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Ost und West · 1901-04-01 · Heft 4 (April 1901) · p. Seite 301 - 302

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 4 (April 1901)
Article
Leon Perez
Date
1901-04-01
Page
Seite 301 - 302 (sequence 2)
Language
German
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:;oi man es dem feinsinnigen Künstler zutrauen sollte. Dabei ist er immer haarscharf in seinen Konsequenzen und durchglüht von einer grenzenlosen Kampfeslust, wobei schon sein provozierendes Ueberlegenheits- Lächeln auch den lauesten Gegner reizt und verletzt. Es ist ja bekannt, dass die Maskilim-Generation die Hälfte ihres Lebens geistig zwischen Asien und Europa herumpendelte. In der Jugend Talmudjünger — wurden sie im späteren Alter Universitätsstudenten. Der Uebergang von Synagoge zu Universität wirkte auf die meisten geradezu betäubend. Unter den sogenannten „Berlinern" fanden sich auch solche, die kritiklos allein dem huldigten, was auch nur äusserlich die Marke des Europäischen an sich trug. Für die Maskilim - Generation wurde der Talmudjünger zum idealen Typus des für Kultur und geistige Freiheit Kämpfenden, der einzige Lichtspender in dem düsteren Ghetto. Das Ende vom Liede ist ja allbekannt. Die ehemaligen Talmudjünger wurden später die eifrigsten Verfechter der Assimilation; die Nachäffung des deutschen Judentums nahm die lächerlichsten Formen an, und wenn auch die jüdische Masse in den letzten 30 Jahren kulturell weit fortgeschritten ist, so haben wir es jedenfalls nicht allein der Maskilim- Generation zu verdanken. Perez hat in mehreren Novellen den Talmudjünger zur Hauptfigur gemacht. Doch anstatt ihn zu verherrlichen als einen zeitweiligen Träger eines vaterlandslosen Etwas, entblösste er bis zur Wurzel hinab dieses sonderbare Gewächs des abnormen jüdischen Nationallebens. Und da erscheint er uns oft als einer von den ..Allzuvielen", die dem jüdischen Boden parasitär anhaften. Das sind meistens physisch verkrüppelte, geistig degenerierte Menschen, bei denen noch dazu die gewaltsam unterdrückte Erotik krankhaft zum Durchbruch kommt. Da ist ein verrückter „alter Talmudjünger", der sich in fruchtlosen Grübeleien über das ..Ich-Problem" das Hirn zerbricht. Ein anderer Talmudschüler, eine von den herabgekommensten und stumpfsinnigsten Synngogengestalten, harrt mit banger Hoffnung auf die herannahende Choleraepidemie. Denn dann würden die Juden des Städtchens zum probatesten Mittel greifen und eine richtige Trauung auf dem Friedhofe vornehmen.*) Nun ist er ja die einzige Person männlichen Geschlechts, die in Betracht kommen könnte. Tagelang martert er sein armes Gehirn damit ab, wer wohl von allen den verwahrlosten Mädchen im Städtchen die Seine würde. Eine ungesunde Erotik malt ihm eine Fülle von bestrickenden Bildern. Das Städtchen aber erweist sich gegen die Epidemie immun. Da ergreift den armen Jungen eine grenzenlose Verzweiflung. Eines Morgens rindet man ihn tot in einer Synagogenecke hängen. *) Eine aber^läubis-he Sitte in manchen jüdisch - polnischen Städtchen.;)0L' Die künstlich eingedämmte Lebens- und Liebeslust nimmt in den Schöpfungen Perez" einen ansehnlichen Platz ein. Bei der patriarchalischen Lebensweise, strengen Sittenreinheit des Ghettojuden (beim Talmudbeflissenen noch vereint mit gesundheitsfeindlicher Askese), konnte sich das einmal erweckte Liebesleben nur im mächtigen, verheerenden Strome einen Weg bahnen. Im asketischen, gottesfürchtigen Ghetto wird die Liebe zur Versuchung, die Frauenschönheit — zur Teufelin, die Liebespein — zum bösen Gewissen, das Sehnen — zu einem Gang in die Molle. Dazu ist noch oft der Abstand von der Angebeteten religiös und gesellschaftlich unüberbrückbar. Mancher Ritter von Toggenburg steht seiner Herzensdame viel' näher als der fromme Reb Jossei seiner schönen Wirtsfrau, einem Schusterweibe, zu dem er sich so mächtig hingezogen fühlt. Bei manchen von Perez* Gestalten bildet die „sündige Liebe'' den Kern tragischer Konflikte („Monisch", Dichtung). Andere wieder, vom Zauber des Weibes hingerissen, zerstören in einer schwachen Stunde ihren guten frommen Ruf, durch Jahre und endlose körperliche Kasteiungen grossgezogen, und sind plötzlich gezwungen, wie gefallene- Engel die alte Stätte zu meiden, um das kostspielige Verlorene durch abermaliges jahrelanges Märtyrertum wieder zu erflehen („Reb Jossei", Dichtung). Eine dritte Kategorie schliesst den Kampf wider die sich gewaltsam bäumende Lebensfreudigkeit mit einer biszum Rande ausgehöhlten Seele: das sind schon keine Menschen mehr, sondern Schemen, welche, tot für die Wirklichkeit, doch als lebendig gewordene Anachronismen auf das trotz alledem ..sich befruchtende- und mehrende" Ghettogewimmel düstere Schatten werfen (..Der chelmer Melamed", „Die Kabbalisten* u. a. m.) Doch während die Männergestalten bei Perez: meistens so schlecht wegkommen, haben es die Frauen bei ihm viel besser. Ein jeder, welcher die richtige Fühlung mit den Schriften Perez' gewonnen hat, hat es merken müssen, dass er stets dem Weibe eine grosse Verehrung und das zarteste Verständnis entgegenbrachte. Wenn man von seinen Frauentypen das Derbe, Rauhe, den fingerdicken Staub, all das Widrige, was den allgemeinen Lebensbedingungen aufs Konto zu setzen ist, abstreift, dann erscheint das jüdische Weib als der edle Typus eines auf sich selbst gestellten Wesens, das, ausgestattet mit den Zügen des ..ewig Weiblichen", auch die Thatkraff und die Energie des Mannes in grossem Mafse besitzt. Die schöngeistige Jargonlitteratur kann überhaupt als die Rehabilitation des jüdischen Weibes betrachtet werden. Schon dadurch, dass der Jargon gleichzeitig zu Juden beiderlei Geschlechts spricht, birgt er in sich das Bestreben, auch dem Weibe gerecht zu werden. Flistorisch entstand die Jargonlitteratur aus dem Wunsche, dem Weibe, das auch unter der Kruste der asketischen Lebensweise nicht aufgehört hatte. Dr. J. Eliaschoff: Leon Perez.

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