Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1901)
- Article
- Soziale Kunst im Ghetto
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 405 - 406 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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405 Dr. med. Theodor Zlocisti: Soziale Kunst im Ghetto. 406 Titel „Soogs from the Ghetto" vor etwa drei Jahren erschienen ist, in drei Teile gegliedert. Er grenzt die „Arbeiterlieder" von den jüdischen Nationalgesängen und den vermischten Gedichten ab. Die Trennung konnte nur eine rein äusserliche, künstliche sein, wie es bei einer so geschlossenen Dichterindividualität nur ganz selbstverständlich ist. Seine Arbeiterlieder sind die Seufzer eines jüdischen Proletariers; seine Nationalgesänge die Klagelaute eines proletarisierten Juden. Dass er ein hungernder Schneidergesell ist und ein getretener, heimatbarer Jude, ergiebt nicht eine mathematische Summation von Arbeiterelend und Judenleid. Das schmilzt zu einer neuen Verbindung zusammen — die wieder einen eigengearteten Schmerz mit sich führt. Und dann: die wirtschaftliche Umwälzung hat den Handwerkerstand zerrieben. Der Handwerker wurde zum Fabrikarbeiter. In grauer Frühe verlässt er sein Heim. Müde und* zerschlagen kehrt er zurück, wenn die Nacht bereits heraufgezogen. Da geht das Familienleben mit seinen stillen Freuden in die Brüche. Die Kinder sieht er kaum noch. Wenn er fortgeht, schlafen sie noch. Und sie schlafen wieder, wenn er heimkommt. Das Schicksal mag jeden Arbeiter schwer treffen. Aber dem jüdischen Arbeiter, der an Haus und Kind gefesselt ist mit Millionen zarter Bande, der seinen Kindern nicht nur Vater ist, sondern Erzieher und Lehrer, hat der soziale Umschwung zum Schwitzsystem hin die ganze Seligkeit hohen Familienglückes geraubt. Es ist sicher eines der erschütterndsten, empfindungsechtesten Gedichte der Weltliteratur, in das Rosenfeld dieses Weh ergiesst: Mein Jüngele. Ich hab a kleinem Jüngele, A Sühnele gar fein! Wenn ich derseh ihn, dacht sich mir, Die ganze Welt is mein. Nor selten, selten seh ich ihm Mein Schoenem, wenn er wacht; Ich treff ihm immer schlafendig, Ich seh ihn nor bei Nacht. Die Arbeit treibt mich früh araus Un last mich spät zurück; j O, fremd is nur mein eigen Leibi O, fremd meins Kinds a Blick. Ich kumm zuklemmterheit aheim, In Finsternis gehüllt, — Mein bleiche Frau derzaehlt mir bald Wie fein das Kind sich spielt, Wie süss es redt, wie klug es fräkt: „O, Mama, gute Ma, Wenn kummt un'brengt a Penny mir Der guter, guter Pa?w . . . Ich steh bei sein Gelägere, Un seh un hör un schal A Traum bewegt die Lippelach: „O, wu is, wu is Pa?" Ich kusch die bloe Aeugelach, See öffnen sich — „0, Kind" — See sehen mich, see sehen mich Un schliessen sich geschwind. „Da steht Dein Papa, Teuerer, A Pennile Dir, na!" A Traum bewegt die Lippelach: „0, wu is, wu is Pa?" Ich bleib zuwehtagt und zuklemmt, Varbittert, un ich klär: „Wenn Du erwachst a mal, mein Kind, Gefindst Du mich nit mehr". . . . Dieses Weh ob des zertrümmerten Familienglückes klingt immer wieder in seine Verse hinein. In allen Tonarten. Oft in stiller Resignation, dann in wütigem Aufbäumen voll Hass und Rachlust. Aber auch in giftigem, stechendem Spott, durch den das Dichterherz sich selbst wohl befreien möchte, in Wahrheit indess sieb nur noch mehr verwundet. Diesen seelischen Vorgang lässt so recht das Gedicht: „Das areme Gesind" ahnen. Vor dem Richter eine armselige, vagabundierende Bettlerfamilie. Sie sollen wegen Landstreicherei bestraft werden. Aber der Richter lässt Gnade walten. Die Kinder werden ins Waisenhaus kommen, die Eltern mögen weiterziehen. In tieferschütternden Schmerzensworten, wie sie nur aus der Seele einer jüdischen Mutter stürzen können, stösst sie diese Wohlthat weit von sich. Allein was nutzt's! Im Grunde hat der nüchtern überlegende Richter doch recht; und wenn der Poet auch über ihn seinen ganzen, herben Spott ausschüttet, als Mensch muss er der Obrigkeit doch beipflichten. Da sucht er sich denn über diesen Gegensatz hinwegzuheben mit dem Fluch auf das ganze „System." Ja, das System! Das treibt die Arbeiter von Haus und Herd in die Fabrik, wo sie in ohnmächtiger Verzweiflung „kämpfen . . far Fremde Un streiten, un fallen, un sinken in Nacht." Und wenn den einen die Arbeit erschlagen, er lässt keine Lücke zurück; schon sitzt ein anderer an seiner Stelle, zum gleichen Kampf bereit, dem gleichen Verderben geweiht. Dann bäumt sich wohl sein ganzer Menschenstolz auf, und sein Hass rast gegen die Satten und Fetten, welche die Blumen des Lebens, die Freuden der Erde ihm geraubt — doch was frommt all das trotzige Verlangen: weiter werden die Mädchen auf die Schlachtfelder der Arbeit ziehen, bevor noch der Morgen graut, Geld zu verdienen; und Geld zu verdienen — mit leichten Sinnen —, wenn die Nacht die Schleier von dem Triebleben der Menschen hinweghebt. Und weiter wird der Arbeiter hustend und stöhnend bei der Maschine stehen, und Thräne um Thräne wird das glühende Presseisen netzen. Werden sie nimmer versiegen? . .