Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1901)
- Article
- Krankheits- und Sterblichkeits-Statistik der Juden
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 435 - 436 (sequence 2)
- Language
- German
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435 Dr. Angustus A. Eshner: Krankheits- und Sterblichkeits-Statistik der Juden. 436 geborenen Jüdinnen (3,56) ist kleiner als bei den in anderen Ländern geborenen (Deutschland 5,24, Russland und Polen 5,63, Ungarn 5,27, Böhmen 5,44). In Preussen vermehrte sich in den Jahren 1822 bis 1840 die jüdische Bevölkerung um 34,5 und die christliche um 28%. Es kam damals jährlich: ein Geburtsfall auf je 28 Juden und einer auf je 25 Christen, eine Eheschliessung auf je 135 Juden und eine auf je 112 Christen, ein Todesfall auf je 40 Juden und einer auf je 34 Christen (J. S. Hough, „Langlebigkeit und andere biostatische Eigentümlichkeiten der jüdischen Rasse", Med. Ree, 1873, S. 241—244). In Fürth kamen während einer Periode von 25 Jahren durchschnittlich eineEheschliessung auf 128 Christen und 149 Juden, sowie ein Geburtsfall auf 29 Christen resp. 35 Juden. Die Statistik von Algier für das Jahr 1856 zeigt einen Ueberschuss der Todesfälle über die Gebarten bei den Europäern und muselmanischen Eingeborenen, während bei den Juden das Gegenteil der Fall ist (G. F. Kalb, Handbuch der vergleichenden Statistik, Leipzig 1866, S. 574). Während bei den christlichen Rumänen die Geburtsziffer die Sterblichkeit übertraf, war der Unterschied bei den Juden des Landes noch bedeutend grösser (Leroy Beaulieu). AVenn es wahr ist, dass bei den Juden eine Vermehrung stattfindet trotz der geringeren Anzahl von Eheschliessungen und der niedrigen Geburtsziffer, so kann dies nur an einer niedrigeren Sterblichkeitsziffer liegen, und die Thatsachen bestätigen diese Schlussfolgerung. Man führt diese geringere Sterblichkeit auf eine grössere Lebenszähigkeit zurück, auf eine grössere Widerstandsfähigkeit gegen viele Krankheiten, die wieder bis zu gewissem Grade aus einigen ihrer Lebensgewohnheiten resultiert. So verteilen sich nach dem Bericht des Wiener statistischen Bureaus 1000 Krankheitsfälle auf 534 Magyaren, 223 Deutsche, 182 Slaven, 32 Juden und 28 Serben. Die gefährlichsten Krankheiten, wie Schwindsucht, Nieren-Entzündung, Typhus, treten, wTie man gefunden hat, als Todesursache bei den Juden seltener als bei anderen auf. Es wird auch gesagt, dass den Epidemien verhältnismässig wenige Juden zum Opfer fallen. So starben in Posen innerhalb 26 Jahren an den Pocken: 3,13 % der katholischen, 2,26 % der protestantischen und 0,9 % der jüdischen Bevölkerung. Man hat zwar versucht, diese Thatsache dadurch zu erklären, dass die Juden sich leichter als die anderen zur Impfung entschliessen, aber gegen diese Auffassung spricht, dafs man dieselbe verhältnismässige Immunität auch mit Bezug auf andere epidemische Krankheiten bemerkt hat. So entgehen die Juden in hohem Masse der Pest, dem Typhus, dem Wechselfieber, sowie der Ruhr und der Cholera. Während der Cholera-Epidemie in Budapest im Jahre 1851 war die Sterblichkeit der christlichen Bevölkerung 1,85 gegen 0,257 bei den Juden. Auch in der Londoner Cholera-Epidemie der 70 er Jahre sollen die Juden fast gänzlich verschont geblieben sein. Bei Gelegenheit einer ähnlichen Epidemie in Algier in den Jahren 1844/45 wurde folgende Sterblichkeit per Tausend der Bevölkerung in den beiden Jahren gefunden : bei den Europäern 42,9 und 45,5 K „ Muselmanen 32,4 „ 40,8 „ „ Juden 21,6 „ 36,1, auch hier trotz der unhygienischesten Verhältnisse. Wenn auch in der letzten Zeit die Juden nicht mehr ihre frühere relative Immunität gegen ansteckende Krankheiten zeigen, so haben sie doch eine geringere Sterblichkeitsziffer, z. B. wird berichtet, dass während der Cholera in Russland im Jahre 1894 die Krankheitsfälle unter den Juden zwar zahlreicher und die Fälle sogar schwerer waren, trotzdem aber die Sterblichkeit für eine gleiche Anzahl von Fällen sich als die niedrigere erwies. Xach der Statistik des elften Census ergiebt sich für die Juden in den Vereinigten Staaten eine geringere Sterblichkeit als für die Christen bei den furchtbarsten Krankheiten, wie Lungentuberkulose, Typhus etc. So war in New York (Stadt) die Sterblichkeit an Lungenschwindsucht am geringsten unter den Russen und Polen, welche fast alle Juden sind. Von 10 000 jüdischen Familien starben nach dem elften Census der Vereinigten Staaten an Lungentuberkulose 36,57 männliche und 34,02 weibliche Individuen gegen 129,22 resp. 146,97 Bewohner von Massachusetts und 108,79 resp. 146,12 in den Vereinigten Staaten überhaupt. In dem am dichtesten bevölkerten Teil der Stadt New York fand sich während der Jahre 1884—1890 der geringste Prozentsatz von Sterbefällen an Lungenschwindsucht bei den Kindern von in Amerika geborenen Müttern — worunter viele Juden — und der nächstkleinste bei russischen und polnischen Juden. Ein ähnliches Verhältnis wurde auch in London und anderwärts beobachtet. Es ist ein gewisser Parallelismus oder doch eine gewisse Beziehung zwischen Alkoholismus und syphilitischen Krankheiten; die Juden sind ziemlich frei von beiden und ensprechend auch von einer Anzahl von sekundären Krankheitserscheinungen, wie gewisse Störungen des Nervensystems, Nieren- und Leberleiden etc. Wenn auch nach einem englischen Beobachter allgemeine Lähmung bei Juden männlichen Geschlechts häufiger vorkommen soll als bei Nichtjuden, so wird die gegenteilige Behauptung von einer Anzahl russischer Gelehrter aufgestellt und zwar sowohl in Bezug auf allgemeine wie teilweise Lähmung, welche beide sehr' häufig Folgen der Syphilis sind. Andererseits sind von jeher die sogenannten funktionären Erkrankungen des Nervensystems — Neurasthenie, Hysterie, Irrsinn — viel häufiger bei