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Ost und West · 1901-05-01 · Heft 5 (Mai 1901) · p. Seite 351 - 352

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 5 (Mai 1901)
Article
Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte
Date
1901-05-01
Page
Seite 351 - 352 (sequence 3)
Language
German
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351 Fabius Schach: Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte. 352 Einikel",1) „Schmerdrik", „Der Podratschik",2) »Die Kischuf-Macherin"3) und wie die fabrikmässig hergestellten Sachen alle heissen, bilden mehr oder minder widerliche Karikaturen. Die Hauptsache ist dabei immer das Couplet und die Melodie, die Handlung ist ein notwendiges Uebel. Die komischen Nebenfiguren spielen die Haupt- Joseph Weinstock, einer der ältesten und berühmtesten jüdischen Schauspieler als Rabbi Joselmann im Stücke gleichen Namens. rolle, die Leute sollen lachen. Die Figuren sind unnatürlich, die Situationen unmöglich, alles ist faustdick aufgetragen, und die satirischen Witze sind so stark gewürzt, däss nur der Magen eines Wilden sie verdauen kann. Man sieht in all diesen „Dichtungen" nur ein Ziel, die Leute zu amüsieren, ihre Lachmuskeln in Bewegung zu setzen und ihnen eine Melodie nach Hause mitzugeben. Man darf bei den Kunstanfängen einer in der ästhetischen Erziehung zurückgebliebenen Bevölkerung nicht den Massstab der Lessing'schen Hamburgischen Dramaturgie anlegep. Aber man findet in den Stücken der ersten Epoche auch nichts, was man loben könnte. Man begreift nicht, wie ein feiner Lyriker, dazu noch ein begeisterter Patriot, sich zu solchen Dingen entwürdigen konnte. Ein unsterbliches Verdienst dagegen erwarb sich Goldfaden dadurch, dass er die Bahn des jüdischen Schauspiels geebnet und jüdische Männer und jüdische Frauen zur mimischen *) Grossmutter und Enkel. 2) Der Lieferant. 3) Die Zauberin. Darstellung erzogen hat. Wer die damaligen Verhältnisse in Russland kannte, der weiss, wie schwierig die Lösung dieser Aufgabe war. Es galt damals als der höchste Gipfel der Entwürdigung, Schauspieler oder gar Schauspielerin zu werden. Man musste daher zu den niedrigsten Schichten des Volkes hinabsteigen, um Kräfte für das neue Unternehmen zu suchen. Und es spricht sowohl für die schauspielerische und musikalische Begabung der Theatermitglieder, als auch für die Lehr-und Organisationsfähigkeit des Direktors, dass seine Truppe schon nach verhältnismässig kurzer Zeit einen geschulten, künstlerischen Eindruck machte. Einige Mitglieder zeigten bald eine grosse Virtuosität, so die beliebte Primadonna Goldstein, die Schauspielerin Frau Karp, die Sängerin Pescha Moskowitz, der Sänger und Schauspieler Scheingold, der Mime Joseph Wein stock, der vorzügliche Komiker Zuckermann, die Sängerin Frau Bertha Kaiisch und viele andere. Goldfaden war eben mehr Regisseur als Dramatiker, er verstand es besser, Talente zu entdecken und Kräfte auszubilden, als wirkliche Bühnendichtungen zu schaffen. Seine allgemeine Bildung war keine allzutiefe, und ihm fehlte die Achtung vor dem Drama, die ihm das Fabrizieren verboten hätte. Das Unglück war, dass die Stücke nicht in erster Reihe für die Litteratur gedacht waren, sondern direkt für die Aufführung. Es kam daher eine Gelegenheitsdichtung niedrigster Sorte heraus. Der damalige jüdische Theaterbesucher war -ohne Verständnis tür Kunstgenuss, ohne höheren Sinn für dramatische Kraft. Er wollte einfach amüsiert sein. Diese Schwäche wurde ausgenutzt und in Bukarest eine Zigeunerbühne geschaffen, so ein Mittelding zwischen Tingeltangel und Schmiere. Alles ist liier Karikatur, ja in einigen Stücken findet man sogar eine unwürdige Verspottung der jüdischen Volksseele. Auch die Musik ist ohne jeden höheren Wert, ein Gemisch von Lithurgie und Gassenhauer. Nur ein künstlerisch so ausgehungertes Volk wie das jüdische konnte sich daran ergötzen. Und es ergötzte sich an diesem widerlichen Gewitzel und zusammengewürfelten Gesang mit der Leidenschaft eines Naturvolkes. * * * Es ist das Verhängnis der jüdischen Kulturgeschichte, dass hier alles spontan und überhastet kommt. Es fehlt hier bei jeder neuen Idee die gesunde organische Entwickelung, die Verschmelzung des neuen Elements mit der nationalen Individualität. Beim jüdischen Theater lag die innere Schwierigkeit darin, dass dem Schöpfer der neuen Idee das geschulte künstlerische Auge für die Gegenwart und die Vertiefung in der jüdischen Geschichte fehlte. Um aus der jüdischen Gegenwart zu schöpfen, muss man Psychologe sein, denn alle Konflikte sind hier Seelenkonflikte.

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