Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1901)
- Article
- Soziale Kunst im Ghetto
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 407 - 408 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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407 Dr. med. Theodor Zlocisti: Soziale Kunst im Ghetto. 408 Ich wollt es wollen wissen, sag: Wenn endigt sich der grosse Klag?" Ich wollt gefragt noch mehr un' mehr Beim Unruh, bei der wilden Thrär; Da haben sich derlangt a Goss Gar Thrären, Thrären ohn a Moss Un ich hab schon verstärken gleich: As tief is noch der Thrärenteich. . , ,M Thränen und Thränen! Kaum ein Gedicht giebt es in der ganzen Sammlung, durch das es nicht wie leises "Weinen bebt. Wie sollte es auch anders sein! Anders hat das „System" auf den germanischen Muskelmenschen gewirkt, anders hat es das sensible Gemüt eines Gehirnjuden angekrallt. In dem einen hat es Hass und Trotz und das drohendeKraftgefühl des vierten Standes gezeugt. Dem doppelt geächteten Ahasver aber hat es die wenigen Willensimpulse gehemmt. Er ist ein Träumer, ein Sinnender, ein Weiner geworden. Sagen wir: noch mehr geworden! Er ist es schon lange. Seit der Tempel hinsank, ist alle Fröhlichkeit in uns erstorben. Zimbeln haben uns einst die Seele gefüllt mit lieblichem Klange, und Harfen und Fiedeln und Pauken. Nun ist aller Sang verklungen — nur der düstere, klagende Schofar ist uns geblieben. Wir haben das Lachen verlernt. Alles ward trübe in uns. Geniale Gebote, uns zur Läuterung und Edelung gegeben, sie wenden sich zu unserem Verderben. Peinlich werden die Satzungen zum Gedächtnis der Toten gehütet. An dem Jammer des Lebens schreitet man hastig vorbei. So füllt sich des Dichters Seele mit Bitternis. Des Fischers schöne Tochter lässt ihr junges Leben in eisigen Fluten beim ersten Heiligungsbad. Der „Mamser" 'wird beiseite gedrückt. Am Kiddusch- Becher darf er nicht nippen. Die Lichtverkäuferin sitzt hungernd und frierend und bietet ihre Ware feil. Doch niemand lockt ihr Ruf heran. Aber da ihr Körper elend verkommen, brennen für ihre Seele Lichter im Tempel. Was hat das Golus aus dem Volke gemacht, das der Menschheit das erhabene Geschenk des sozialen Gedankens gebracht? Da packt ihn wohl manch ein Mal die Verzweiflung und jene zermalmende Trauer, die sich nicht mehr Luft schaffen kann in befreienden Thränen — eine völlige Erschlaffung der Seele, wo Wünschen und Wollen zusammengebrochen sind und alle Zukunftshoffnung. DieseVerstumpfung und Apathie muss auch einmal von Rosenfeld Besitz ergriffen haben. Er hat sie mehrfach künstlerisch wiederzugeben versucht; am gewaltigsten und erschütterndsten in dem Gedichte: „Aufdem Busen des Meeres", über das zwei Juden in's alte Ghetto zurückfahren, unberührt vom rasenden Sturm der Elemente — jenseits von Schmerzen und Freuden. Julius Loewenberg hat in seinen „Gedichten eines Semiten" das gleiche Motiv behandelt: aus Russland verwiesen, von „Philanthropen" nach Amerika abgeschoben und dort ohne zu landen als Armer nach Russland wieder zurück gebracht! Man vergleiche diese beiden Gedichte miteinander! Man wird dann verstehen, wodurch sich der Jude unterscheidet von dem israelitischen Konfessionsangehörigen. . . . Rosenfeld hat den ganzen Schmerz des Judentums durchgelitten. Aber er hat ihn auch überwunden. Er ist ein Dichtersmann, dem Gott seine „Himmlen" geöffnet hat, dem Gott einen Engel zur Seite gestellt hat, der bereit sein muss Morris Rosenfeld.