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Ost und West · 1901-04-01 · Heft 4 (April 1901) · p. Seite 299 - 300

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 4 (April 1901)
Article
Leon Perez
Date
1901-04-01
Page
Seite 299 - 300 (sequence 1)
Language
German
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299 300 LEON PEREZ. Ein moderner jüdis Von Dr. J. Elias In einer seiner zahlreichen Novellen erzählt uns L. Perez von einem sterbenden Musikanten, der vor seinem Hinscheiden in erzväterlichem Tone den acht Söhnen folgendes warm ans Herz legte: ..Verachtet nicht Euer edles Handwerk; spielt, aber spielt gut. Werdet nicht übermütig, wenn Ihr Eure Kunst auf der Hochzeit des Armen ausübet/' Der acht Söhne einer dürfte auch Perez gewesen sein, denn wem wurden noch so die schlichten Worte des sterbenden Künstlers zu bitterem Ernst, wie ihm. Seit 25 Jahren hat sich sein fein gestimmtes Herz in idlen Tönen hören lassen, und das, was aus ihm erklang, war gut, noch viel mehr als gut; dem armen Mann aber war er nicht nur zeitweiliger Gast, dem er hie und da eine kleine, traurige Weise spendete. Er stand zu ihm in innigster Verwandtschaft, wenn er auch, wie manch anderer Volksdichter, anstatt im Klagetone des Leidenden zu reden, sein schmerzlich bewegtes Herz unter der Maske beissender Ironie birgt. Schon das erste Werkchen, das gemeinsam mit zwei anderen Erzählungen in Buchform in den Handel kam, galt einem „erfrorenen" Boten, der in einer kalten Nacht von Schneewehen überrascht zu Tode erfriert. Eine Welt von bunten, schlichten Bildern umgaukeln den Sterbenden. Aus allen diesen Bildern, welche die geheimen, bescheidenen, alizu bescheidenen Wünsche des armen Mannes verkörpern, starrt die grosse soziale Not hervor, eine Bedürfnislosigkeit bis zum Kulithum, eine Gottergebenheit bis zur Quietät, gepaart mit dem feinsten Empfinden für die kleinen Freuden und Leiden der nächsten Familienangehörigen. In „Bontzie — Schweig", wo ein armer jüdischer Lastträger stumm und passiv die empörendsten Faustschläge der Gesellschaft wehrlos über sich ergehen lässt, bricht des Dichters beissende Ironie grausam hindurch. Die Passivität des Gequälten erweckt in ihm ein bitteres Gefühl, und als „Bontzie — Schweig", „dessen Tod so spurlos wie sein Leben verstrich", von der Allbarmherzigkeit einen glänzenden Empfang bekommt und die Erlaubnis, aus dem Paradiese sich das Schönste und Beste zu wählen, erhält, da versteigt sich der Wunsch des hungernden Lastträgers bis zu einem „Butterbrot". Lucifer aber reibt sich ins Fäustchen. In „Kellerwohnung" guckt das Elend aus allen Löchern. Ihre Bewohner haben ein erschreckendes Bewusstsein von der Kostbarkeit des Raumes. Jeder Winkel beherbergt eine ganze Familie, und eine „spanische Wand" verhilft einem jungen, erst verehelichten Paare, ein Teigenes Haus" für sich zu gründen. Was in den vier Winkeln sich abspielt, ist grotesk und erschreckend wie der hohläugige Hunger selbst. Hinter der „spanischen Wand" jedoch treibt eine junge, keusche Liebe ihre zartesten Blüten. Der Mann ist ein angehender Melamed, noch auf der Suche nach zahlungsfähigen Schulkindern, sie — eine kleine Händlerin in spe. Er ist beklommen eher Volksdichter. choff (Kowno). und erstickt gewaltsam das zärtliche Wort, das sichmächtig aus seinem Herzen reisst, sie ist stark, wagemutig, kernig; eine gesunde Erotik küsst dem Manne die gedrückte Stimmung aus der Seele. Doch die „spanische Wand" ist zu dünn, so dass auch das verschwiegenste Verhältnis die „vier Winkel" in. Aufruhr bringt. Man ist erbost über das Küssen, das gar nicht in die düstere Kellerwohnung hineinpasst. Flüche fliegen zur „spanischen Wand" hinüber, schamlose Worte des Enterbten, den auch das flüchtige Glück von Seinesgleichen bis zur Wut neidisch macht . . . Das feingesponnene Gewebe zweier sich zu einander sehnenden Herzen wird von dem grossen Elend ringsherum gewaltsam zerrissen und besudelt. Ist es aber die künstlerische Darstellung der jüdischen ökonomischen Not, die Perez zu dem bekanntesten Novellisten der modernen Jargon-Litteratur gemacht hat? Bei weitem nicht. Leon Perez, der als Dichter nie der Sklave einer gewissen Parteirichtung wurde, hat ein offenes Ohr für die unzähligen Dissonanzen im jüdischen Leben. Entstammt er doch der Maskilim- Generation, die in den 60—70 Jahren zielbewusst mit der jüdischen Vergangenheit, als mit der europäischen Bildung nicht vereinbar, zu brechen strebte. Und wenn auch Leon Perez nie so weit wie seine Altersgenossen ging, so blieb er doch zeitlebens der erbittertste Feind der tötenden Scholastik und öden Dogmatik der jüdischen Altvordern. In seinen feinsinnigen Tendenz-Märchen und in ganz besonders gelungener Weise in seiner „Streimel"*), die als satirisches Meisterstück in der gesamten jüdischen Litteratur einzig dasteht, geisselte er mit wuchtiger Hand die Gemüts¬ und Geistes-Engheit der starren Orthodoxie. Die „Streimel", der Monolog eines philosophierenden. Schneiders, ist ein vernichtender Ausfall gegen das traditionelle, vom Aberglauben strotzende Rabbinertum. Da er dem Leser nicht im Tone des Gebildeten aufgedrängt wird, sondern in der Sprechweise eines- „Denkenden aus dem Volke" gehalten ist, so ist seine Wirkung wuchtig und stark. Die Orthodoxie empfand auch alsbald die Wirkung der abgeschossenen Pfeile and griff zum alten Mittel der Bannlegung:: in manchen Synagogen wurde „Streimel" öffentlich für ketzerisch erklärt. Als Vertreter dieser Geistesrichtung — uns, den Enkeln der Maskilim-Generation als überwundener Standpunkt erscheinend — ist für Perez charakteristisch das Masslose in seinen Ausdrücken, das Schrankenlose in seinen Verurteilungen, die Rücksichtslosigkeit, mit der er sich in seinen polemischen Schriften giebt Denn Perez hat eine Anzahl kritischer Artikel geschrieben, sich manchmal der Publizistik in die Arme werfend mit vielleicht {grösserer Willigkeit, als- ") Traditionelle Kopfbedeckung des Talmudjuden, insbesondere deir Rabbiner.

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