Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1901)
- Article
- Haman und Mardochai in Janow
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 451 - 452 (sequence 1)
- Language
- German
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451 452 HAMAN UND MARDOCHAI IN JANOW. Von Israel Abrahamsolln. Es war einmal in Polen ein schlechter Jud Namens Boruch Jeiteles. Einen frecheren, schamloseren Burschen hatte man in den vereinigten Königreichen kaum antreffen können. Dieser Boruch trat, weil er einmal wegen seiner schlechten Streiche fürchterlich durchgeprügelt wurde, zum Katholizismus über und wurde wie die meisten Konvertiten der wütendste Judenfresser. Da er gewandt und redebegabt war, gelang es ihm, sich bei den Pfaffen einzuschmeicheln und sich den Ruf grofsen Wissens bei ihnen zu verschaffen. Er wurde nicht müde, ihnen über seine ehemaligen Glaubensgenossen Schlechtes zu hinterbringen und ihrem Hasse Nahrung zuzutragen. Dadurch erlangte er in diesen Kreisen immer mehr Beliebtheit und Ansehen, und schliesslich wurde er gar dem Primas von Polen und Littauen und dem Kommandeur der polnischen Jesuiten als der gelehrte Konvertit Benedictus Jagodzinski — diesen Namen hatte er angenommen — vorgestellt. Die beiden Geistlichen, die eigentlichen Herren des Landes, fanden ein grosses Gefallen an dem neuen Haman, und alle drei heckten einen Plan aus, die Juden in Unruhe und Angst zu stürzen und den Ruhm der Kirche und die Zahl der Gläubigen zu mehren. Der König, ein guter Mann, der wie viele polnische Könige Kasimir hiess, aber keine Esther zur Geliebten, sondern eine sehr fromme Vaschti zur Gattin hatte, sträubte sich lange, dem Ansinnen zu willfahren, das die beiden Priester an ihn stellten. Da aber auch seine Gemahlin und alle, die unter des Klerus Einfluss standen, ihn bestürmten, gab er nach, und so erschienen eines Tages in allen Städten und Städtchen Polens und Littauens zur selben Stunde königliche Ausrufer, und nachdem Trommler und Trompeter durch grosses Geiöse der Menge kund gethan, dass eine wichtige Verordnung bekannt gemacht werden sollte, vernahmen die Unterthanen folgende Worte: Männer und Frauen! Edelleute! Bürger und Juden! Also spricht zu Euch des Königs Majestät und des Erzbischofs Eminenz: Der gelehrte und gottesfürchtige Bürger Benedictus Jagodzinski, Sekretär der Fürstin Janeszymnie, welcher den Irrtum, in dem er befangen war, als er zum Gotte Abrahams betete, aufgegeben und der allein selig machenden Kirche sich ganz ergeben hat, ist des Herzenswunsches voll, alle seine Blutbrüder und Schwestern des Segens der Wahrheit teilhaftig werden zu lassen. In solchem Drange hat er sich an uns gewandt und uns gebeten, ihm zu verstatten, mit weisen Männern der Juden ernstlich und eifrig Disputation zu halten. Solches erlauben wir ihm gern und verkünden Euch, was folgt: Der gelehrte und gottesfürchtige Secretarius wird in Eure Stadt kommen und auf der Stadtmauer, aui einer Brücke, an eines Flusses Rand, an einer sonst hervorragenden, weithin sichtbaren und exponierten Stelle, oder auf einer eigens errichteten Tribüne mit Eurem Rabbiner oder wen sonst aus Eurer Mitte Ihr dazu bestimmt, öffentlich disputieren. Eurem Manne soll die erste Frage zu stellen nicht verwehret sein, dann wird der weise Secretarius fragen, dann soll wieder Euer Streiter das Wort haben, dann wieder Benedictus Jagodzinski, und so soll es fortgehen, bis jeder der Disputierenden 25 Fragen an den andern gerichtet hat. So diese 25 Fragen Euer Disputant gut beantwortet hat, soll Benedictus ihm ein Geschenk geben, sogleich Eure Stadt verlassen und sie hinfüro nicht mehr betreten. Wehe aber, wenn einer eine Frage übel beantwortet. Wehe, wenn einer bekennen muss: „Ich weiss nicht." Sogleich soll er kopfüber in die Tiefe gestossen werden. Ist's Euer Rabbi, der unterliegt, so sollt Ihr alle binnen drei Tagen Euren Glauben abschwören oder die Stadt und das Land verlassen. Ist's, wessen wir uns nicht versehen, der Secretarius Benedictus Jagodzinski, so bestimmen wir in der uns eigenen dementia und Gerechtigkeitsliebe: auch er soll sofort hinabgestossen werden, dass er Genick. Arme und Beine breche und nie wieder einen Laut von sich gebe.44 — Diese Bekanntmachung erfüllte die Juden Polens mit grossem Entsetzen. Die Rabbiner träumten jede Nacht davon, dass ihnen das Genick gebrochen wurde, und die guten Juden verkauften ihre Habe, um gerüstet zu sein, auf und davon zu ziehen, wenn ihre geistigen Führer im Redeturnier besiegt sein sollten. Boruch-Benedict war ein Schlaukopf. Er wollte sich wTohl hüten, in die grossen Städte zu ziehen, wo die gelehrten Rabbiner sich präparierten, ihm die knifflichsten Fragen vorzulegen. Er wusste, dass diese Leute im kleinen Finger mehr Witz besassen als er im Kopfe, und dass es ihm bei einem Duell mit ihnen erbärmlich gehen musste. Er hatte sich vorgenommen, in die kleinsten Nester zu gehen, wo die grössle Einfalt gedieh. Mit diesen Bewohnern der Hinterwälder wollte er ein lustiges Purinispiel aufführen. Unweit der preussischen Grenze, aber doch von aller Welt und Kultur noch heute durch grosse Wälder und einen Wall von Borniertheit geschieden, liegt das polnische Judenstädtchen Janow.