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Ost und West · 1901-06-01 · Heft 6 (Juni 1901) · p. Seite 455 - 456

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 6 (Juni 1901)
Article
Haman und Mardochai in Janow
Date
1901-06-01
Page
Seite 455 - 456 (sequence 3)
Language
German
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455 Israel Abrahamsobn: Haman und Mardochai in Janow. 456 Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der Niederlage des Rosche im ganzen Lande. Alle Welt bellte über den grossartigen Witz, auf den Benedictus im wahren Sinne des Wortes hereingefallen war, und alle Welt war erstaunt, dass der Mann, den die Janower als Pauer bezeichneten, ein derartiges Genie gezeigt hatte. Der Gaon von Wilna beschloss, diese Blume, die im Verborgenen blühte, in eine ihrer würdigere Stätte zu verpflanzen, und so erschien eines Tages bei Chaskel Pauer, der nun wieder Stiefel reparierte, ein Abgesandter des grossen Rabbiners, entbot ihm Grüsse seines Meisters und überbrachte ihm dessen Wunsch, den neuenMardochai von Angesicht zu Angesicht zusehen. Der neue Mardochai, welcher gerade seinem Flickschusterberufe oblag, sah den feinen Studenten mit offenem Munde an; mit vieler Mühe gelang es dem Bachur, Chaskel klar zu machen, dass er sich keine Stiefel reparieren lassen wolle. Als Chaskel endlich begriffen hatte, welche Ehre ihm bevorstand, bedurfte es des Zuspruchs und der Bemühung der ganzen Gemeinde, ihn von einer Abweisung der Bitte des Gaons abzuhalten. Endlich war sein Widerstand besiegt. Hab und Gut, Weib und Kind besass er nicht, drei Paar Stiefel Hess er beim Nachbar Zwirn zurück, damit dieser sie den Bauern gebe, denen sie gehörten; seine Schulden bezahlte der Bachur, und schon am nächsten Morgen zog der Student und der Pauer dem Lerchengesang und der Sonne entgegen. Chaskel war in seinem Leben nicht über die nächste Umgebung Janows hinausgekommen. Die Schönheit der Natur hatte sich ihm noch nie erschlossen, und die Lust des Reisens ergriff ihn mit aller Thorheit einer ersten Leidenschaft. So oft der Student mit ihm ein gelehrtes Gespräch anfangen wollte, erhielt er die verkehrtesten Antworten. Chaskel wusste seinerseits des Fragens kein Ende und er fragte so stürmisch, dass der Student sich schliesslich im Stillen beglückwünschte, dass er nicht mit diesem Streiter Janow's hatte disputieren müssen. Nach 14 Tagen langten sie in Wilna an. Chaskel war allmählich immer einsilbiger und trauriger geworden, und als er jetzt in der grossen lärmerfüllten Stadt war, hätte er sich Flügel gewünscht, in sein stilles Janow zurückfliegen zu können. Das Haus des Gaons lag gegenüber der Synagoge, die weit grösser und prächtiger war als die katholische Kirche in Janow; es war schöner und geräumiger als das Schloss des guten Janower Stadthauptmanns. Auf den Fussspitzen ging Chaskel hinter dem Bachur die teppichbelegten Stuten empor. Mit einem Male befand er sich in einem weiten Saale, in dem viele Männer sassen. Bei seinem Eintritt erhoben sich alle. Ein Greis von ehrfurchtgebietender Schönheit sah ihn mit forschenden Augen an, rief laut: „Sieh da, Chaskel Schmuhl, der Mardochai von Janow!" und bot ihm ein herzliches Boruch habo. Es war der Gaon. Chaskel konnte sich nicht genug verwundern, dass das ein Mensch war wie andere Menschen. Da der Rabbi ihm freundlich zuredete, verlor er bald alle Furcht und erlangte seine alte Gesprächigkeit wieder, und als ihn der Gaon aufforderte, zu erzählen, wie er darauf gekommen sei, dem Rosche die Frage vorzulegen, die diesen verderben musste, erzählte er es treuherzig. „Einmal hab1 ich gelesen ani lau jaudeia. Hab' ich nicht gewusst, was es heisst, hab' ich gefragt den Reb Zwirn, hat er gesagt: ,Ich weiss nit4, hab1 ich gefragt Pawel und Peter, Leib und Reb Leib, die Rebonim und alle Männer, und alle haben gesagt: .Ich weiss mV Hab ich nachgesehen im deutsch Chumesch, was doch weiss alles, und Gott's Wunder! das deutsch Chumesch hat auch sagen gemusst: ,Ich weiss mV Als nun alle haben gefürchtet, zu disperieren mit dem Rosche, hab' ich mir gedacht in meinem Sinn: Wenn die Rebonim und gar das deutsch Chumesch nicht wissen, was heisst*ani lau jaudeia, wird toinmer ja so ein miesserApikaures es am End'auch nicht wissen." Ein schallendes Gelächter erhob sich unter den Studenten, der Gaon aber blieb ernst. ..Guter Chaskel," sagte er, „ich wollte aus Dir einen Studierten machen, ich sehe, dass Du Dich dazu nicht eignest. Deiner That aber, die Deine Erzählung rührend und wunderbar macht, soll ihr Lohn werden. Wenn Du auch kein Rabbiner werden kannst, zum Schames wirst Du genug Witz haben; so magst Du an unserer Synagoge als Schames walten, und Gottes Segen sei mit Dir.*4 Chaskel Schmuhl wurde Tempeldiener in Wilna, heiratete die Tochter eines angesehenen Mannes und zeugte mit ihr sechs Söhne und sechs Töchter, die alle so ehrlich waren wie ihr Vater, so schmuck wie ihre Mutter und klüger als beide zusammengenommen. Als Chaskel hochbetagt starb und von Kindern^ Enkeln und Urenkeln und vielem Volke zur Ruhe geleitet wurde, sprach an seinem Grabe ein Gaon: „Nicht stirbt der Gerechte, sein Andenken lebt fort in seinen Thaten!" Der Mann hat recht behalten. Mehr als 200 Jahre nach ChaskeFs Tode habe ich seine Geschichte in Polen gehört, und als ich einmal die gute Stadt Janow besuchte, merkte ich, dass die Janower auf ihren Chaskel Schmuhl sich mehr einbilden als die Königsberger auf Kant, und würden sie nicht sinnliche Denkmäler verabscheuen, so hätte ich auf dem Marktplatze von Janow, der noch heute der Platz des Streites heisst, ein Monument Schmuhl Mordches bewundern können. Jf&&*&>>$&4&$&

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