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Ost und West · 1901-06-01 · Heft 6 (Juni 1901) · p. Seite 403 - 404

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 6 (Juni 1901)
Article
Soziale Kunst im Ghetto
Date
1901-06-01
Page
Seite 403 - 404 (sequence 2)
Language
German
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403 Dr. med. Theodor Zlocisti: Soziale Kunst im Ghetto. 404 spürte es fast instinktiv heraus, dass ihre Verse gedichtete Thränen, gedichtete Seufzer waren. Nicht erdichtete, wie bei der drängenden Schar litterarischer Jongleure und AUesmacher, die — weil es just so Mode ist — ihre technische Gewandtheit nun auch auf soziale Probleme losliessen. Selbst bei den besten sprach nur das Mitleid aus den Versen, selten das Leid selbst, das nach Sonne schrie. . . . Da wir an Rosenfeld, den genialen Dichter des jüdischen Ghettoleides denken, wiederholt sich uns eine Erscheinung im Kunstleben überhaupt: der an der Ueberkunst schier erstorbene Sinn für dichterische Produktion erwacht und gesundet an Natürlichkeit und Ursprünglichkeit. Selbst von den Schöpfungen unserer grössten Lyriker leben nur die ganz im Volke, die primitive Empfindungen, Urgefühle in schlichter Form bieten: „Warte nur balde ..." Das Epigonentum Goethe's und Heine's konnte kaum eine Saite des Seelenlebens in Schwingung bringen; und die ausgeklügelte, schwitzende Experimentallyrik unserer Tage gab nichts für unsere durstigen Seelen. Zur Natur zurück! Und so ging man aus, die Talente zu suchen in jenen Schichten, wo Bildungswut und Bildungssättigung noch nicht alle feineren, ursprünglichen und keuschen Gefühlswerte verdeckt und verwischt haben. Dort war es nicht die angelernte, meisterlich beherrschte Sprache, die dichtete und dachte; es mussten wuchtige, kraftvolle, starke Talente sein, bei denen sich überquellende Empfindungen schier gewaltsam Bahn brachen und zu Liedern verdichteten. Hier war dichterisches Schafifen wieder eine Selbstbefreiung. Nie war mir dieses Gefühl lebendiger denn bei Morris Rosenfeld. Er dichtete, weil er es musste. Unter höherem Zwang. Morris Rosenleld ist ein armer polnischer Jude, der bislang in New York sein bisschen Brot sich als Schneider erwarb. Das sagt alles. Ein qualvolles Märtyrerleben liegt hinter ihm. Es würde ein Wunder sein, wenn es anders wäre. Dass ein armer Jude seine Geburtsstätte verlässt — von Heimat kann man bei einem Juden nicht gut reden —, dass er von Land zu Land zieht, hungernd und darbend, all das erscheint uns so selbstverständlich, dass es uns kaum noch erregt. Millionen hat dieses Judageschick gepackt. Es hat sie stumm und stumpf gemacht. In Rosenfeld's Seele hat es sich zusammengeballt, mehr und mehr anschwellend, bis es ihm die Brust zersprengte und in schwarzen Liedern sich ergoss. Sein Leben sind seine Gedichte — erlebte Gedichte in echtestem Sinne Goethe's. Die Sprache seiner Verse ist das Juden deutsch, der Jargon. Er schreibt — natürlich! — in seiner Sprache, in der Sprache seines Volkes, in jenem seltsamen Idiom, von dem sich nur lächerlicher Unverstand und närrisches Gebildetseinwollen scheu abwenden. Dass so viele mit dieser Mundart immer nur den Begriff des Gauneridioms verbinden können, daran sind zumal die deutschen Juden schuld. Wenn man wohl auch verstehen kann, wie sich ursprünglich dieser Abscheu herausgeformt hatte! Erinnerte doch diese Sprache an das lastende Sklavenjoch, aus dem die Theatersonne der Emanzipation die Juden befreit hatte, an die Zeiten arger Schmach, der Gedrücktheit, der Unbildung, des Ausgeschlossenseins von der derzeitigen Kultur. Die UeberWindung des Jargons mag für den einzelnen sicher eine Ueberwindung des Ghetto gewesen sein. Nur zu oft war sie auch eine Ueberwindung des Judentums. Allein nur bei einem Volke mit so krankhaft verzerrter Entwickelung konnte sich die Abkehr von der alten Sprache zu so wütigem Hasse steigern. Sie hat dieses Schicksal nicht verdient. Zu den Vorzügen, die ein jeder Dialekt vor der starren Schriftsprache hat, gesellen sich beim Jargon noch neue. Was dem Judendeutsch so verübelt wird — seine „Unreinheit", seine Sprachenmischung — verleiht ihm einen ungeheuren Reichtum. Dass der Jargon für denselben Begriff ein deutsches und oftmals ein hebräisches oder slavisches Wort zur Verfügung hat, lässt ihn alles wundervoll nuancieren und die feinsten Schattierungen zum Ausdruck bringen. In seiner lockeren Ungebundenheit, in seiner rapiden Aufsauguogsfähigkeit ist er eine nie versagende Quelle neuer Wortbildungen, prächtiger Laut- und Klangmalereien, die sich in schöpferischer Hand zu unnachahmlicher Wirkung erheben. Es giebt kaum eine Sprache so reich an mitschwingenden Obertönen; kaum eine Sprache, die nicht nur Begriffe, Gefühle, Gedanken wiederzugeben vermag, sondern auch Gesten, Gebärden und Mienenspiel festhält. Sie ist ein meisterliches Instrument für die minutiöse Schilderung der Aussenwelt und seelischer Vorgänge — eine klassische Sprache für die Skizze, das zartabgetönte Stimmungsbild und die Lyrik. Aber verschwommen und verschwebend ist sie nicht. Vielmehr: sie hat eine Abgegrenztheit und Rundung, Prägnanz und Schärfe, die ihr eine unübertreffliche Eignung für den pointierten Witz giebt. Rosenfeld meistert sie in allen Registern: schneidend, oft giftig in Zorn und Spott; in den Lyrismen weich, tief, seelenvoll. Nur selten — aber deshalb um so verletzender — stört ein „erlesenes" Wort. Allein man verzeiht ihm gern. Man verzeiht es auch, wenn er Verse voll gewaltigen Schwunges, voll persönlichsten, elementarsten Schmerzes durch ein ausgepresstes, sozialistisches Schlagwort befleckt. Und sollte man ihm zürnen, dass er zuweilen ermüdet durch ablenkende Längen? Vielleicht liegt das in der Natur der Sprache, die dazu verführt, die Grenze zwischen minutiöser und kleinlicher Darstellung zu überschreiten. So geht zuweilen die scharfe Prägnanz in der künstlerischen Durcharbeitung, die straffe Beziehung verloren. Aber was gelten diese Mängelchen gegenüber all seinen tausendfältigen Schönheiten? Im Gegenteil. Sie schaffen gerade das Gefühl volkstümlicher Urwüchsigkeit, in der sich der Dichter frisch, ungebunden gesprächig giebt. . . . Rosenfeld hat seine Gedichtsammlung, die unter dem

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