Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1901)
- Article
- Die jüdischen Studentenverbindungen in Österreich
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 421 - 422 (sequence 4)
- Language
- German
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421 Dr. Siegmund Werner: Die jüdischen Studentenverbindungen in Oesterreich. 422 1895 als Lese- und Unterstützungsverein jüdischer Veterinärmediziner gegründet und erst vor wenigen Semestern eine allgemeine akademische Verbindung. Die „Libanonia" ist die einzige jüdische Verbindung in "Wien, die ausser dem Couleurbande auch Kappe trägt. Wegen dieses Kappentragens hat die „Libanonia" eine gewisse Spannung zwischen sich und den anderen Verbindungen hervorgerufen, welche gegen das Tragen von Kappen sind. Wegen der Libanonenkappen kam es sogar zu einer ernsten Schlägerei an der Universität, da die antisemitischen Verbindungen den Juden das Kappentragen nicht gestatten wollten. Die anderen jüdischen Verbindungen standen, trotzdem sie offiziell mit der „Libanonia" nicht verkehren, damals den Libanonen wacker bei und schützten sie, so gut sie konnten, gegen. die vielfache Ueberzahl ihrer Bedränger. Die zweite Verbindung auf beruflicher Grundlage ist die „Maccabaea". Sie besteht aus Technikern. Sie wurde im März 1898 gegründet und ist, wie auch die „Libanonia", unbedingt konservativ. Die „Maccabaea" hat ihre Agitation namentlich auf die Techniker beschränkt und bereits hübsche Erfolge aufzuweisen. Keine Verbindung, aber ein grosser Verein jüdischer Studenten, ist die „Rede- und Lesehalle jüdischer Hochschüler*', welche den neutralen Boden abgiebt, wo sich jüdische Studenten der verschiedensten Parteien treffen und aussprechen sollen. Die grosse „Vereinigung der zionistischen Finkenschaft an der Wiener Universität", die vor einigen Semestern suspendiert wurde, soll in nächster Zeit wieder erstehen. Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher), der langjährige geistige Leiter der „Kadimah". Auch ausserhalb Wiens giebt es eine grosse Anzahl jüdischer Studentenverbindungen. Abgesehen von dem vollen Dutzend Ferialverbindungen, von denen die Hälfte in den mährischen Städten die Agitation betreibt, ist die „Veritas" in Brünn (eine der eifrigsten und durch einzelne ihrer Mitglieder hervorragendsten), die „Hasmonaea" und „Zephira" in Czernowitz, die „Bar Kochba" in Prag, die „Charitas" in Graz aufzuzählen, ohne dass damit gesagt sein soll, dass nicht die eine oder andere Verbindung unerwähnt blieb. Ein ziemlich bedeutender Teil der jüdischen Studentenschaft steht im zionistischen Lager. Nicht die ganze. Wenn es aber die jüdische Studentenschaft nicht an dem nötigen Ernst fehlen lassen wird, wenn die Bedrängnis des jüdischen Volkes weiter so fortschreitet —■ und wo zeigt sich die Aussicht einer Besserung für unseren Stamm, nicht für einzelne —, dann ist es zweifellos, dass in der Geschichte unserer Renaissance ein besonderes Ehrenblatt der jüdischen Studentenschaft eingeräumt sein wird. Dann wird mehr noch als die deutsche Burschenschaft die jüdische Studentenschaft mit Stolz ihren Anteil an der geistigen und leiblichen Befreiung ihres Stammes reklamieren dürfen, dann wird all das Kleinliche, Nachgeahmte, das ihr jetzt noch anhaften mag, im grossen Läuterungsprozesse der immer fortschreitenden Entwicklung und Vertiefung des jüdischen Volksgedankens spurlos verschwinden, und die jüdische Studentenschaft werden, was sie sein soll: die Blüte und Hoffnung ihres Volkes.