Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Das Judentum und seine Geschichte
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 369 - 370 (sequence 3)
- Language
- German
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?>69 Dr. S. Bernfeld: Das Judentum und seine Geschichte. V70 Das Buch der Könige schliesst mit dem schmerzlichsten Ereignis der altisraelitischen Geschichte, mit dem Untergange beider Reiche. So lange haben sie sich gegenseitig selbstmörderisch zerfleischt, bis sie beide die Beute der Eroberer wurden; Samaria wurde vom assyrischen König, Jerusalem Tom babylonischen erobert. Die Blüte des israelitischen Volkes wurde in die Fremde geschleppt. Das Buch der Könige ist von grossem wissenschaftlichen Wert; es giebt sich ausdrücklich als einen Auszug aus älteren Werken, vornehmlich aus den Chroniken beider Reiche. Ein sittlicher, tief religiöser Ernst durchweht das Ganze; aber der Verfasser ist doch im grossen und ganzen politisch; er rechnet mit den natürlichen Vorgängen und Zeitereignissen. Die geschichtliche Auffassung entspricht den Anschauungen eines gereiften Mannes, der wohl im Leben der Völker ein höheres, göttliches Walten erblickt, aber keineswegs in allen Vorgängen Wunder sucht. Die göttliche Vorsehung greift nicht unberechenbar ein, sondern sie offenbart sich in der notwendigen Verkettung der Thatsachen; in dem Bösen liegen die Keime der Strafe, die nicht ausbleiben kann. In diesem Sinne wird auch ein moderner Historiker die Geschichte darstellen, wenn er Verständnis für das Göttliche in der Geschichte hat. Wenn nicht in dem Leben des Einzelnen, so offenbart sich doch gewiss im Leben der Völker der befreiende Gedanke der Gerechtigkeit und des gerechten Waltens einer sittlichen Ordnung. Die Geschichte lehrt Moral. Auch sprachlich und in der Gruppierung der Thatsachen ist das Buch der Könige sehr gelungen, es gehört somit zu den besten geschichtlichen Werken der Weltlitteratur. Natürlich wird man an ihn nicht den Massstab der modernen historischen Kritik legen, die jenem Zeitalter fremd war. Wie gesagt, liegt dieser hohe Wert in seiner Auffassung, in seinem ethischen Gehalt, in dem Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Viel jünger sind die historischen Bücher, die in der dritten Gruppe der biblischen Sammlung enthalten sind; wir meinen die Bücher der Chronik und Esra- Nehemia. Erstere rekapitulieren bekanntlich die älteren Geschichtsbücher in aller Kürze, ergänzen sie aber gleichzeitig, insbesondere bezüglich der Geschichte des davidischen Königshauses und der Tempelordnung in Jerusalem. Nach dieser Richtung hin enthalten die Bücher der Chronik viel schätzenswertes Material, hingegen können sie in Bezug auf litterarische Form und Darstellung keineswegs den Vergleich mit den älteren Geschichtswerken aushalten. Auch die Sprache ist minder sorgfältig gefeilt, wie überhaupt diese Bücher einer Epoche angehören, in der das goldene Zeitalter der hebräischen Litteratur längst aufgehört hatte. Die Bücher Esra-Nehemia schliessen sich in der Form der Chronik an, enthalten ebenfalls viele wichtige Aufzeichnungen; ausserdem finden wir da eine interessante Darstellung der aufregenden Kämpfe, die sich in Judäa unter der Landpllegerschaft Nehemia's abgespielt haben: die Auflösung der Mischehen und die endgültige Restauration des Judentums. Ausser den geschichtlichen Büchern in der Bibel besitzen wir auch solche in den sogenannten Apokryphen, deren Entfernung aus der Sammlunodes biblischen Schrifttums auf verschiedene Gründe, zurückzuführen ist. Eines der besten Geschichtsbücher, das man ganz gut an die Seite der älteren Bücher der Bibel stellen dürfte, ist unstreitig das 1. Makkabäerbuch. Es enthält die Geschichte des jüdischen Volkes seit dem Anfange der griechischen Herrschaft bis zur Ermordung des Hasmonäerfürsten Simon. Die älteren Ereignisse von dem Siegeszuge Alexanders des Grossen in Asien bis zur Zeit der Makkabäerkämpfe werden in aller Kürze erzählt; hingegen wird das Buch mit dem Zeitpunkt der Erhebung Matatia s und der Treuen in Israel ausführlicher. Die Kämpfe des Juda Makkabäus, dessen Siege und die Wiederherstellung des israelitischen Gottesdienstes im Heiligtum zu Jerusalem, sowie die weiteren Kämpfe der Hasmonäer und das Treiben der hellenistisch gesinnten Judäer werden da mit grosser Klarheit und Anschaulichkeit geschildert. Das hebräische Original dieses Buches — denn dass es ursprünglich hebräisch geschrieben war, unterliegt keinem Zweifel — ist leider in der Folge verloren gegangen. Wir besitzen die griechische Uebersetzung, aus der die Rückübersetzung ins Hebräische bereits einige Mal unternommen worden ist. Der Verlust der hebräischen Urschrift ist sehr zu bedauern, da wir es mit einem Buche von grossem Wert und von schöner Darstellungsweise zu thun haben. Auch das 1. Makkabäerbuch ist vom Geist der wahren Frömmigkeit und des Gott Vertrauens durchweht; aber nichtsdestoweniger ist die geschichtliche Darstellung eine weltliche, d. h. der Verfasser lässt nicht ohne weiteres Wunder eingreifen, sondern vielmehr die Ereignisse sich nach der natürlichen Entwickelung der Dinge abspielen. Das Walten der göttlichen Vorsehung zeigt sich in der allgemeinen Gestaltung der Geschichte, in dem Siege der gerechten Sache und in der ausgleichenden Gerechtigkeit. Ein moderner Bibelforscher fasst sein Urteil über dies vorzügliche und sehr lesenswerte Buch in die Sätze zusammen: „Ueber den geschichtlichen Wert des 1. Makkabäerbuches ist von jeher sehr günstig geurteilt worden. In der That befleissigt sich der Erzähler einer nüchternen, von der Ruhmredigkeit und Wundersucht freien Darstellung, und unterscheidet sich namentlich im letzteren Punkte vorteilhaft von dem Verfasser des 2. Makkabäerbuches." Indem wir das Urteil über den Verfasser des 2. Makkabäerbuches als vollauf berechtigt erklären, können wir unsere Darstellung über die Geschichtsdarstellung in dem biblischen und apokryphen Schrifttum schliessen.