Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Autonome Provinzen
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 331 - 332 (sequence 2)
- Language
- German
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m Acnad. Ha'am: Autonome Provinzen. 332 entgegengesetzten Elementen zusammensetzen würde, und andere Hypnotiseure, die von jenen sehr verschieden sind, würden jetzt ganz anders, aber mit derselben Begeisterung aus seinem Innern sprechen. Unter normalen Verhältnissen, d. h. wenn die Gesellschaft der Gegenwart in allen Dingen denselben Weg wandelt, den ihr die früheren Geschlechter vorgezeichnet haben, vereinigen sich beide — Vergangenheit und Gegenwart — zu der gemeinsamen Aufgabe: dem Individuum die gesellschaftlichen Pflichten in genau derselben Weise zu suggerieren. In diesem Falle kann das Individuum in Ruhe und Frieden dahindämmern, indem es sich innerhalb des von ihnen gezogenen Kreises bewegt, ohne ihn zu überschreiten. Es kann sich dabei für durchaus willensfrei halten, ohne die Fesseln zu merken, die es gefangen halten. Doch nicht immer sind die Verhältnisse normal. Oft geschieht es, dass aus bestimmten Ursachen plötzlich von irgend einer Seite her in die Atmosphäre der Gesellschaft ein Windstoss hineinfährt, der neue, ungeahnte Ideen und Wünsche mit sich bringt. Diese fremden Gäste kommen, klopfen an die Pforten der Menschenherzen und bitten bescheidentlich um Einlass. Sofort eilen ihnen aus allen Herzenskammern die alteingesessenen Bürger, die Söhne der Vergangenheit, entgegen und unterwerfen sie einer genauen Kontrolle, um sich ihrer Unschädlichkeit zu vergewissern. Finden sie nun an ihnen nichts weiter als ihren fremden Ursprung auszusetzen, dann erlauben sie ihnen, wenn auch nicht immer mit ganzem Herzen, den Eintritt und weisen ihnen irgend eine Ecke zum Wohnsitz an, in der sie sich aber ruhig zu verhalten haben, um nicht die Bürger in ihrer Arbeit und Herrschaft zu stören. In der That halten sich die Fremdlinge auch anfangs an diese Bedingung, ziehen sich bescheiden in ihre Ecke zurück und nehmen keinen Anteil an der Leitung des inneren Lebens. Aber allmählich erweitern sie ihr Gebiet, nehmen zu an Tiefe und Ausdehnung, so dass auch sie im Laufe der Zeit Kraft gewinnen und zu Herrschern und Gebietern werden, zu den Bürgern der Gegenwart. Dann erst treten sie aus ihrem Versteck hervor, stellen sich in voller Gestalt und Rüstung auf den Kampfplatz des Lebens und stossen in dieser neuen Form noch einmal mit den Bürgern der Vergangenheit zusammen. Dieser Zusammenstoss der beiden Bürgerklassen zieht manchmal einen freundschaftlichen Vertrag nach sich, wenn sie sich nämlich gegenseitig zum Vorteil gereichen. (So hat der Hypnotismus bei einigen Gelehrten sich mit dem Spiritismus vereinigt.) Häufiger indes sind die Folgen dieses Zusammenstosses gegenseitige Feindschaft und Verfolgung, indem sodann der Gegensatz zwischen ihren beiderseitigen Anlagen und Bestrebungen, der beim ersten Zusammenstoss, als die Gegenwart noch unansehnlich und unentwickelt war, versteckt blieb, in voller Stärke auseinanderklafft. Zum Glück für den Menschen pflegt dieser Gegensatz sich erst dann offen zu zeigen, nachdem er längst im geheimen vollendet ist, d. h. nachdem es bereits der Gegenwart gelungen ist, nicht bloss selbst tief Wurzel zu fassen, sondern auch im geheimen, ohne dass es jemand merkt, seiner Gegnerin, der Vergangenheit, die Wurzeln abzugraben. Erst nachdem diese Maulwurisarbeit in vollem Umfange durchgeführt und der Vergangenheit jede Grundlage entzogen ist, erst dann blickt der Mensch auf und sieht, was ohne sein Vorwissen bereits geschehen ist. Anstatt eines starken Baues, den er dort glaubte, erblickt er nunmehr eine wackelige Ruine, und thut ihm auch diese Wahrnehmung weh, so erkennt er doch bald, dass er vor einer vollendeten Thatsache steht, die nicht mehr gut zu machen ist. So muss er sich wider Willen zufrieden geben, und seine inneren Wunden vernarben auch sehr rasch. Erscheinungen dieser Art sind im Leben der civilisierten Nationen nicht selten. Diese Erscheinungen sind es auch, die die Schriftsteller als den Zeitgeist bezeichnen, in dessen Dienst sie stehen und auf dessen Konto sie die verschiedenen Umwälzungen im Leben der Gesellschaft setzen. Dieser Geist entwickelt sich durch die geringfügigen Aenderungen, die die Gegenwart allmählich hervorbringt. Anfangs scheint es, als wären diese für die Vergangenheit völlig unschädlich, und sie brechen sich daher leicht Bahn. Aber sobald sie in die Herzen Eingang gefunden und sich dort eingebürgert haben, weichen sie nicht mehr zurück, auch wenn sich ihnen irgend welche Kreatur der Vergangenheit entgegenstellt. Vielmehr suchen sie dieser allen Lebenssaft auszusaugen und zu einem „toten Gerippe" zu verwandeln, welches beim leichtesten Windstoss von der Bühne des Lebens weggefegt wird. Dies ist der Gang der Entwicklung, wenn das Leben sanft dahinüiesst, ohne plötzliche, gewaltsame Umwälzungen. Doch geschieht es manchmal, besonders in bedeutenden Fragen, dass geniale Männer, deren Blick über die Gegenwart hinausreicht, den Gegensatz, der auf irgend einem Gebiete zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart besteht, zu früh sehen und aufzeigen, d. h. noch bevor es dieser gelungen ist, der ersteren den Boden zu entziehen. Diese Hellseher sind immer Leute, die ins Extrem verfallen. Ihre innere Ueberzeugung in diesem Punkte besteht entweder bloss aus Elementen der Vergangenheit, oder bloss aus denen der Gegenwart. Beide schliessen von sich auf die ganze Gesellschaft, in der sie bloss die eine Seite sehen: entweder nur die Gegenwart, oder nur die Vergangenheit. Da sie nun in ihrem eigenen Innern sich mit Leichtigkeit für eines dieser Elemente entschieden haben, so sind sie der Meinung, dass sie das ihnen verhasste Element auch aus dem Kreis der Gesellschaft nicht unschwer werden entfernen können, sobald sie dessen Unvereinbarkeit mit dem andern Element aufgezeigt haben werden.