Königs Geheiss die Disputation beginnen. Sie stiegen von entgegengesetzter Seite die Treppen zur Tribüne hinauf und stellten sich an ihrem niedrigen Geländer einander gegenüber auf. „Nun frage; ich höre." Chaskel Schmuhl zog den Oberkörper zusammen, drückte die Augen ein, riss sie dann gross auf und fragte, sich hastig vornüberneigend: Was heisst ani lau jaudeia? „Ich weiss nicht," antwortete prompt und richtig der Rosche. Blitzschnell hatten ihn zwei Fäuste gepackt, fühlte er einen Fusstritt und flog kopfüber auf die harten Steine hinab, um keine Frage mehr zu thun. Ein ungeheures Getöse erhob sich. Der Stadthauptmann warf seine Mütze in die Luft und rief auf polnisch juchhe. Die zwölf Sekundanten tanzten wie weiland König David vor der Bundeslade. Die Soldaten präsentierten vor Chaskel, der mit der Würde eines Imperators die Stufen der Tribüne hinabstieg, das Gewehr, die Musikanten trommelten und trompeteten, und die Mönche verschwanden wie weggeblasen. Boruch-Benedict schlich wie ein begossener Haman davon. Er hatte sich glücklicherweise weder das Genick, noch die Arme, noch die Beine gebrochen, wie die dementia seiner Patrone ihm zugesichert hatte, dafür war er bis auf die Knochen blamiert, und da die Lächerlichkeit auch damals schon tötete, ward er von Stund an ein toter, für alle verschollener Mann.

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