Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 355 - 356 (sequence 5)
- Language
- German
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355 Fabius Schach: Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte. 356 Das war das grösste Unglück. In Russland hätte sich die Sache mit der Zeit zu einem ernsten jüdisch-nationalen Kunstinstitut ausgebildet, denn hier war die Intelligenz und der jüdische Idealismus. In seinen neuen Pflanzstätten konnte das: jüdische Theater keine Fortschritte machen Gruppenbild aus „Bar-Kochba". und musste zu einem Provinzialtheater werden. Namentlich in Amerika, wo alles Geschäft und Humbug ist, musste aus der jüdischen Bühne ein tragikomisches Zwitterding werden. Man braucht nur die widerlichen Theaterzettel der jüdischen Institute in New York mit ihren Jahrmaiktsankündigungen zu lesen, um zu wissen, wess Geistes Kind dort das jüdische Theater ist. Dichter und Komponisten arbeiten dort mit den ungeschicktesten und unehrlichsten Mitteln. Alles , ist zusammengeschmiert, zusammengestohlen. Goldfaden, Lateiner und Horowitz wetteiferten miteinander, um die Sache hier noch schlechter als in Russland zu machen. Horowitz war ein tüchtiger Schauspieler und ein schlechter Dichter. Er schmierte daher alles Mögliche zusammen und taufte die unmöglichsten Dinge in Judenstücke um. Gegenwärtig befinden sich zwei jüdische Theater in New York, einige in England, eins in Lemberg und ich glaube, auch eins in Budapest und in Konstantinopel. Das Orientalische Theater gastiert seit einiger Zeit in Berlin, und man hat Gelegenheit, dort die eigenartigen Leistungen der jüdischen Schauspieler zu studieren. Einige sind geradezu hervorragend in ihrer Individualität. So der Schauspieler Josef Weinstock, der ausgezeichnete Sänger Jakob Silber t und seine Frau, Frau Verkauf, P. Läwitz und mehrere andere. Neue Stücke von Wert sind in den letzten Jahren nicht entstanden, eine Besserung des Systems ist nicht eingetreten. Was man aber von fast all diesen Instituten sagten kann, ist, dass sie tüchtige Kräfte aufweisen. Jakob Adler in New York wurde lange als der König der jüdischen Bühne gepriesen, und viele andere geniessen den Ruf echter Künstler. Es ist schade, dass diese Kräfte nicht an wirklichen jüdischen Dramen ihre Kunst bethätip-en können. & * * * Kein Volk bedarf so sehr der ästhetischen Erziehung und der Pflege des Schauspiels, wie die Juden des Ostens. Man braucht nur einmal gesehen zu haben, mit welcher nervösen Gespanntheit die jüdischen Theaterbesucher diese minderwertigen Stücke verschlingen, um zu begreifen, was ihnen das Theater ist, und was ihnen ein wirkliches jüdisches Drama höherer Gattung sein könnte. Die Judenheit Russlands bedarf des jüdischen Theaters, um kulturell und ästhetisch zu gesunden. Heute, wo der Geschmack etwas geläutert ist, wo es an wirklichen Dichtern in der Jargonlitteratur nicht fehlt, dürfte vielleicht die Zeit gekommen sein, wo man ernstlich in Russland an die Neuschöpiung einer jüdischen Volksbühne und eines jüdischen Dramas denken sollte. Das urwüchsige Judentum ist so reich an tragischen und komischen Erlebnissen, und das jüdische Wesen wie kaum ein anderes für die mimische Darstellung geeignet. Würde es heute zu erreichen sein, dass an den jüdischen Centren Theater konzessioniert werden, dann würde der jüdischen Dichtung und der jüdischen Darstellungskunst eine neue grossartige Epoche erblühen. Dramatiker giebt es freilich unter den jüngeren deutsch-jüdischen Schriftstellern noch (der hervorragendste jüdische Schauspieler in New-York.) nicht, aber das Bedürfnis würde neue Talente erzeugen. Die nationale Begeisterung und das Verständnis für individuelle Kultur sind jetzt in Russland vor-