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Ost und West · 1901-05-01 · Heft 5 (Mai 1901) · p. Seite 365 - 366

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 5 (Mai 1901)
Article
Das Judentum und seine Geschichte
Date
1901-05-01
Page
Seite 365 - 366 (sequence 1)
Language
German
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365 366 DAS JUDENTUM UND SEINE GESCHICHTE Von Dr. S. Bernfeld. I. Das jüdische Volk ist eines der ältesten Kulturvölker der Erde, und, seinem hohen Alter entsprechend, reicht auch seine Geschichte sehr weit zurück. "Wie die jüdische Geschichte so reich an grossen und erschütternden Ereignissen ist, die den Kenner im höchsten Grade fesseln und interessieren, so ist auch die Geschichte der jüdischen Geschichte ein überaus interessantes Kapitel aus der Kulturgeschichte der Menschheit. In dem Verhältnis der jüdischen Geschichte zu der allgemeinen spiegelt sich auch das. Verhältnis Israels zu den anderen Nationen ab. Die Uranfänge der israelitischen Geschichte sind, ähnlich wie bei den anderen Völkern, in den Heldenliedern zu suchen. Auch bei den Israeliten ist die Poesie älter als die Prosa, wenn man von schriftlichen Aufzeichnungen in litter arischer Form sprechen will. Die Heldenlieder waren später in einem Buche gesammelt, dessen die älteren jüdischen Geschichtsbücher Erwähnung tmm (Josua 10, 13 und 2. Samuel 1, 18); es hiess das Buch „Hajaschar". Ebenso gab es eine Liedersammlung, die sich mit den Kämpfen Israels bei der Eroberung Palästinas beschäftigte; es hiess „das Buch der Kriege des Herrn" und wird im 4. Buch Moses 21, 14.. citiert. Ein hohes Alter hat auch das bekannte „Deboralied" (im Buche der Richter, Kapitel 5) aufzuweisen. All diese Lieder bildeten in der ältesten Zeitepoche die einzige Geschichtsquelle, zu der erst später die Chroniken und sonstige schriftliche Aufzeichnungen kamen. Dies letztere setzt bereits einen gewissen Kulturgrad voraus, der an die Sesshaftigkeit des Volkes geknüpft ist. In späterer Zeit bildete sich im israelitischen Volke die Geschichtsschreibung im künstlerischen und wissenschaftlichen Sinne aus. Abgesehen von der geschichtlichen Darstellung, die wir in den fünf Büchern Moses (in der Thora) besitzen, beginnend mit der Weltschöpfung und abschliessend mit dem Zeitpunkt des Ablebens Moses, haben wir im biblischen Schrifttum geschichtliche Bücher von hohem Wert, deren künstlerische Schönheit wir nicht genug bewundern können. Das Buch Josua, das sich als eine Fortsetzung der Thora giebt, enthält einige Kapitel, deren geschichtlicher Inhalt uns durch die Darstellung fesselt. Im grossen und ganzen ist aber der Wert dieses Buches in seinem reichen historischen und zum Teil auch sprachlichen Material zu suchen. Denn abgesehen von den Aufzeichnungen über Beginn und Fortgang der Eroberungszüge rinden wir in Josua eine sehr interessante geographische Schilderung Palästinas. Dass diese Partien uralt sind, wird jeder Kenner des Hebräischen leicht herausfinden. Es interessiert uns nun im hohen Grade, all die geographischen Ausdrücke und Bezeichnungen, die uns sonst in keinem Buche des biblischen Schrifttums erhalten sind, kennen zu lernen. Eines der schönsten geschichtlichen Bücher der Bibel, vielleicht das schönste, ist das Buch der „Richter", das uns in kurzen, aber präzisen und überaus klaren Zügen die Geschichte des israelitischen Volkes während der Richterepoche, vom Ableben Josua's bis zu der Einsetzung des Königtums, vorführt. Der Verfasser dieses Buches war ein Künstler, bei dem man nicht weiss, welche seiner Fähigkeiten die grösste Bewunderung verdient. Die Ereignisse werden, jedes für sich, in einem Bilde von genauer Umgrenzung geschildert; die Sprache ist einfach und doch ungemein fesselnd; die Darstellung^ weise klar, abgerundet und anziehend. Man darf das Buch als eine Sammlung höchst gelungener Geschichtsbilder bezeichnen. Abgesehen von dem geschichtlichen Wert dieses Buches, wird es stets allen Kennern des Hebräischen durch seine sprachlichen Schönheiten als ein Musterbild der hebräischen Prosa dienen. Der Ton ist durchweg ernst, aber nicht ohne einen gewissen Sarkasmus, der mehr in der Schilderung der Ereignisse als in der Sprache zu finden ist. Der Verfasser scherzt nicht, deklamiert aber auch nicht in Bezug auf die Lehre der Geschichte. Sein Standpunkt ist der des gesunden geschichtlichen Pragmatismus, der sich aber von selbst ergiebt. Israel ist immer glücklich, so lange es seinem nationalen Wesen treu bleibt, und gerät immer in Gefahr, wenn es von seinem Glauben abfällt. Aber man sieht es dem Verfasser an. dass er nicht durch die Gruppierung der geschichtlichen Ereignisse diese Moral lehren wollte: sie ergiebt sich von selbst. Seine Darstellung von dem Götzendienst im Hause Micha's in Ephraim und von der Entführung dieses „Gottes" ist höchst ergötzlich, eine Perle echten Humors. Hingegen ist die Schilderung der abscheulichen That in Geba und des infolge dieses Vorganges entstandenen Bruderkrieges ebenso ernst wie ergreifend. Viel mannigfaltiger ist das Buch Samuel, das äusserlich an das Buch der Richter anknüpft, aber von ihm in Form und Wesen sehr verschieden ist. Der Verfasser dieses Buches hat offenbar aus älteren Quellen geschöpft und geschichtliche Darstellungen in sein Buch aufgenommen. Sein Verhältnis zum Verfasser des Buches der Richter ist etwa wie das eines grossen Historikers zu einem Dichter. Im Buche Samuel finden wir bei weitem nicht jene künstlerische Form, wie wir sie im Buche der Richter bewundern; aber seine Vorzüge sind in dem reichen kulturgeschichtlichen Material zu suchen, das da mit grosser Sorgfalt zusammengestellt ist. Das Buch Samuel ist etwa dreimal so

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