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Ost und West · 1901-05-01 · Heft 5 (Mai 1901) · p. Seite 347 - 348

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 5 (Mai 1901)
Article
Das jüdische Theater, sein Wesen und seine Geschichte
Date
1901-05-01
Page
Seite 347 - 348 (sequence 1)
Language
German
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347 343 DAS JUEDISCHE THEATER, SEIN WESEN UND SEINE GESCHICHTE. Von Fabius Schach. Kein Volk auf Erden bot für Märchen- und Mythenbildung ein so dankbares Objekt wie Israel. Nicht allein die Erzeugnisse der Bosheit, sondern auch die der Thorheit wurden leicht zu Dogmen, wenn sie sich auf Juden bezogen. Die atavistischen Instinkte unterstützten den Glauben und düngten den Boden. Man glaubt eben gern was man wünscht. So wurde das Volk des Buches, die eigentliche Pfadfinderin des gesunden realistische Idealismus, zum Typus des Materialismus und Egoismus gestempelt. So wurde die Nation mit tiefster Seele und höchstem Naturverständnis, die Nation, der schon in primitivster Zeit das Schöne und Erhabene eins war, zum kunstfeindlichen Element verketzert Unkenntnis und Unverständnis begleiteten Israel auf seiner langen, dornenvollen Bahn. Wir waren stets den Völkern nah — und doch so fremd. Man gab sich keine Mühe, uns in unserem Wesen zu erkennen, weil man fürchtete, den Grund des Hasses zu verlieren. Dass die Juden nicht allein ein tiefes Verständnis, sondern auch eine innige Liebe für alle Zweige der Kunst besitzen, das beweist nicht nur ihre Psychologie, sondern auch ihre Geschichte. Ich spreche nicht von dem Mäcenentum und den reichen Sammlungen, die man unter den Juden trifft. Man kann sich mit dem Nimbus eines Kunstförderers umgeben und dabei Streber und Protz sein. Man kann Bilder sammeln, wie man Banknoten sammelt, um ihres Tauschwertes wegen, ohne Liebe. Aber das Wirken der Juden in der Kunst ist eine herrliche That, die keiner Interpretation bedarf. In der kurzen Spanne Zeit, seitdem die Juden nach langen Jahrhunderten wieder mit freien Augen in die Natur schauen dürfen, haben wir eine grosse Anzahl hervorragender Künstler unseres Stammes aufzuweisen. Und sie wären noch reicher an Zahl und qualitativ bedeutender, wenn sie sich einer jüdischen Kunst widmen dürften und könnten. Sie würden erst ihre Grösse zeigen, wenn sie ihre Seele befreien und ihre jüdische Individualität mit dem Wesen der Kunst verschmelzen könnten. Bei keinem Volke ist so sehr die Verstandes- und Gefühlswelt harmonisch mit einander verbunden wie bei. den Juden. Der Jude denkt mit dem Herzen und fühlt mit der Vernunft. ,,Weisheit des Herzens'* ist ein Ausdruck, den nur die hebräische Terminologie kennt. Welche originelle, hohe Kunst könnte diese merkwürdige Seelenbeschaffenheit erzeugen! Für keine Kunst aber ist beim jüdischen Volke die Prädestination so reich vorhanden, wie für die theatralische Dichtung und Darstellung. Der Jude ist eine Kampfnatur, er redet und denkt dramatisch. Man beobachte nur, wie der Jude des Ostens spricht. Mit einer Geste sagt er alles. In eine Bewegung kann er Schmerz und Freude, Bewunderung und Verachtung legen. Ein russischer Jude wollte mir einmal den Unterschied von ehemals und jetzt schildern. Er sagte mir nur: ,,A mol is giwen a Zeit! Heint isaZeit?*) Ich verstand ihn besser, als wenn er mir eine lange Rede gehalten hätte. Ja, ich hätte ihn durch seine Mimik verstanden, wenn er gar kein Wort gesagt hätte. Kein Volk kann so charakteristisch mit den Augen und Fingern sprechen. Dazu kommt das innere Wesen. Durch die früheren äusseren und späteren inneren Qualen konzentrierte sich das ganze Leben immermehr nach innen. Es entwickelte sich in der Seele eine Sehnsucht nach einer besseren Welt, ein Lechzen nach Befreiung der Anlagen und Triebe, ein Durst nach Schönheit und Glück. Das sind Elemente, die bei zarten, träumerischen Naturen zur Lyrik, bei starken und klaren zur Dramatik führen müssen. Und sie führten auch dazu, sobald die Möglichkeit gegeben war. Es sind jetzt kaum einige Dezennien verflossen, seitdem die Juden ihren Einzug in die Hallen des Theaters gehalten haben, und schon heute giebt es kaum ein Theater in Europa, an dem nicht Werke jüdischer Dichter aufgeführt werden, an dem nicht jüdische Künstler als Darsteller wirken. * * * Die ersten Anfänge des jüdischen Theaters finden wir schon in den ersten Jahrhunderten unseres Jahrtausends in den deutschen Ghettis. Also zu einer Zeit, wo auch die deutschen Völker nur schüchterne Versuche in der Bühnendichtung und gänzlich verfehlte Experimente in der Darstellung kannten. Das Ghetto war innerlich nicht so traurig und nüchtern wie seine äussere Gestalt. Wie die Häuser mit den Fenstern und Eingängen nach hinten gebaut waren, so war auch das ganze Geistes- und Gemütsleben nach innen gekehrt. Der um sein kümmerliches Dasein ringende Ghettojude, der oft auf der Strasse ein Bild des Jammers bot und kleinlich, ängstlich, ja feige erschien, war häufig zu Hause ein echter Patriarch, edel, stark, gross. Mit glühendem Herzen suchte er, sich in der Phantasie zu ersetzen, was die Wirklichkeit ihm versagte: die Welt des Schönen. So entstand hier ein eigenartiges Seelenreich, von aussen kalt, innen warm, von aussen finster, innen hell, von aussen roh und derb, innen zartbesaitet. Schon damals gehörte die Aufführung biblischer Szenen zu den höchsten Genüssen der Gemeinde. Bei verschiedenen festlichen Gelegenheiten und namentlich am Purim, der sich immermehr zum jüdischen Karneval ausbildete, wurderi Stücke einstudiert und einem engeren oder weiteren Kreise vorgeführt. An diesen wenigen Tagen des Jahres quoll die entfesselte jüdische *) Einst war eine Zeit! Heute ist eine Zeit?

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