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Ost und West · 1901-05-01 · Heft 5 (Mai 1901) · p. Seite 353 - 354

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 5 (Mai 1901)
Article
Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte
Date
1901-05-01
Page
Seite 353 - 354 (sequence 4)
Language
German
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353 Fabius Schach: Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte. 354 Sie in ihrer Feinheit zu erfassen und dramatisch darzustellen, dazu muss man ein ganzer Künstler und Seelenkenner sein. Um historische Stoffe zu benutzen, muss man sich in diese Zeiten und ihre Verhältnisse versenken, und, was noch schwieriger ist, mit dem Gebiete der Symbolik, des Tastens und Empfindens vertraut machen. Das ist wiederum die Aufgabe eines ganzen Dichters und nicht eines Dilettanten. Wohl liegt hier in den Sagen und Parabeln der Agada und des Midrasch ein gewaltiger Schatz verborgen, aber um ihn zu heben, muss man ein gottbegnadeter Künstler sein. Es ist schade, dass dem Begründer des jüdischen Theaters diese Erkenntnis abging. Es wäre ruhmvoller für ihn und segensreicher für sein Theater, wenn er sich darauf beschränkt hätte, nur Direktor zu sein und die litterarische Arbeit einem berufenen Dramatiker oder wenigstens einem guten Uebersetzer überlassen hätte. Es scheint, als wenn Goldtaden später selbst einsah, wie wenig seine Bühne der Kunst und der Bildung und Veredlung des Volkes diente. Er schloss bald mit der ersten Epoche ab, und als er mit seiner Truppe nach Odessa übersiedelte, nahm er doch die dramatische Seite etwas ernster. Er fing an, deutsche Novellen zu dramatisieren, so „Bar-Kochba" und „Rabbi Joselmann". Und es wurden keine Kunstwerke daraus, aber doch immerhin brauchbare Sachen. Wo er sich dagegen daran wagte, schwierige Stoffe selbst zu gestalten und dichterische Probleme zu lösen, da entstanden Missgeburten. So wirken „Judith" und „Juda Makkabi" nicht ernst, sondern komisch. „Sulamith" und „Meschiachs Zeiten"1) sind wohl die relativ besten Stücke dieser reiferen Periode. Auch sie sind nicht frei von Karikaturen und Unwahrscheinlichkeiten, aber sie haben wenigstens eine Idee, die sich durch all den Wulst durcharbeitet und zum Ausdruck kommt. Auch hier pendeln die Figuren zwischen den komischbizarren und den heroisch-romantischen Polen, aber es sind wenigstens lebende Figuren. Jedenfalls hatte das Goldfaden'sche Institut in Odessa nicht mehr den Charakter eines Tingeltangels und es näherte sich immer mehr der Idee eines Theaters. Es dämmerte allmählich die Erkenntnis aul, dass eine Volksbühne noch andere Aufgaben hat, als bloss zu unterhalten. * * * Die geschäftliche Seite des Unternehmens war glänzend. Das jüdische Publikum, das meistens noch nie ein Theater gesehen hatte und nach dem unbekannten Zauber der Kunst lechzte, strömte hin ins neue Paradies, das für es den Inbegriff aller himmlischen Genüsse bildete. Es dauerte daher nicht lange, und es entstand eine Konkurrenz. Es fanden sich bald Bühnendichter und Schauspieler und auch Direktoren und Unternehmer. Leon Lerner, ein sittlich verkommener aber hochbegabter hebräischer Feuille- J) Die messianiscke Zeit. tonist, trat auf den Plan und gründete ein zweites Theater. Lerner war, wie die meisten gebildeten Juden Russlands damaliger Zeit, Autodidakt, aber tiefer angelegt und gebildeter als Goldfaden. Ihm schwebte als Ideal vor die Geburt des jüdischen Dramas. Er wusste aber, dass er kein Dichter ist, und so begnügte er sich damit, zu übersetzen. Seine Uebersetzungen des Gutzkow'schen ,,Uriel Akosta" und der „Jüdin4' sind als durchaus gelungen zu bezeichnen. Auch der berühmte hebräische Publizist Lilienblum hat zwei Dramen für ihn geschrieben, die zwar technisch verfehlt sind, aber doch himmelhoch über den Schmierereien Goldfaden's stehen. Auch mit der Einstudierung nahm es Lerner ernst, und der bekannte Schauspieler Schon* hat sich auf seinen Brettern ausgebildet. Noch ein drittes Theater entstand bald. Scheikewitz, der Fabrikant aller Dienstmädchen- Romane, errichtete eine dramatische Filiale für seine beliebten Marken und bot seine „spannenden'' Stücke allen Phantasten und Narren zum Genuss. Die drei Truppen zogen in Russland umher und befehdeten einander. Der Konkurrenzkampf wurde immer verbitterter und endete mit Denunziationen. So verbot die russische Regierung die jüdischen Theater, und sie wanderten aus nach Galizien und Rumänien, nach England und Amerika. Gebrüder Verkauf (Komiker). Rolle aus „Meschiach's Zeiten",

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