Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Leon Perez
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 303 - 304 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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303 Dr. J. Eliaschoff: Leon Perez. 304 die schöne, liebe, treue Gefährtin des Mannes zu sein, irgend welche geistige Nahrung zu geben. So entstand die erste Erbauungsliteratur, für die damalige frommreligiöse Zeit ein beredtes Zeichen ritterlicher Zärtlichkeit. Die Liebe zum jüdischen Weibe gehört zu den schönsten Traditionen der Jargonlitteratur. L. Perez ist diesen Traditionen nicht untreu geworden; er hat eine Reihe von reizenden Frauengestalten geschaffen, die, wenn auch skizzenhaft entworfen, doch künstlerisch und originell genug sind, um sie stets vor Augen zu haben („Mendel Braines", „Eine grauenvolle Nacht" u. a. m.). Bis jetzt haben wir es mit Perez, dem Interpreten des jüdischen Volkslebens, zu thun gehabt. Er zeigte uns das jüdische Leben, wie er es vorgefunden; realistisch in der Form, epigrammatisch im Stil, kommt er bald als objektiver Erzähler, bald lässt er in seine kleinen Novellen die galligen Tropfen seines Sarkasmus hineinträufeln, bald erscheint er kampfgerüstet mit dem feingespitzten Pfeile der Satire in der Hand. — Ein anderes Mal aber erzählt er uns Legenden verstorbener Zeiten; weltfremde Gestalten in farbenblassen Tönen, wie die verblassten Zeiten selber, tauchen hervor und reden und handeln, wie es wohl manche Gobelinfiguren thäten, wenn ein Wunder sie lebend machte („Die Kabbalisten", „Der verfluchte Brunnen" u. a. m.). Und da haben wir den Uebergang von Perez, dem scharfäugigen Realisten, zu Perez, dem Romantiker, der, von der Gegenwart angeekelt, öfters einen Ritt in die Welt der „blauen Blume" macht. Seit einiger Zeit gilt Perez als der Schwärmer für den Chassidismus. Sobald man heute von dem Chassidismus zu sprechen anfängt, da klingen schon die Namen von Dr. M. Berdiczewsky und L. Perez. Aber weder der letzte noch der erste, der sich noch viel tiefer in den Chassidismus hineingelebt hat, wurden jemals von den heut lebenden Chassidim begriffen und gewürdigt. Ihr Chassidismus ist die moderne jüdische Romantik, die wie alle Romantik an eine nationale Vergangenheit anzuknüpfen versucht. Die Perlen, die sich Perez aus dem Chassidismus holt, hat schon mancher Deutsche und Franzose irgendwo anders gefunden. All das Sehnen nach einer erhabenen Schönheit, nach einem pantheistischen Gefühlsleben, nach einem Seeleninhalt, der mit dem All ein unzertrennbares harmonisches Ganzes bildet, all dies ist ein Charakterzug unserer Zeit. Indem Perez sein banges Sehnen in der volkstümlichen Form des Chassidismus zum Ausdruck bringt, erfüllt er seine nationale Aufgabe in der adäquatesten Weise, und bringt dadurch sein Volk, wie jeder wahre Nationaldichter, in lebendigen Kontakt mit den allgemeinen Ideen einer neuen Zeit. Allein nicht nur im Chassidismus lebt sich das Romantische in Perez aus. Jedes Symbol ist ihm recht genug, wenn es nur Spuren an sich trägt, stark genug sein inneres Seelenleben irgendwie verdeutlichen zu können. Wenn die alten, fertigen Volkssymbole nicht genügen, schafft er sich seine eigenen. So entstanden seine „Schulosch Krioth", „Altwarg", „Der kranke Knabe", die „Märchen für Erwachsene" und eine Reihe eigenartiger, psychologischer Studien, in denen die jüdische Grübelsucht ihre kleinen Triumphe feiert. Es ist leider eine weit verbreitete Ansicht, dass der Jargon nur für die derbkomische Schreibart gut sei; für das Ernste, Zärtliche, fein Abgetönte wäre er geradezu unbrauchbar. Perez, dessen schwächste Seite die humoristische ist, — in wie vielfältiger Gestalt er sich auch gezeigt hat, er hat doch niemals einen ..jüdischen Witz" gemacht — beweist zur Genüge die Irrigkeit dieser oberflächlichen Ansicht. Perez ist auch ein ausgezeichneter hebräischer Stilist, welcher Vorzügliches auch in dieser Litteratur geleistet hat. Warum er gerade jene, auch von manchen Jargon-Schreibenden missachtete Sprache zu seiner dichterischen Thätigkeit gewählt hat — ist ein Problem für sich. Es ist aber eine nicht zu verleugnende Thatsache, dass erst durch Perez die Jargonlitteratur sich eine achtbare Stellung errungen hatte. Abramowitz, der zweifelsohne als der geniale Begründer der modernen Jargonlitteratur betrachtet werden muss, hat es doch nicht vermocht, für den Jargon so viele Gemüter zu gewinnen, wie es Perez gelang. Unermüdlich, mit den grössten Schwierigkeiten kämpfend, zog er zur Jargonlitteratur die gediegensten Kräfte heran. Aliein, auf eigene Faust, focht er manche Kämpfe wider die hebräisch schreibenden Philister aus, die den Jargon zu Gunsten des Hebräischen in allergehässigster Weise anzugreifen nicht ermüdeten. Aus seiner Schule ging der bekannte Schriftsteller D. Pinski hervor, und gemeinschaftlich mit dem edlen, talentvollen J. Dinesohn gab er eine Zeit lang die „Jüdische Bibliothek" heraus. In seinen kleinen Novellen, die in alle Schichten der jüdischen Gesellschaft eindrangen, teilt sich in zahllose Geistesfunken seine reich ausgestattete Persönlichkeit, die als Ganzes vielleicht erdrückend gewirkt hätte, geteilt aber desto eher in die Seele des andächtigen Lesers hineinleuchtete. Dank dieser Teilbarkeit hörte er nie auf, neu und anregend zu sein, schillerte er in tausend Farben und weckte das Interesse immer wieder, wenn es zu erschlaffen drohte. Getäuscht durch den äusseren Schein des Leichten. Unterhaltenden fühlte sich plötzlich der Leser von einer ungeahnten Helligkeit umströmt, die ihn zwang, in Tiefen und Abgründe hinabzusehen. — Allmählich, tropfenweise lehrteJPerez manchen aus dem Volke das Sehen, die Kunst des Aufhorchens und des bangen Lauschens .... Niemand von den modernen Jargonschriftstellern hatte eine solch eingreifende Wirkung auf den Kunst-