Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Das Judentum und seine Geschichte
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 371 - 372 (sequence 4)
- Language
- German
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371 Dr. S. Bernfeld: Das Judentum und seine Geschichte. 372 Mit dem Zeitpunkte, wo uns die biblischen Historiker verlassen, reisst der Faden der jüdischen Geschichte ab. Wir sind daher dem bedeutenden jüdischen Geschichtsschreiber Joseph b. Matatja, besser unter dem Namen Flavius Josephus bekannt, grossen Dank dafür schuldig, dass er in seinen ausgezeichneten Werken ein Bild der jüdischen Geschichte von der Makkabäerzeit bis nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus bietet. Die Persönlichkeit Flavius Josephus ist überaus interessant, und vir vollen hier sein Lebensbild, alleidings in möglichster Kürze, vorführen. Er wurde im Jahre 37 in Jerusalem als Sprössling einer priesterlichen Familie geboren; mütterlicherseits stammte er von dem Hasmonäergeschlecht ab. Er erhielt eine sorgfältige Erziehung, wie sie damals in den vornehmen jüdischen Familien üblich war. Im Jahre 63, also im Alter von sechsundzwanzig Jahren, begab er sich nach Rom, um bei den dortigen Machthabern für in Haft genommene jüdische Gelehrte Fürsprache einzulegen. Dort machte er die Bekanntschaft der Kaiserin Poppäa, der Gemahlin Neros, die ihm ihr Wohlwollen zuwandte. Sein Bemühen wurde von Erfolg gekrönt. Bald nach seiner Rückkehr in die Heimat brach der Aufstand gegen die römische Herrschaft aus, nachdem das jüdische Volk müde geworden war, die ewigen Erpressungen und die brutale Verhöhnung durch die Landpfleger zu ertragen. Josephus bemühte sich zwar, das Volk vor jeder Ausschreitung zu warnen; nicht umsonst war er in Rom gewesen, wo er den Umfang der römischen Weltmacht aus eigner Anschauung kennen gelernt hatte. Als aber trotz seiner Bemühung der Aufstand doch ausbrach, Hess er sich den Oberbefehl über die wichtigste Armee, über die galiläische, übertragen. Im ersten Stadium des Nationalkrieges Hess sich das Volk noch die Führerschaft der Aristokratie gefallen. Josephus war an sich kein geeigneter Feldherr, da ihm vor allem der persönliche Mut fehlte, auch mangelte ihm von vornherein jedes Vertrauen, ja jede Begeisterung für die* nationale Sache. Er war von Natur eitel, und wahrscheinlich nur deshalb hatte er sich um die hohe Stellung in Galiläa beworben. Als er in seine Provinz kam, geriet er sogleich in einen harten Konflikt mit den fhochges$mmten. Patrioten, insbesondere mit dem edlen, uneigennützigen und todesmutigen Johannes von Giskala. Diese Leute misstrauten ihm sehr, da sie ihn in Verdacht hielten, es heimlich zu Agrippa IL und den anderen Römlingen zu halten. Es entstanden heftige Reibungen, durch welche die nationalen Kräfte nutzlos vergeudet wurden. Die Provinz Galiläa wurde dadurch fast ohne Mühe den Römern in die Hände gespielt; damit war auch das Schicksal des judäischen Aufstandes, bei dem so viel edles Blut vergeblich geflossen war, endgültig besiegelt. In seiner geschichtlichen Darstellung des Krieges hat Josephus noch dazu die besten Patrioten mit Verleumdungen überschüttet. Als die wichtige galiläische Festung Jotapata den Römern in die Hände fiel, beschworen die besiegten Helden den Feldherrn, sich nicht lebend in die Hände der Sieger zu liefern. Sie wollten alle freiwillig sterben, um wenigstens zu der Niederlage nicht noch die Schmach der Feigheit zu fügen. Josephus wagte nicht, offen den Leuten entgegen zu treten, vielmehr ging er scheinbar auf den Vorschlag ein, wusste aber die Sache so geschickt zu wenden, dass er einer der letzten blieb, wonach er doch zu den Römern überging. Mit Recht hat Ewald den Ausspruch gethan, dass die That an sich vielleicht nicht so hässlich ist, wie die Art und Weise, in der er sich ihrer rühmt. Jedenfalls lud er auf sich dadurch den Verdacht seiner Volksgenossen, dass er von den Cäsaren Gunstbezeugungen annahm. Indessen muss zu seiner Ehrenrettung hervorgehoben werden, dass er stets bemüht war, seinen Einfluss zu Gunsten seiner unglücklichen Landsleute zu verwenden. Er starb in Rom nach dem Jahre 93. Seine letzten Lebensschicksale sind unbekannt. Nach dem Kriege beschäftigte sich Josephus ausschliesslich mit litterarischen Arbeiten. Zuerst schrieb er die Geschichte des jüdischen Krieges in sieben Büchern. Das Buch wurde ursprünglich hebräisch oder vielleicht aramäisch (syro-chaldäisch) geschrieben, nachher aber für die heidnische Welt griechisch. Die hebräische Schrift ist in der Folge verloren gegangen. Hingegen fand die griechische Bearbeitung grossen Anklang. In der Einleitung dieses Buches hebt Josephus hervor, man behaupte vielfach, die Juden hätten sich nicht mit genügendem Mute geschlagen, sie wären leicht überwunden worden. Das sei nicht der Fall, und um dies , zu beweisen, schreibe er die Geschichte des Krieges. Diese Tendenz gefiel auch den römischen Machthabern, denn sonst wäre es für das grosse Rom doch gewiss keine Ehre gewesen, sich vier voUe Jahre mit diesem kleinen Volke herumgeschlagen zu haben. Um die Ursachen des Aufstandes den Lesern verständlich zu machen, greift Josephus in die frühere Zeit zurück. Später machte er sich an eine noch grössere und dankenswertere Arbeit, an die Darstellung der jüdischen Altertümer, — welches Geschichtswerk er in zwanzig Büchern schrieb. Er begann mit der Weltschöpfung und bearbeitete die biblische Geschichte, allerdings nach der griechischen Uebersetzung der Bibel, und wurde dann bei der Geschichte der Hasmonäer und der Herodäer ausführlicher. Bei diesem Werk benutzte er manche Vorarbeit, insbesondere die Königsgeschichte des heidnischen Freundes Herodes', des Nikolaus von Damaskus. Die Tendenz dieser umfangreichen und verdienstvollen Arbeit war, der heidnischen Welt Achtung vor der Vergangenheit Israels beizubringen. Ausserdem schrieb er noch eine Schutzschrift für das Judentum gegen den Alexandriner Apion, einen Judenfresser im Stile eines Revolverjournalisten unserer Tage, und eine „SelbstbibHographie". Wollen wir den Wert dieser litterarischen Schöpfungen richtig einschätzen, so werden wir uns