Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 349 - 350 (sequence 2)
- Language
- German
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349 Fabius Schach: Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte. 350 Seele hervor. Freude, Rührung, ja Humor und Uebermut traten da an die Oberfläche. Die beliebtesten Stoffe waren die Opferung Isaak's, der Verkauf Josefs und die Geschichte Esther's. Die Wahl dieser Szenen beweist, dass man für das Kraftvolle und Dramatische in der Bibel Verständnis hatte. An die Dramatisierung der Gegenwart, an die Darstellung des eigentlichen Lebens konnte natürlich nicht gedacht werden. Man betrachtete ja das ganze Leben als ein Exil voll widerlicher Prosa und fand Poesie nur in der jüdischen Vergangenheit und in der Sehnsucht nach Erlösung. Wohl aber trug man in diese historischen Dramen Züge der Gegenwart hinein, und die Lebenden mussten für die biblischen Gestalten Modell sitzen. Diese Stücke, von denen einige Texte erhalten geblieben sind, waren äusserst naiv in ihrer Auffassung und unbeholfen in ihrer Bearbeitung. Auch die Aufführung dürfte nichts weniger als künstlerisch gewesen sein. Aber das Bedürfnis war vorhanden, und die einfachsten Leistungen fanden ein dankbares Publikum. Dieser Zustand zog sich, für das russische Ghetto wenigstens, bis in die letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts hin. Fast in jedem jüdischen Städtchen vereinigten sich einige Wochen vor Purim die reiferen Talmudschüler, um ein „Stück" aufzuführen. Man stellte eine Reihe Lieder zusammen, ergänzte sie durch eigene „Dichtungen" und suchte für sie Melodien aus allen möglichen, irgendwo gehörten Opern und Operetten. Die Texte wurden dann mit Mühe und Not aneinandergekleistert. Dann ging es ans Einstudieren und an die Ausrüstung. Aus buntem Papier wurden alle Kleider und Mützen bereitet, und das friedliche, Holz bot das Material für die furchtbarsten Waffen. Und die Gemeindemitglieder, die ewigen grossen Kinder, fanden einen Genuss beim Besuche dieser Vorstellungen, wie etwa wir, wenn wir die Dramen Shakespeare's im Deutschen Theater in Berlin sehen. Der Uebergang vom Dilettantentum zum B erufsschauspiel fand Ende der siebziger Jahre statt, und selbstredend unter russischen Juden .*) Der Volks- Abraham Goldfaden. Schöpfer des jüdischen Theaters. *) Wenn ich hier auch keine streng wissenschaftliche Arbeit schreibe, würde ich es dennoch als Pflicht erachten die Quellen zu nennen: wenn es welche gäbe. Allein man ist hier, wie beim Studium der Kulturgeschichte der russischen dichterAbrahamGoldfaden wurde zum Schöpfer des jüdischen Theaters. Ja, zum Schöpfer, denn er fand kaum nennenswerte Bruchteile, kaum brauchbare Muster. Er musste selbst die Stücke schreiben, die Melodien komponieren, die Darsteller suchen und ausbilden, die Szenen einstudieren und leiten. Die Aufgabe war also gewaltig, ja. zu gewaltig für einen Mann, und dazu noch für einen Lyriker und Träumer, im Leben wie in der Litteratur. Goldfaden war schon lange vorher als patriotischer Volkssänger wie als Humorist bekannt, und seine Liedersammlung „Das Jüdele" gehörte zu den beliebtesten. Seine Theateridee entstand, wie jeder grosse Gedanke, spontan. Man pflegt es Zufall zu nennen, aber im Reiche des Geistes giebt es ebensowenig wie in der Natur Zufälle. Richtig ist, dass jede Idee von selbst entsteht, durch Naturnotwendigkeit. Ist das Bedürfnis einmal vorhanden, dann liegt der Gedanke in der Luft, und jeder kann nach ihm greifen. Es war im Jahre 1877, während des russischtürkischen Krieges. Rumänien bildete damals die Brücke für das durchziehende Heer. In Bukarest lebten Hunderte j üdis eher Militärlieferant en aus Russland, die viel Geld verdienten und sich nach Unterhaltung sehnten. Da erschien Goldfaden mit seinen in Musik gesetzten Liedern und wurde freudig begrüsst. Bald aber genügte den Leuten diese Unterhaltung nicht, und so musste er ein — jüdisches Theater schaffen. Goldfaden ist seiner ganzen Anlage nach Lyriker, also Antipode vom Dramatiker, und zum Bühnendichter hat ihn der liebe Gott in seinem Grimmzorn gemacht. Er machte sich in der ersten Zeit die Sache gar zu leicht. Er reihte einige zugkräftige Couplets an einander, füllte die Lücken mit irgend einer unsinnigen Erzählung aus, klebte einige Witze daran und — hatte ein „Stück." Er konnte weder Leben" und Handlung, noch Charaktere in seine Stücke hineintragen. Die besten seiner Sachen der ersten Periode sind höchstens mit unseren schlechten Operntexten zu vergleichen. „Die Bobe mit'm Juden überhaupt, gänzlich auf sich selber angewiesen. Was in den deutsch - jüdischen Zeitungen bisher darüber geschrieben wurde, ist vollständig wertlos. Nur die ebenso objektive wie kunstsinnige Abhandlung des berühmten hebräischen Novellisten R. A. Brau des in dem IL Jahrgang des Lemberger jüdischen Volkskalenders konnte ich mit Dank benutzen.