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Ost und West · 1901-05-01 · Heft 5 (Mai 1901) · p. Seite 333 - 334

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 5 (Mai 1901)
Article
Autonome Provinzen
Date
1901-05-01
Page
Seite 333 - 334 (sequence 3)
Language
German
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333 Achad Ha*am: Autonome Provinzen. 134 Ob nun diese Bewegung von den Anhängern der Vergangenheit oder denen der Gegenwart ausgeht, in jedem Falle bringt sie die Gesellschaft in grosse Verwirrung, indem sie dieselbe zwingt, ihre Entscheidung für die eine, oder die andere zu treffen. Und doch hängt sie noch mit gleicher Stärke an beiden und kann sich von beiden nicht lossagen. Manchmal versucht sie zwar, die eine von ihnen gewaltsam zum Schweigen zu bringen und sich in allem nach der andern zu richten. Doch hält dieser Zustand nicht an. Denn bald beginnt auch die andere ihre Stimme in einer Stärke vernehmen zu lassen, dass die Gesellschaft, die sie nicht hören will, sie doch hören muss. Die grosse Frage, die nunmehr der Entscheidung harrt, ist also: Wie ist es möglich, beiden entgegengesetzten Gewalten gleichzeitig zu dienen? Und die Not ist alimächtig. Auch für diese scheinbar unlösbare Frage sucht sie die Lösung herbeizuführen. Die Weisen der Gesellschaft beginnen sodann durch allerlei Konzessionen und Vermittelungsversuche den Weg zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu ebnen. Sie stecken jene in ein modernes Gewand und legen dieser eine Maske um, so dass sie sich gegenseitig nicht in ihrer wahren Gestalt zeigen. Und obwohl die Vergangenheit nur sehr notdürftig von dem neuen Gewände verdeckt wird, und auch die Gegenwart an allen Ecken und Enden durch die defekte Maske hindurchschimmert, so begnügt sich dennoch die Gesellschaft mit diesem armseligen Ausgleich als einem provisorischen Mittel, das ihr wenigstens eine Zeit lang zur Beruhigung dient und sie an diese Doppelheit allmählich gewöhnt, bis endlich die Zeit kommt, wo die Gesellschaft keines Hilfsmittels mehr bedarf. In der That bringt es die Macht der Gewohnheit fertig, den Menschen zu diesem eigentümlichen und seltsamen Zustand zu bringen. Der innere Riss ist nicht im geringsten geheilt, aber an seiner Stelle hat sich gleichsam eine Scheidewand aufgerichtet, die die Vergangenheit von der Gegenwart vollkommen trennt, so dass eine jede in ihrem Gebiete ihre volle Herrschaft ausüben kann, ohne im geringsten die andere zu stören. In unseren Tagen — sagt der amerikanische Philosoph John Fiske — kann man sich kaum eine richtige Vorstellu% bilden von dem ungeheuren Eindruck, den die Entdeckung, dass die Erde nicht mehr der Mittelpunkt der Schöpfung und der Mensch nichts mehr als der Bürger eines dieser kleinen und dunklen Pünktchen der Weltmaterie ist, auf die Menschheit gemacht hat. Den Zeitgenossen des Kopernikus erschien diese Lehre als die endgültige, fundamentale Vernichtung aller Religion. Denn wie wäre in dieser Welt, die so viel Erscheinungen aufweist, welche keinerlei Beziehungen zum Menschen und zum menschlichen Leben haben, wie wäre hier das ewige Heil, das die Religion ihren Bekennern verheisst, denkbar, da dieses sich doch auf die Anschauung gründet, dass das Menschengeschlecht der Endzweck der Schöpfung und der stetige Gegenstand der göttlichen Fürsorge sei? Wenn wir dieses bedenken, wird uns klar, warum, der Natur der Sache gemäss, die Geistlichen einen Galilei', Bruno und deren Anhänger grimmig verfolgen mussten. Aber daneben tritt uns eine andere sehr bemerkenswerte Erscheinung entgegen, nämlich die Erscheinung, dass, obwohl die Astronomie, trotz des Widerstandes der Geistlichkeit, sich feste Grundlagen schuf, auf denen sie sich dann weiter entwickelte und vervollkommnete, dass trotzdem auch die Grundlagen der Religion fest geblieben sind und den Zerstörungsversuchen Widerstand geleistet haben. „Nicht etwa, dass diese Frage, die damals dem Menschen die Ruhe raubte, nachher ihre thatsächliche Lösung gefunden hätte, aber die Zeit nahm ihr ihre Schärfe." Mit anderen Worten: Als die Geistlichen zuerst den furchtbaren Gegensatz zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart entdeckten, die sich als zwei gleich mächtige feindliche Gewalten die Herrschaft über die damalige Generation streitig machten, da war die Gesellschaft genötigt, auf diese Frage, die „dem Menschen die Ruhe raubte", irgend eine Lösung zu suchen. Und in der That erschien auch damals eine ganze Anzahl von Schriften, die kein anderes Ziel verfolgten, als „die Vergangenheit in ein modernes Gewand zu stecken" und „der Gegenwart eine Maske umzulegen41. Doch im Laufe der Zeit gewöhnte sich der Mensch allmählich daran, in ihnen zwei gleichberechtigte „autonome Provinzen" zu sehen. Mit dieser Gewöhnung verschwand für ihn der Schmerz und die Unruhe, die ihm deren Gegensatz früher verursacht hatte; er bedarf daher keiner künstlichen Hilfsmittel mehr, um sie auszusöhnen, sondern lässt eine jede von ihnen in ihrem Gebiet ungestört walten und ihre Herrschaft auf ihn ausüben. Ein typisches Beispiel dieses Dualismus finden wir an dem Italiener Secchi, der, hervorragender Astronom und orthodoxer Priester zugleich, auf die Frage, wie er in sich diesen Gegensatz vereinige, die bekannte Antwort zu geben pflegte: „Während ich mit Astronomie beschäftigt bin, vergesse ich mein Priesteramt. Während ich aber mein Priesteramt verwalte, vergesse ich die Astronomie." Doch auch im alltäglichen Leben begegnen wir oftmals einem derartigen Seelenzustand, nur dass wir ihn nicht weiter beachten. Wie oft kommt es vor, dass, wenn Leute über irgend etwas streiten und der eine seinem Opponenten zu beweisen sucht, dass eine von diesem vertretene Anschauung oder Sitte unzeitgemäss sei, dieser, ohne auf die Argumente einzugehen, sich mit der einfachen Antwort begnügt: „Das ist ja 'ne uralte Geschichte." Der gesunde Menschenverstand wird zwar diese Antwort lächerlich finden und die Gegenfrage stellen, ob denn der Einwurf durch sein Alter an Beweiskraft verloren hat, und logisch betrachtet, hat er allerdings recht. Aber das Seelen-

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