Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Das Judentum und seine Geschichte
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 367 - 368 (sequence 2)
- Language
- German
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Dr. S. Bentfeld: Das Judentum und seine Geschichte. 368 gross wie das Buch der Richter, und während letzteres einen Zeitraum von etwa dreihundert Jahren umfasst, der noch dazu reich an kriegerischen Ereignissen war, befasst sich das Buch Samuel mit der Geschichte zweier Generationen, mit den Begebenheiten, die sich in etwa achtzig Jahren abspielten. Natürlich konnte der Verfasser viel ausführlicher sein. Er bietet uns nicht, wie das Buch der Richter, eine Sammlung von Geschichtsbildern, deren jedes einzelne ein Kunstwerk ist. sondern eine Geschichte im Zusammenhange. Die erzählten Dinge sirid unstreitbar sehr interessant, die Schilderung lebhaft und anziehend und, was die vorzüglichste Seite dieses Buches ist, kulturhistorisch treu. Der Verfasser liebt es oft, einzelne Episoden in der ursprünglichen Fassung wiederzugeben; er gebraucht dabei ältere Ausdrücke, die er in Parenthese-Sätzen erläutert. Wie schön ist z. B. die Darstellung, wie Saul zum Königtum gelangt ist. Da wird berichtet, wie dieser junge und schöne Hofbesitzerssohn mit einem der Burschen ausgeht, um verlaufene Eselinnen zu suchen und nun auf den Rat seines Begleiters den „Seher", d. h. den Propheten Samuel besuchen will. Beide kommen in die Stadt, wo sich der Prophet aufhielt, und fragen bei den jungen Mädchen, die Wasser holen sollten, nach der Wohnung des „Sehers". Die jungen Mädchen, höchlich verwirrt über das Erscheinen der beiden Fremden, von denen der junge, schöne und hochgewachsene Hof besitzerssohn in so manchem Herzen Eroberungen gemacht haben dürfte, überhasten sich in der Antwort, schwatzen von Dingen, über die sie gar nicht gefragt worden sind, mit grosser Ausführlichkeit und sind in diesem Geplauder allerliebst. Diese hübsche Szene giebt' der Verfasser in seiner ganzen epischen Breite wieder, und so ist uns eins der schönsten Stücke altisraelitischer Erzählungskunst erhalten geblieben. Der Verfasser ist aber nicht nur ein Meister in der Kleinmalerei, er versteht es auch vortrefflich, grosse und erschütternde Begebenheiten ernst und umfassend zu schildern. In der Wahl der stilistischen Form ist er immer sehr glücklich. So wenn er z. B. den langwierigen Kampf zwischen dem unglücklichen Saul und zwischen dem jungen David erzählt, wie sich zuerst der Argwohn im Herzen des kranken Königs gegen David festgesetzt, wie die Misshelligkeiten zwischen beiden ausbrachen und in der Folge zu einer erbitterten Fehde führen. Darauf das Verhältnis Jonathans, dieses edlen Jünglings, der weder Neid noch gekränkte Eitelkeit kennt und sich mit fast beispielloser Uneigennützigkeit seinem Freunde anschliesst, also das Verhältnis Jonathan^ zu seinem Vater einerseits und zu dem von ihm bewunderten Freund andererseits. Dann die Irrfahrten der flüchtig gewordenen Helden und am Ende den Heldentod SauFs und seiner älteren Söhne! Von derselben packenden Wirkung ist auch der Kampf Absalom's gegen seinen Vater. Entsprechend dem Bilde trauriger Verkommenheit von der einen Seite und dem der nie versiegenden VateJiebe von der anderen, ist auch die Schilderung in der Form spannender, die ganze Aufregung der Zeit wiedergebend. Man sieht, dass der Verfasser auf seiner Palette einen grossen Reichtum an Farben hatte und sich auf die Mischung und Anwendung meisterhaft verstand. An das Buch Samuel reiht sich im biblischen Schrifttum das Buch der Könige, das sich auch geschichtlich als eine Fortsetzung der vorangegangenen Bücher giebt. Auch zwischen diesen beiden geschichtlichen Büchern ist ein grosser Unterschied vorhanden. Mansieht, dass die geschichtliche Darstellung immer ernster und wissenschaftlicher wird, natürlich auf Kosten der künstlerischen Form. Welch ein Unterschied zwischen dem Buch der Richter und dem der Könige! Das letztere ist unbedingt sehr wertvoll, aber es steht auf einem ganz anderen Standpunkt. Die Form ist schön, ja vorzüglich, aber der Verfasser hat auf die Form bei weitem nicht mehr das Hauptgewicht gelegt. Hier handelt es sich um geschichtliche Wahrheiten, um grosse und höchst wichtige nationale Fragen. Die Zeiten der kindlichen Naivität, der dichterischen Unmittelbarkeit waren vorüber. Die Nation wird von grossen Sorgen gequält, der Kampf ist ein ernster, und, was die Hauptsache ist, die politische Reflexion nimmt überhand. Es wird um die Suprematie in Israel gestritten. Wer wird die Vormacht bilden? Das alte Ephraim oder das jung aufstrebende Juda? Der Nord oder der Süd? Wer die Geschichte Deutschlands mit Aufmerksamkeit verfolgt, namentlich den Kampf zwischen der alten Vormacht Oesterreich und dem jungen, mächtig aufstrebenden Preussen, wird darin ein Gegenstück zu den politischen Vorgängen in Palästina finden. Solche politischen Ereignisse können nicht wie die Kulturbilder der älteren Geschichtswerke geschildert werden. Der Verfasser bemüht sich augenscheinlich, unbefangen zu bleiben, er ist es auch in vielfacher Hinsicht, aber er kann doch nicht seinen Unmut über manche Vorgänge unterdrücken. Man muss die Unparteilichkeit des Verfassers bewundern, der doch offenbar auf dem judäischen Standpunkt stand und den Abfall Ephraim's entschieden missbilligte, und doch verschwieg er weder die in Verschwendung ausartende Prachtliebe des Königs Salomo, die ihn zur Bedrückung des Volkes, ja zum Abfall vom nationalen Glauben verleitete, noch den knabenhaften, höchst thörichten Trotz seines Sohnes Rehabeam, der auf die gerechten Klagen des Volkes eine ebenso strafwürdige wie unpassende Antwort gab und so die nationale Spaltung besiegelte. Ueberhaupt wird der Verfasser auch den guten Eigenschaften des ephraimitischen Königtums gerecht; er ist keineswegs ein beschränkter Kopf, dessen Urteilskraft nicht die engen Grenzen der eigenen Heimat übersteigt. Mit derselben Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit erzählt er auch die Fehler und Laster des judäischen Königshauses, der nationalen davidischen Dynastie.