Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Eine wunderbare Rettung
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 379 - 380 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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379 Gustav Kühne: Eine wunderbare Rettung. 380 bedeckt — glaubt mir — ein Herz, das den Menschen im Menschen sucht, ihn als Bruder begrüssen möchte. Lasst mich Eure Hand drücken, die selbst Euren Feinden Gutes erwies. Ist das christlich, so dünkt mich fürwahr, Ihr seid ein besserer Christ als viele derjenigen, welche: „Herr! Herr!'6 rufen. Muss ich Euch um der Stärke Eures Glaubens willen beneiden, so habe ich wohl Grund, ehrfurchtsvoll zu dem Gott aufzublicken, zu dem Ihr betetet. Und der Gott, der da hilfreich war, ist ja doch auch der Vater, der Urgeist Aller! Lasst es ein gutes Zeichen sein, dass Ihr auch in dem Gewände eines christlichen Ordens einen Meeschen fandet, der sich Euch liebevoll naht!" Der Rabbi sah den Prior ruhig an, ohne ein "Wort zu sprechen, aber in seinen seelenvollen Augen spiegelte sich deutlich genug der Argwohn, der im Hintergrunde seines Gemüts schlummerte. Es lag darin der Vorwurf einer Jahrhunderte langen Schmach, die das Christentum auf Israel gehäuft. Diese Augen schienen sagen zu wollen: Meine Kunst ist trüglich, aber der Allmächtige ist gross! Warum kamst Du zu mir? Was willst Du von mir? Vielleicht, nachdem ich Euch Gutes gethan, mir wehe zu thun und mich zu verraten? Endlich winkte ihm der Rabbi, sich auf die schmale Bank zu ihm zu setzen. Die Hand, die er dem Prior nicht reichen wollte, hatte dieser von selbst ergriffen, und er entzog sie ihm nicht. Auf dem Antlitz des greisen Talmudisten wechselten kalle Gleichmütigkeit und Herzensgüte — er schien es nicht gewohnt, sich liebevoll berührt zu fühlen. Die kleine Lampe flackerte bald heller auf, bald glimmte sie schüchtern in sich zusammen. Das lange Schweigen unterbrach endlich der Prior. „Meister." sagte dieser, „die Welt ist sehr arm geworden an Glauben und doch sehr verworren. Die Leute beten zu allerlei Heiligen und finden Gott nicht mehr heraus." „Ich weiss nicht," erwiderte der Rabbi, seinen Kopf schüttelnd, „wie Euer Wort zu Eurem Kleide stimmt." „Ein Kleid verhüllt nur den Menschen, aber es drückt ihn nicht. Ich bin Euch anstössig in diesem Gewände, aber ich lege es bald von mir, denn ich bin der Schule entwachsen . . . Xur nach Austausch der Gedanken mit Euch verlangt mich, Meister, ich suche Belehrung. Mein Herz dürstet nach reinem Ouellwasser, und ich find' es bei Euch." Rabbi Eleasar's Züge erheiterten sich, er drückte dem Prior die Hand, dann rief er ihm zu: „Nun aber verlasst mich, denn ich muss zu Gott beten, und ich bedarf der Ruhe." Sinnend und gebeugten Hauptes verliess der Prior die armselige Hütte. Ihm war's, als flatterten, obwohl scheu und schüchtern, gute Geister um das Haus des frommen Gottesmannes, als rauschten Engel mit ihrem Flügelschlag draussen am kleinen Gitterfenster, und als hielten sie Wache vor der Thür, damit die Welt mit ihren Gräueln und ihrem Aberwitz die leise Stille nicht störte, in der seine Seele von einer reinen Quelle der Wahrheit trank. W ünwrbesserlicb* JNhir ein biseben f rühlingsduft, junger Knospensegen, Sonndurcbwallte Maienluft, f tutend allerwegen önd vorbei ist alle Qual, 6betto, folterpressen ♦ ♦ . ♦ 5dar einmal, ja war einmal! 7st schon langst vergessen. ♦ « Berlin« Cbeodor Zlocisti*