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Ost und West · 1901-05-01 · Heft 5 (Mai 1901) · p. Seite 329 - 330

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 5 (Mai 1901)
Article
Autonome Provinzen
Date
1901-05-01
Page
Seite 329 - 330 (sequence 1)
Language
German
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329 AUTONOME PROVINZEN. Von A cli ad Ha'am. Aus dem Hebräischen übersetzt von J. Fried 1 ander. Seitdem wir den Hypnotismus kennen, wissen wir, dass man unter bestimmten Voraussetzungen einen Menschen in einen eigenartigen Schlaf versetzen kann. Wird ihm sodann suggeriert, irgend eine Handlung, die sonst seinem Charakter fremd wäre, nach dem Erwachen zu einer bestimmten Stunde auszuführen, dann thut er sie pünktlich zur festgesetzten Zeit, ohne zu ahnen, dass er dabei unter dem Banne eines fremden Willens steht. Er ist vielmehr, nach der Behauptung der Fachgelehrten, fest davon überzeugt, dass er nicht bloss aus freien Stücken, sondern auch vollkommen zweckmässig handelt, und sucht sogar diese Zweckmässigkeit durch allerlei phantastische Argumente wenigstens vor sich selbst zu rechtfertigen. Die bezeichnete Erscheinung, die uns in der geschilderten Form als etwas Ausserordentliches in Erstaunen setzt, lässt sich in der That an jedem Menschen und zu jeder Zeit nachweisen, freilich in einer weniger hervorstechenden, daher auch weniger auffallenden Form. Jeder Kulturmensch, der in irgend einer sozialen Gruppe geboren und erzogen ist, befindet sich sein ganzes Leben hindurch in dem Zustande jenes Menschen, der von einem andern Willen unbewusst gelenkt wird. Der Kreis, der ihn umgiebt, versetzt ihn gleich bei seinem Eintritt ins Leben in einen hypnotischen Schlaf, und in Gestalt der Erziehung suggeriert er ihm eine Anzahl von Befehlen, die von vorne herein die Entwickelung seines Geistes bestimmen und ihm Verstand und Gemüt, Neigungen und Wiilensentscheidungen in feste Formen zwingen. Diesen Einfluss erweitert und befestigt die Umgebung in rastloser Thätigkeit auch an dem Erwachsenen. Die Sprache und die Litteratur, die Religion und die Moral, die Gesetze und die Sitten — diese und ähnliche Mittel wendet die Gesellschaft an, um das Individuum zu hypnotisieren und ihm so lange ihre Gebote zu suggerieren, bis es ihnen rettungslos verfallen ist. Da nun aber die Gesellschaft, die auf die Individuen wirkt, selber nicht etwa ein für sich bestehendes Sonderwesen ist, sondern lediglich auf und durch die Individuen wirkt, indem diese die Gebote der Gesellschaft sich wechselseitig suggerieren, — kann man mit Recht behaupten, dass im Innern eines jeden Individuums Tausende von Hypnotiseuren versteckt liegen, die ihm beharrlich seine Anschauungen und Handlungen suggerieren. Und das Individuum gehorcht, ohne freilich zu wissen, dass es gehorcht. Es denkt und handelt nach fremder Vorschrift, aber gleichzeitig glaubt es Beweise für seine Ansichten und Beweggründe für seine Handlungen zu haben, ohne zu merken, dass ein fremder Wille sein Gehirn lenkt und seine Hände in Bewegung setzt. Sein eigentliches Selbst, sein inneres Ich bleibt oft jenen Gedanken und Thaten völlig fern, aber es wird von dem Lärmen des äusseren Ich — des Verbalichs (le moi verbal), wie es der französische Philosoph Bergson genannt hat —, dem Ich welches ihm die Gesellschaft aufokt^iert hat, übertönt. Da nun aber die Gesellschaft ihren geistigen Besitz und ihre Lebensbedingungen nicht mit jeder Generation von neuem schafft, der Weg der Entwickelung vielmehr der ist, dass sie als Erfordernis des sozialen Lebens schon mit dem Beginn der Gesellschaft auftreten, dann aber sich immer weiter im Laufe vieler Generationen entwickeln, bis sie eine endgültige Form erhalten, in der sie nunmehr ohne radikale Aenderungen von Geschlecht zu Geschlecht überliefert werden, — so darf man sogar weiter gehen und behaupten, dass auch die Gesellschaft einer jeden Generation selbst eigentlich nichts mehr ist als das Werkzeug des Willens der vorangegangenen Generationen. Die ureigentlichen Hypnotiseure, die ihre unbeschränkte Herrschaft in gleicher Weise auf Individuum und Gesellschaft ausüben, wären dann die Männer jener fernen Urzeit, die, obwohl schon seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden versunken und vergessen, noch immer einen solchen Einfluss üben und solchen Gehorsam finden, dass ihre Gebote mit Liebe und Verehrung noch von der jetzigen Generation ausgeführt werden, ohne dass diese weiss, wo eigentlich die Scheidegrenze zwischen ihr und jener fernen Urzeit liegt. Wenn wir daher so häufig die Leute in hochtrabenden Worten versichern hören, dass es ihre innere Ueberzeugung ist, der sie ihre Urteile über wahr und falsch, gut und böse entnehmen, dürfen wir trotzdem versichert sein, dass, wenn wir im stände wären, diese innere Ueberzeugung zu analysieren und in ihre Grundbestandteile zu zerlegen, wir in den meisten Fallen nichts weiterfinden würden als verschiedene Suggestionen verschiedener Hypnotiseure zu verschiedenen Zeiten, die durch allerlei Verkettungen des sozialen Lebens sich gerade in diesen Menschen zusammengefunden und die Form ihres Ich angenommen haben. — Während der bekannte Priester Mortara von der Kanzel herab Blitz und Donner gegen die Gegner des katholischen Glaubens schleudert und aus den Tiefen seiner inneren Ueberzeugung heraus dessen Wahrheit und Berechtigung verficht, dürfen wir unbeschadet dessen annehmen, dass, wenn er nicht in seiner Jugend von katholischen Priestern aus den Armen seiner jüdischen Mutter gerissen und unter die Herrschaft bestimmter Hypnotiseure, alter und neuer, gezwängt worden wäre, dass dann seine innere Ueberzeugung sich aus ganz

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