Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1901)
- Article
- Die jüdischen Studentenverbindungen in Österreich
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 417 - 418 (sequence 2)
- Language
- German
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417 Di\ Siegmund Werner: Die jüdischen Studentenverbindungen in Oesterreich. 418 neigung ihrer Mitbürger zu verspüren hatten, die wärmsten Sympathien. Es ist ein für beide Teile schönes Zeugnis, dass auch heute noch die „Kadimah" in Russland eine grosse Zahl aufrichtiger Freunde besitzt, ebenso wie noch heute gerade die russischen Studenten in der „Kadimah" gerne gesehen sind. Diese Sympathien brachten es mit sich, dass der Verein in den ersten Jahren seines Bestehens sehr viele Mitglieder aus Russland gewann, während sich die österreichischen Studenten, mit Ausnahme der galizischen, vom Vereine noch immer fernhielten. Erst als mehrere Wiener Studenten der .„Kadiman" beitraten, gelang es der Verbindung, auch unter der übrigen Studentenschaft mehr Anhänger zu gewinnen. Ein entschiedener Ansporn dazu war auch das stetige Anwachsen des Antisemitismus, der gerade auf der Aula oft zu den brutalsten Szenen führte, und der daraus resultierende Umstand, dass sich die „Kadimah" als schlagende Verbindungrekonstruierte. Das scheuchte zwar die aus den östlichen Ländern stammenden Studenten zum grössten Teile zurück, zwang aber die nunmehrigen Mitglieder der Verbindung,., auch der körperlichen Ausbildung erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Das Programm der „Kadimah" umfasste jetzt •einenPunktmehr und wahrlich keinen unwichtigen. Als schlagende Verbindung, die sich bald als unbedingt konservativ erklärte — d. h. für jeden Touche Satisfaktion gab und beanspruchte —, gewann die „Kadimah" auch unter der deutschen Studentenschaft so viel Ansehen, dass man bei Konflikten an sie als Vertreterin der jüdischen Studentenschaft herantrat. Durch die Förderung geistiger und körperlicher Ausbildung ihrer Mitglieder gelang es -der „Kadimah", nicht nur bei den arischen Studenten, sondern auch bei den jüdischen Commilitonen und Bürgern ihre Stellung zu festigen und soviel Autorität zu erwerben, dass es kein Vorkommnis an der Universität gab und keine öffentliche Frage, die auch die Studentenschaft betraf, an denen sie nicht als Führerin der jüdischen Studentenschaft hervorragenden Anteil genommen hätte. Jetzt hatte auch ihre Propaganda mehr Erfolg, ihr Anhang wurde immer grösser, andere Ver- Perez Smolensky. (Nach einer Zeichnung seines Sohnes Albert.) eine wurden durch sie gegründet oder entstanden auf ihre Veranlassung, und als die antisemitische deutsche Studentenschaft die Juden für satisfaktionsunfähig erklärte, da gab es bereits an der Wiener Universität Hunderte jüdisch-nationaler Studenten, die sich gegen diese Unverschämtheit und Feigheit mit Hand und Mund zur Wehre setzten.1) Ein neuer Wendepunkt für die „Kadimah", die unterdessen entstandenen jüdischen Studenten-Verbindungen und national-jüdischen Vereine trat ein, als Dr. Herzl seinen Judenstaat publizierte. Von allem Anfang an, namentlich seit dem L Baseler Kongresse, hat sich die jüdische Studentenschaft der Verbindungen begeistert um Herzl geschart. Nichtsdestoweniger ist eine bedeutende Wandlung eingetreten. Es sind nicht mehr die Studenten, die als Träger des national-jüdischen Gedankens ausschlaggebend sind, und so sehr man sich im Interesse der guten Sache darüber freuen muss, so sicher ist es auch, dass die Studentenschaft dadurch an ihrer Arbeitslust viel eingebüsst hat. Es ist ihr noch nicht gelungen, ihr neues Arbeitsfeld genau abzustecken, und sie ist, vielleicht nicht allein durch ihr Verschulden, oft nicht mehr von dem tiefen Ernst durchdrungen, der in ihren Vorgängern durch ihre schwierige Position erweckt wurde und die Kadimahner zu den grössten Anstrengungen anfeuerte. Andererseits darf es nicht verschwiegen werden, dass die grosse agitatorische Thätigkeit, welche die studentische Jugend bisher entfaltet hat, zwar zur Ausbreitung des radikalsten jüdischen Nationalismus viel beigetragen, gleichzeitig aber seine und ihre eigene Vertiefung geschädigt hat. Seitdem die jüdische Studentenschaft so schroff von der arischen zurückgestossen wurde, dass an der Wiener Universität fast gar kein Verkehr mehr zwischen beiden Parteien stattfindet, haben viele jüdische Studenten aus der Not eine Tugend gemacht und sind in die jüdischen Verbindungen eingetreten. Es hat sich dadurch eine gewisse Aeusserlichkeit in i) Anmerkung. Es soll der Wahrheit gemäss konstatiert werden, dass einige — leider nur sehr wenige — Burschenschaften und Verbindungen bei der Satisfaktions-Unfähigkeitserklärung nicht mitthaten.