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Ost und West · 1901-05-01 · Heft 5 (Mai 1901) · p. Seite 375 - 376

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 5 (Mai 1901)
Article
Eine wunderbare Rettung
Date
1901-05-01
Page
Seite 375 - 376 (sequence 1)
Language
German
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375 376 EINE WUNDERBARE RETTUNG. Aus dem Nachlass Gustav Kühne's mitgeteilt von Dr. Adolph Kohut. (Nachdruck verboten.) Der geneigte Leser folge mir in die Lagunen- und Felsenstadt Genua vor 300 Jahren, und zwar in jene Gassen, welche durch wiederholte Erdbeben in Trümmer gestürzt sind. Eine alte Satzung der Republik bestimmte die Schauplätze solcher Verwüstungen zu einem Zufluchtsort für die Kinder Israel. Dort bauten sie ihre Ghetti, ohne sich vor den entfesselten Elementen zu fürchten. Sie bebten nur vor den Menschen, aber vor Gottes Hand hatten sie keine Angst. Wenn man über Schutt und Geröll die toten Gassen hinaufstieg, sassen und hingen die Söhne und Töchter Judae an den halbzerstörten Mauern und Dächern, einige wie friedliche Schwalben am Gebälk, andere mitten im pestartigen Schmutz. Es war an einem dunklen Abend. Am Bollwerk des alten Hafens in der Nähe der Bucht herrschte ein reges Leben und Treiben, das Volk der Schiffer und Fischer trieb dort sein Wesen. Paarweise hielten sie Leinen in Händen, die im Winkel des Golfs von einem Ufer zum andern reichen. In der Mitte derselben hing der Angelhaken, den sie dicht hinter der Brandung in die ruhige, flache Stelle des Wassers senkten; wenn sie die Leine in die Höhe schnellten und eine tüchtige Seebarbe in freier Luft am Haken zappelte, so war auch noch das Triumphgeschrei der Zuschauer ihr sicherer Lohn. Soeben hatten zwei Fischerknaben, die kecksten unter den Anglern, beim Schwingen der Leine das Gleichgewicht verloren und waren von der Klippe in die Bucht gestürzt. Ihr Hilferuf erstarb im Geräusch der Brandung. Schnell genug war das Ufer, von Fackeln erhellt, aber erst nach beträchtlicher Weile gab der Schlund seine Opfer wieder. Die Männer trugen die erstarrten Körper ans Land, schüttelten und stülpten sie kopfüber; zwei Weiber stürzten sich mit dem Schrei der Verzweiflung auf die entseelten Leiber ihrer Söhne. Angst und Entsetzen hatte sich aller Anwesenden bemächtigt^ bis endlich eine Stimme das laute Getümmel und Geschrei durchdrang. „Ruft-den gelehrten Juden herbei, den Rabbi!" lautete der Ruf, „dort oben haust er in dem alten Eulennest, das sich an den Berg klammert." „Tragt unsere Buben zu ihm hinauf!" schrien die Mütter, „ehe der Alte herunterkommt, ist es zu spät." Rasch waren die Körper der beiden Knaben — man konnte sie vielleicht schon Leichen nennen — auf die Schultern der Männer gehoben. Der ganze Zug setzte sich die Felsengasse hinauf in Bewegung. Wie aus einem dumpfen Kessel ertönte das wilde Gewirr, das Geheul der Weiber, das Geschrei der Kinder aus der engen Schlucht herunter. Vor einem halb zerstörten Hause machte man Halt. Aus einer Mauerspalte, die, mit zerbrochenem Glas und Oelpapier versetzt, ein Fenster bildete, drang ein sparsames Licht hervor. Der Bewohner der Höhle war also daheim. Man hielt sich nicht damit auf, an die versperrte Thür zu klopfen und auf ihr OefThen zu warten, denn ohnedies genügten einige wenige Faustschläge, um die morschen Bretter, die den Eingang wehrten, zu zertrümmern. „Her mit dem Rabbi, heraus mit dem Juden," schrie der tobende Haufe in der Gasse. — Die Träger drängten sich mit ihrer Last durch die schmale Oeffnung in das Innere. Aus dem Winkel, ein spärliches Licht in der Hand, den Talar mit der anderen fest um die Brust geschlungen, erhob sich die kleine, dünne und dunkle Gestalt eines Mannes. Eine alte russige Frau, die neben ihm am Boden gekauert, suchte auf dem Herde einen Spahn Holz zurecht, zündete ihn an und drückte den auflodernden Brand in die Mauerspalte. Die Höhle war nun hell. Es war Rabbi Eleasar, der Wunderrabbi, dem allerlei geheimnisvolle Zauberkünste zugeschrieben wurden. Das ganze armselige Zimmer war nun von dem lärmenden Schwärm angefüllt, während die, welche der Raum nicht fasste, das Dach des Hauses zu ersteigen Miene machten, um zerstörend und verwüstend von obenher sich Eingang zu verschaffen. „Es ist ein Weiser aus dem Orient!" schrie die verworrene Menge. „Er versteht sich auf die schwarze Kunst! Er lasse sehen, ob seine Zaubereien gut genug sind für Christenkinder!" Die beiden Körper der Knaben hatte man ihm zu Füssen gebettet. Der Rabbi schien schon daran gewöhnt zu sein? dass man ihn so stürmisch um Hilfe anging. Ein stummer Wink von ihm genügte schon, die Alte in Thätigkeit zu setzen, damit' sogleich das Nächste und Nötigste geschah. Die zwei entseelten Körper lagen in wärmende Decken gehüllt am Boden. Rabbi Eleasar kniete nieder und rieb die starren Glieder, während andere mit wollenen Tüchern behilflich waren — aber es war alles vergeblich. Kein Puls wollte schlagen, kein Atemzug sich regen. Auf die Stille? welche unterdessen unter der lauschenden Menge herrschte, erfolgte von neuem ein dumpfes Gemurmel. Statt der bisherigen Bitten, Erwartungen und Hoffnungen wurden nun drohende Stimmen laut. Der alte Rabbi sass still am Boden, starrte den

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