Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Autonome Provinzen
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 335 - 336 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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•335 Achad Ha'am: Autonome Provinzen. 336 eben hat seine eigenen Gesetze, die nicht immer mit den logischen übereinstimmen. Nach diesen aber, den psychologischen, ist die Antwort berechtigt, wenn sie auch zumeist von dem, der sie giebt, nicht verstanden wird. Die Antwort aber soll bedeuten: Dieser Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist allgemein bekannt, aber trotz dieses Gegensatzes existieren beide zugleich. Dies beweist, dass die Menschheit sich bereits gewöhnt hat, sie vereinigt zu sehen. Also kann ihr Zusammentreffen für keine von beiden schädlich sein. Der Klerus zur Zeit Kopernikus' und Galilei's, der hauptsächlich aus dem Wunsche heraus, die Vergangenheit zu erhalten, die Gegenwart bekämpfte, that also gut daran, dass er den Zusammenstoss beider beschleunigte und ihn in einem Zeitpunkt herbeiführte, in dem die Vergangenheit noch in voller Kraft war. Haben auch die Geistlichen ihr Ziel — die Gegenwart zu vernichten — nicht seinem ganzen Umfange nach erreicht, so ist ihnen doch die Hauptsache gelungen, indem die Vergangenheit trotz ihres Gegensatzes zur Gegenwart an der Seite derselben in ihrer Gültigkeit erhalten blieb. Daraus ersehen wir, dass die Anhänger des anderen Extrems, die Priester der Gegenwart, die die Vergangenheit zu unterdrücken streben, um ihr Ziel zu erreichen, das entgegengesetzte Verfahren einschlagen müssen: nämlich den offenen Zusammenstoss so lange hinauszuschieben, bis die Gegenwart mit ihrer Wühlarbeit im geheimen fertig geworden ist und die Vergangenheit ihres Einflusses auf die Gemüter in dem Masse beraubt hat, als es zu ihrem völligen Sturz notwendig ist. Verfahren sie aber nicht in der bezeichneten Weise, sondern beeilen sich, den inneren Riss in der Gesellschaft aufzuzeigen, noch bevor er die nötige Grösse erlangt hat, indem sie dadurch hoffen, das Ende der Vergangenheit zu beschleunigen und ihre Herrschaft abzukürzen, dann haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Und nicht bloss, dafs ihre Hoffnung nicht eintrifft; vielmehr tragen sie selbst dazu bei, die Lebensdauer der Vergangenheit zu verlängern, indem sie mit eigenen Händen eine Mauer aufrichten, die diese vor der Vergangenheit schützt, und die Gesellschaft an ihr beiderseitiges Zusammenleben gewöhnen, welcher der Zwiespalt zwischen beiden schliesslich nicht mehr als „'ne uralte Geschichte" erscheint. Und das ist der Punkt, in welchem die Besten unseres Volkes fortwährend gefehlt haben und noch fortwährend fehlen, ohne ihren Irrtum einzusehen. Der Judenhass ist eines der stärksten. Gebote der Vergangenheit, und seine Wurzeln haben sich den europäischen Völkern tief, tief in die Seele gesenkt. Jerusalem und Rom, die weltliche und die geistliche Macht, die gemeinsam die barbarischen Bezwinger Europas hypnotisierten und ihnen Anschauungen und Handlungen suggerierten, verbanden sich auch zur Einschärfung dieses Gebots, das sie auf sehr verschiedenen Wegen diesen ihren Nachfolgern überlieferten. Die nachfolgenden Geschlechter thaten das Ihrige dazu, um es ihren Nachkommen einzuprägen und einzuüben, und so wurde der Judenhass schliesslich zu einer erblichen Seelenkrankheit. Es soll damit nicht gesagt sein, dass er von vornherein eine Krankheit war. Vielmehr rnuss man zugeben, dass er im Laufe vieler Generationen,- bis ans Ende des Mittelalters heran, sogar als ein Zeichen für die Gesundheit der Gesellschaft betrachtet werden konnte, — denn was bedeutet Gesundheit in der Gesellschaft anderes als eine völlige Harmonie in all ihren Handlungen? —, da er sich voll und ganz in den Kreis der übrigen damals gangbaren Anschauungen und Empfindungen einordnete. Doch in der Neuzeit, seitdem in den Anschauungen und Empfindungen die Humanität Geltung erhalten hat und für das soziale Leben massgebend geworden ist, da verdient thatsächlich der Judenhass den Namen einer Krankheit, da er zu den Elementen, die die Basis der modernen Gesellschaft bilden, im Widerspruch steht. Doch auf den Namen kommt es nicht an. Die Hauptsache bleibt, dass der Judenhass als eine Suggestion der Vergangenheit samt seinen praktischen Konsequenzen sich in voller Geltung erhalten hat, obwohl sich sonst die Gegenwart in die Breite und die Tiefe gehörig entwickelt und auf allen Gebieten die Vergangenheit verdrängt hat. Dies beweist, wie sehr jenes Erbstück der Vergangenheit in den Gemütern, wurzelt, dass die Gegenwart noch an dasselbe nicht herangekommen ist, um es im geheimen zu unterwühlen. Hätten die jüdischen Vorkämpfer der Emanzipation am Beginne des 19. Jahrhunderts diese Erscheinung beachtet, dann hätten sie sich mit Geduld — dieser uralten Waffe unseres Stammes — gewappnet und abgewartet, bis die Gegenwart, in der Breite und in der Tiefe erstarkt, auch dieses Erbstück der Vergangenheit geräuschlos unterwühlt und dessen praktische Konsequenzen in ein „totes Gerippe* verwandelt hätte. Erst dann wäre der geeignete Zeitpunkt gekommen, diese Ueberreste auch offen anzugreifen, und sie gänzlich „von der Bühne des Lebens wegzufegen". Doch unsere Emanzipationsvorkämpfer waren blosse Anhänger der Gegenwart, und sie schlössen daher^von sich auf die übrige Gesellschaft. In ihrem Innern hatte der konfessionelle, oder nationale Hass keinen Raum mehr, und so setzten sie dasselbe auch bei der übrigen Gesellschaft voraus. Dass diese aber, soweit die Judenheit in Betracht kam, noch so stark an der Vergangenheit festhielt, betrachteten sie als einen blossen logischen Fehler. Sie glaubten daher, man müsse bloss diesen Widerspruch klarlegen, damit sofort jeglicher Hass verschwinde und für die Juden das goldene Zeitalter der Freiheit anbreche. In der That kam auch die Gesellschaft anfangs in Verlegenheit und 'war ratlos gegenüber den Einwürfen und An-