Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1901)
- Article
- Die jüdischen Studentenverbindungen in Österreich
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 419 - 420 (sequence 3)
- Language
- German
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419 Dr. Siegmnnd Werner: Die jüdischen Studentenverbindungen in Oesterreich. 420 einer oder der anderen Verbindung herausgebildet, die gerne in Begeisterung und Schlagworten macht, häufig hinter modernem Phrasengeklingel grosse Unreife, manchmal selbst unleugbare Geistesarmut zu verbergen sucht, der also sicherlich nicht viel Gutes zuzutrauen ist. Vielleicht ist das auch mit ein Grund, dass sich die Wiener jüdischen Verbindungen nicht immer gut ver- ^^PByflP^^ : -^:^W^4r:r\ Med. Dr. M. T. Sehnirer, der Gründungspräses der rKadimaha. tragen. Ist es doch in der jüngsten Zeit dazu gekommen, dass eine Verbindung eine andere gefordert hat und trotz aller Bemühungen, die von verschiedenen Seiten ausgingen, darauf beharrte, ein Dutzend Duelle mit ihr auszufechten. Das zeugt von einem bedauerlichen Niedergang jüdischen Geistes und auch dafür, dass die Verbindungen wenig arbeiten, sonst wäre für soiche Ungehörigkeiten und Renommistereien sicher kein Platz. Es mag ja zugegeben werden, dass persönliche Reibungen bis zum Duell führen können, aber die Art, wie diese Massenforderung in Scene gesetzt und acceptiert wurde, ist ein schlimmes Zeichen für den Ernst und die Tüchtigkeit der heutigen jüdischen Studentenschaft und speziell der betreffenden Personen. Dass auch die Rivalität unter einzelnen Verbindungen zu Reibungen führt, soll nicht selten sein. Begreiflicherweise behauptet die „Kadimah" kraft ihrer Tradition und vielleicht auch dadurch, dass viele ihrer „alten Herren" in der national-jüdischen respektive zionistischen Bewegung hervorragend thätig sind, eine gewisse Sonderstellung, die, so natürlich sie ist, den anderen nicht behagen mag. Doch sind die anderen Verbindungen durch die Zahl ihrer Mitglieder und ihre stets anwachsende Anhängerschaft gewiss auch im stände, eine ehrenvolle Position zu behaupten, und es dürfte auch aus diesem Grunde kaum zu Konflikten kommen, wenn es endlich gelungen sein wird, jeder Verbindung ein bestimmtes Feld für ihre Thätigkeit anzuweisen. Der Anfang ist bereits gemacht und zwar nach zwei Seiten. Erstens wird eine landsmannschaftliche Gliederung versucht, zweitens eine berufliche. So hat, anfangs wenigstens, die „Unitas" (seit 1892), nach der „Kadimah" die älteste jüdische Verbindung an der Wiener Universität, namentlich die jüdischen Studenten aus Mähren zu gewinnen gesucht. Andererseits ist es ihr auch gelungen, in die jüdische Wiener Bourgeoisie einzudringen und dort vielfache Verbindungen anzuknüpfen. Selbstverständlich ist die „Unitas" stramm jüdisch-national und eine schlagende Verbindung. Wie die „Unitas" in Mähren und in Wiener Bürgerkreisen, so hat die „Ivria" in Schlesien und Nordmähren ihr Arbeitsfeld gesucht und führt, heute noch den Titel Verbindung jüdischer Hochschüler aus Schlesien. Die „Ivria" hat sich durch diese Propaganda in Schlesien und den angrenzenden Ländern viele Verdienste um den nationalen Gedanken erworben Sie ist jetzt in ihrem XVIII. Semester und seit 1894 wie die „Kadimah" organisiert. Auch die „Ivria" ist eine schlagende Verbindung und durch eine Spezialität, die Pflege nationalen Sanges, unter der Studentenschaft gut gelitten. Auf streng landsmannschaftlicher Grundlage ist die „Bar Kochba" aufgebaut. Der „Bar Kochba" können nur jüdische Studenten aus Galizien angehören. Sie ist als sogenannte hebräische Verbindung bekannt. Seit ihrem IL' Semester — sie wurde 1897 gegründet — werden in der Verbindung hebräische Sprachkurse abgehalten. Wie in den anderen Verbindungen*wird auch in dieser das Hauptaugenmerk, auf die Pflege der jüdischen Geschichte und Litteratur gewendet. Die Hauptthätigkeit der Verbindung ist aber auf ihre Propaganda in Galizien gerichtet. Dort sucht sie durch Verbreitung von Aufrufen, Wanderversammlungen, Gründung von Vereinen etc. in modern jüdischem- Geiste zu wirken. Ihr Mitglied Bar dach begab sich im Januar 1899 nach Palästina, wo er als Taglöhner in Sichron Jacob arbeitete und später 11/2 Jahre in der galizischen Kolonie Machnajim zubrachte. Differenzen zwischen ihm und dem Verwalter der Kolonie, Bromberg, zwangen ihn, Palästina zu verlassen. Man sieht, der Idealismus der jüdischen Studenten schreckt auch vor schweren Prüfungen nicht zurück und lässt sich durch kein Ungemach unterdrücken. Bisvor kurzem hatte die „Bar Kochba" Farben. Sie hat sie abgelegt, weil sie keine unbedingt schlagende Verbindung sein will. Während sich die genannten Verbindungen auf landsmannschaftlicher Basis konstituierten — ein Prinzip, das die „Kadimah" im Interesse des Zusammengehörigkeitsgefühles nicht gutheissen zu können erklärte —, giebt es zwei jüdische Verbindungen, die auf beruflicher Basis errichtet sind. Die ältere von beiden ist die „Libanonia". Sie wurde im Jahre.