Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 357 - 358 (sequence 6)
- Language
- German
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357 Fabius Schach: Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte. 358 handen. Vor allem kennt man jetzt das Leben, man hat Achtung vor sich selber, und man versteht aus Vergangenheit und Gegenwart zu schöpfen. Gerade das Schlichte, das Schöne und Natürliche begreift der russische Jude nicht, weil er durch Generationen pilpulistisch erzogen wurde und sich daran gewöhnte, sich mehr an Talmudathletik als an Blumen und Strahlen zu ergötzen. Die Seele des russischen Juden ist krank, vielleicht noch kränker als sein Körper. Die Pflege des Schönen ist der Weg zur Genesung. Ein gutes Nationaltheater, eine echte Volksbühne wäre eine erlösende That. Der Jude muss wieder in das Reich der Schönheit eingeführt werden, sein Sinn für Kunst und Natur muss wieder erwachen. x\lle Versuche, den Ghettojuden zu erlösen, sind verfehlt, so lange er nicht innerlich frei ist. Erst die innere, dann die äussere Erlösung. DIE BERNSTEINISCHE BIBLIOTHEK- Von B. W. Segel. Eine der merkwürdigsten und interessantesten Büchersammlungen in Europa bildet diejenige eines Privatmannes, Herrn Ignaz Bernstein in Warschau, von der der Katalog in zwei starken Bänden Lexikonformat vor einigen Monaten erschienen ist.1) Eine Bibliothek, die 4761 Nummern umfasst, ist wohl an sich keine allzugrosse Seltenheit, und wenn auch manche dieser Nummern mehrere Bände bedeuten, derart, dass die Bändezahl der Sammlung sich auf das vier- oder fünffache beläuft. Aber eine Bibliothek von 4761 Nummern, aus lauter Büchern bestehend, die . . Sprichwörter enthalten und zwar in nicht weniger als 161 Sprachen und Dialekten des ganzen bewohnten Erdkreises, das dürfte wohl eine einzig in ihrer Art dastehende Erscheinung sein. Zu den vielen Wandlungen, die sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts in der Anschauung des civilisierten Menschen vollzogen haben, gehört auch die Schätzung und Wertung der volkstümlichen Hervorbringer von Lied, Sage, Sprichwort Sitte, Brauch und Glaube, in denen sich der Völker Geist und Art in all seiner Mannigfaltigkeit und Ursprünglichkeit spiegelt. Die Wissenschaft der Völker- und der Volkskunde ist eine moderne Wissenschaft, ein Kind des 19. Jahrhunderts. Doch von allen Arten volkstümlichen poetischen Schaffens fand das Sprichwort — diese kurze und markante Prägung, die wie die Goldmünze einen Teil des Volksreichtums, ein Stück gemeinsamer Lebenserfahrung in sich birgt — am frühesten Beachtung. Sprichwörtersammlungen besitzen wir aus den frühesten Epochen der Kulturgeschichte. Enthalten ja schon die „Sprüche Salomonis" unzweifelhaft vieles was ur- 1) Catalogue des livres paremiologiques composant la bibliotheque de Ignace Bernstein. Varsovie. De l'imprimerie W. Drugulin, ä Lepsick. MDCCCC. sprünglich volkstümliche Redensart und Sprichwort war. Aber während man in früheren Zeiten das Sprichwort vorzugsweise als Quelle der Volks Weisheit betrachtete, sieht die heutige Wissenschaft darin zunächst eine Manifestation des Volksgeistes, und sich der vergleichenden Methode bedienend, ist sie bestrebt, vermittels des Sprichwortes das Gemeinsame und das Verschiedene in der Psychologie, in der Gefühls- und Denkweise der Völker zu ermitteln. Für die Wissenschaft der vergleichenden Völker- und Volkskunde ist die Bernsteinische Bibliothek eine wichtige Quelle allerersten Ranges. Hier sind 161 verschiedene Volksgruppen vertreten, von der ersten und ältesten Kulturnation der Welt bis hinab zu den kleinen Völkerstämmen im Herzen von Afrika und Asien, die sich noch auf der primitivsten Stufe der Kultur befinden, und deren einziges geistiges Produkt — neben Lied und Sage — das Sprichwort ist. Der Besitzer der Bibliothek hat der Forschung einen höchst anerkennenswerten Dienst geleistet durch die Herausgabe seines Kataloges, einen Dienst, für den ihm alle auf dem weiten Gebiete der Volkskunde Arbeitenden nicht genug Dank wissen können. Der Katalog — zwei Bände Lexikonformat von zusammen 1200 Seiten — ist nicht nur in bibliographischer Beziehung, wegen der vollständigen Wiedergabe der Titel aller Bücher in der Urschrift, der grossen Präzision und der genauen Beschreibung aller Werke, eine Musterleistung, sondern bildet auch rein ästhetisch betrachtet, infolge seiner herrlichen, geradezu splendiden Ausstattung, wie sie nur ein für die Sache begeisterter Kenner und Feinschmecker herstellen konnte, ein das Auge erfreuendes Prachtstück. Besonders wichtig für die Geschichte des Buchdrucks und des Buchschmucks sind die überaus zahlreichen Reproduktionen von Titelblättern, Illustrationen, Kolophonen und Marken