Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Eine wunderbare Rettung
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 377 - 378 (sequence 2)
- Language
- German
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377 Gustav Kühne: Eine wunderbare Rettung. 378 Toten ins Gesicht, befühlte ihre Herzgrube und schüttelte leise das Haupt. Plötzlich sprang er auf, fuchtelte mit seltsamen Gebärden im Zimmer herum und streckte beide Hände gen Himmel. „Lasst mich allein mit den Knaben!44 schrie er laut. „Menschenkunst reicht hier nicht mehr aus. Gott, der alleinige Gott, nur kann helfen!" Ein plötzlicher Entschluss schien in ihm zu reifen. Er trieb den ganzen Schwärm aus dem Zimmer hinaus. Niemand wagte sich ihm zu widersetzen, so stürmisch und leidenschaftlich drang er auf alle ein. Auch die Alte musste weichen, und schon hatte er den Thüreingang mit Stühlen und Brettern versperrt, als er plötzlich unter der Menge den ihm bekannten Prior des nahen Klosters wahrnahm. Einen Augenblick schien er Lust zu haben, auch diesen zu vertreiben, aber die Hast und Angst, die ihn befiel, gestattete ihm keinen weiteren Verzug. Er holte allerlei Gerätschaften herbei, warf sich plötzlich wie sinnlos zu Boden, drückte die Stirn auf die Diele, schrie und jammerte wie in letzter Todesqual. Dann sprang er zu dem Pult im Winkel, blickte in das aufgeschlagene Buch und warf sich von neuem singend und heulend über die beiden Leichen, küsste ihre Stirn, hauchte ihre Herzgrube und bestrich die starren Glieder mit einem feinen eisernen Stäbchen, vom Wirbel herab bis zu den Fussspitzen „O mein Schöpfer," rief er Atem holend und die hellen Tropfen auf der Stirn trocknend, „es sind ihrer zwei und ich bin hier allein, allein mit meinem Gott!" Plötzlich stierte er den Prior an. Es war ein minutenlanges Schweigen, während draussen das Gemurmel des Volkes sich von neuem wie eine heranwachsende Flut erhob. „Bete mit mir," schrie der Rabbi in höchster Angst, „Du bist kein Sohn Abrahams, aber bete zu Deinem Gott! Helfen freilich wird nur der eine, der wahre, der Gott meiner Väter!" Der Prior blickte sich erschrocken um, ob kein Lauscher da sei, kein Zeuge der heiligen Hermandad, kein Bote der Inquisition. Der alte Talmudist warf sich dann zu Boden und sang wunderliche Worte mit einer Stimme, die bald wie die Klage eines Gefolterten, bald wie die Stimme eines hilflosen Kindes klang. Es war ein schrecklicher Anblick, wie der kleine Körper des Alten in die wilde Bewegung eines Rasenden geriet. Die grauen Locken flatterten über seine Stirn, in seinem sonst so stillen, ruhigen Auge loderte eine verzehrende Glut. Von neuem war er über die Kinder hingestürzt, strich und rieb auf und nieder, bald sanft, bald heftig, und fuhr mit dem eisernen Stab über die starren Glieder hin und her. Als er erschöpft innehielt — er lag mit seinem Körper ganz über die Knaben gebreitet —, trat der Prior zu ihm, berührte ihn sanft mit der Hand und sprach: „Seid ohne Furcht, Meister, ich schütze Luch, wenn Ihr das Unmögliche nicht leisten könnt!" „Hebe Dich von mir, Zweifler! Willst Du "meinen Glauben stören! Ist Dein Gott so ohnmächtig, so arm," so rief der Rabbi mit einer Begeisterung, die an wilden Zorn grenzte. ,,Sie leben, beide Knaben leben, mein Gott hat mir geholfen, gelobt sei der Gott Abrahams, der alleinige Gott des Himmels und der Erde!" Er war in die Höhe geschnellt und sank von neuem zusammen. Der Prior griff nun nach den Pulsen der Knaben. Das Leben klopfte von innen leise an die Pforten des Todes. Neue Wärme drang durch die Adern. Die kleinen Körper regten sich, sie schlugen die Augen auf. „Hallclujah," rief der Prior. „Meister, Dein Gebet ist erhört!" Der Rabbi raffte sich auf, entfernte sorgfältig alle Geräte, drückte dann beide Hände gegen seine Brust und sprach mit gesenktem Haupte stille, leise Worte des Dankes in sich hinein. Dann öffnete er die Thür und rief mit lauter Stimme: „Hinein, Ihr Frauen, Eure Knaben sind lebendig!" Tobend und jubelnd brach die Menge ins Haus, AVeiber und Kinder frohlockten laut. Ein schallendes Hailoh drohte die morschen Wände der Hütte zu erschüttern. Die Geretteten erholten sich bald vollends, die Männer hoben sie auf die Schultern und trugen sie unter lautem Jauchzen triumphierend von dannen. Neue Scharen hatten sich von allen Seiten her in die Berggasse gedrängt, man zündete Fackeln an, man gab den Trägern ein glänzendes Geleit. Vom Ufer herüber ertönte das wilde Geschrei der ausgelassenen Freude des Volkes. Die Brandung der Wogen, denen man ihre Beute entrissen, donnerte dumpf im Felsenkessel nach. . . . Es war still geworden in der Hütte, die kümmerliche Lampe flatterte unsicher auf und nieder. Der kleine Rabbi sass, den Rücken dem Eingang zugewendet, freundlich lächelnd in seinem Winkel. Auf der Bank neben ihm stand ein Krug Wasser, eine Schale Honig und ein Brot, sein einfaches Nachtmahl. Während er sinnend vor sich hinblickte, neigte er, ganz mit sich selbst beschäftigt, sein greises Haupt. Er schien keines Dankes gewärtig zu sein, kein anderes Lob verdienen zu wollen, als das er sich selbst im stillen gab. „Meister," sagte der Prior, seine Hand leise auf die Schulter des Rabbi legend, „Meister, Euer Glaube hat Euch geholfen, Euer Gott ist ein mächtiger Gott!*' Der Rabbi stand aut und sah den Sprecher mit forschendem Blick an. „Ah, Ihr seid's!" sagte er. „Verzeiht, wenn ich im Augenblick harter Bedrängnis Worte ausstiess, die vielleicht ungehörig waren." „Wer den stärksten Glauben hat," erwiderte der Prior bewegt, ..der hat den wahrsten Gott!" Mit misstrauischen Augen betrachtete der Rabbi das geistliche Gewand seines Besuchers. „Scheuet diese Hülle nicht," rief dieser hastig, „sie