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Ost und West · 1901-05-01 · Heft 5 (Mai 1901) · p. Seite 337 - 338

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 5 (Mai 1901)
Article
Autonome Provinzen
Date
1901-05-01
Page
Seite 337 - 338 (sequence 5)
Language
German
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337 Achad Ha'am: Autonome Provinzen. 338 Sprüchen der Juden, die plötzlich aus dem Ghetto traten, um im Namen der humanen Gegenwart, auf die die Gesellschaft sich so viel einbildete, ihre Forderungen zu stellen. Sie versuchte wirklich auch die Stimme der Vergangenheit in ihrem Innern „gewaltsam zum Schweigen zu bringen" und entschloss sich, vielleicht mit innerem Widerwillen, auch die ihr so verhassten Juden in das dreieinige Ideal der ».Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" einzuschliessen. Doch konnte dieser Zustand nicht von Dauer sein. Die Vergangenheit war noch viel zu stark, und je mehr die Gesellschaft sich bemühte, sie gewaltsam zum Schweigen zu bringen, um so stärker Hess sie sich in ihrem Innern vernehmen, bis dann schliesslich ihre Stimme auch nach drang. Aber selbst die letztgenannte Erscheinung beachten wir nicht. Noch immer rufen wir in unserer Bedrängnis nach dem Zeitgeist und mahnen an den Widerspruch zwischen ihm und unserer Lage. Allein durch diese fortwährende und offene Mahnung zwingen wir bloss die Gesellschaft, nicht etwa die Vergangenheit mit der Wurzel zu entfernen — dies könnte sie nicht mehr, selbst wenn sie es wollte —, sondern allerlei künstliche Hilfsmittel zu suchen, um sich die innere Ruhe zu verschaffen, indem sie nach irgend einem Vorwand sucht, der ihr gestatten würde, an dem liebgewonnenen Ideal der Gegenwart festzuhalten, aber mit der von der Vergangenheit geforderten geringfügigen Korrektur „mit Ausnahme der Juden". Derartige künstliche Hilfsmittel bieten sich ihr in Form jener seltsamen und ungeheuerlichen Anschuldigungen, die, obwohl schon unzählige Male als lügenhaft gebrandmarkt, dennoch immer wieder ihre Auferstehung feiern. Denn diese Anschuldigungen sind ebenso wie die Untersuchungen Galilei's und seiner Anhänger über das Verhältnis der Religion zum Kopernikanischen System, nichts anderes als die Folgen des psychoogischen Zwanges, auf irgend eine Weise zwei starke feindliche Gewalten in seinem Innern zu vereinigen. Solange daher die Gesellschaft dieser Hilfsmittel bedürfen wird, um sich über diesen Punkt innerlich zu beruhigen, so lange werden auch diese Anschuldigungen «sich immer wieder erneuern, und so lange ist kein Kraut gegen sie gewachsen. Aber auf Grund der bisherigen Ausführungen darf man auch wohl annehmen, dass dieses Bedürfnis nach künstlichen Mitteln ein bloss vorübergehendes ist, indem sich die Gesellschaft allmählich, durch das fortwährende Zusammenstossen der Vergangenheit mit der Gegenwart, welches wir uns ja herbeizuführen bestreben, an dies Nebeneinander dieser beiden „autonomen Provinzen" in ihrem Innern gewöhnen wird, bis dann schliesslich der Tag kommt, an welchem der Gegensatz zwischen beiden, dem inzwischen „die Zeit seine Schärfe genommen", ihr die Seelenruhe nicht mehr rauben wird, auch ohne jede künstliche Vermittelung. Es ist also durchaus nicht ausgeschlossen, dass im Laufe der Zeit die Humanität, immer mehr in die Tiefe und die Breite wachsend, sich in der That auf die gesamte Menschheit, auf die Schwarz- und Rothäute nicht minder wie auf die weisse Rasse, erstrecken wird. Sie wird den Mantel der Menschenliebe, nach dem Wunsche gewisser Kriminologen, selbst über die allerschwersten Verbrecher breiten. Gerechtigkeit und Recht, Liebe und Barmherzigkeit werden die Welt erfüllen gegenüber allen Geschöpfen, und selbst „was da kreucht und fleucht" wird in diesen Bund der Millionen eingeschlossen sein, aber — „mit Ausnahme der Juden". Wenn aber dann jemand verwundert fragen sollte: „Wie ist es denn nur möglich? Der Widerspruch sticht ja in die Augen!" dann werden ihm die Gebildeten, wie einst Secchi, erwidern: „AVenn wir uns mit der Humanität beschäftigen, vergessen wir die Juden, während wir uns aber mit den Juden beschäftigen, vergessen wir die Humanität." Die Einfältigen aber werden einfältig erwidern: „Das ist ja 'ne uralte Geschichte." Der Verfasser des vorstehenden Artikels, Herr U. Ginzberg, der unter dem Pseudonym Achad Ha'am (Einer aus dein Volke) schreibt, steht durch seine langjährige schriftstellerische Thätigkeit und als Herausgeber der hebräischen. Monatsschrift „Haschiloach" an der Spitze der neuhebräischen Publicistik. Der vorliegende Artikel ist bereits vor einem Jahrzehnt veröffentlicht und in gesammelten Aufsätzen, die unter dem Titel AI parascliath draclum „am Scheidewege", Odessa 1895, erschienen sind und eine Epoche in der hebräischen Litteratur kennzeichnen, neu aufgenommen worden. Der Artikel entwickelt einen Gedanken, den in etwas anderer Fassung Max Nordau auf dem ersten Zionistenkongress ausführte. Trotz seiner zehn Jahre darf der Artikel noch jetzt zumindest auf dieselbe Aktualität Anspruch machen als diejenige, die er zur Zeit seines Erscheinens gehabt hat. Anm. d. Hebers. W ▲ J

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