Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Eine jüdische Toynbee-Halle in Wien
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 295 - 296 (sequence 3)
- Language
- German
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295 Prof. Dr. Leon Kellner: Eine jüdische Toynbee-Halle in Wien. 296 böser, vom Kampfe ums Dasein herübergebrachter Rücksichtslosigkeit einander kaum den Sitzraum vergönnten, die plaudern jetzt gemütlich und erweisen sich Höflichkeiten, wie sie dem sicheren Besitze geziemen. Sie fühlen sich zu Hause in unserer Halle. Nach diesem ersten Zwecke schwebte mir ein zweiter vor: unsere jungen Leute sollten sehen, dass man sich unterhalten könne, ohne alles Selbstbewusstsein zu verlieren, ohne Würde und Anstand mit Füssen zu treten. Was fangen unsere Handelsangestellten an, wenn sie abends dem Geschäfte entrinnen? Das ist eines der traurigsten Kapitel aus dem Leben. der Grossstadt. Die Wiener Cafes und Singspielhallen haben mehr Existenzen ruiniert als Tuberkulose und Pest. Man stirbt nicht, wenn man schon als junger Mensch sich an den Kaffeehaus- und Tingl-Tangl-Ton gewöhnt, aber man geht daran zu Grunde. Alle die seelenlosen, jüdischen Familien der Grossstadt, denen das Leben ausserhalb der Arbeit nichts anderes als Spiel, Theater, Turf und Ball bedeutet, haben ihre Erziehung im Kaffeehause begonnen und in der Singspielhalle beendet. Es giebt in Wien ein Tingl-Tangl, in, welchem Abend für Abend jüdische Bänkelsänger einem jüdischen Publikum in der niedrigsten, schamlosesten Weise jüdisches Wesen karikieren und beschmutzen — wer darf sich wundern, dass diese Art Juden sich gegenseitig noch weit mehr Verachtung entgegenbringen, als die Christen für sie fühlen? Die Winterabende unserer Toynbee-Halle sollten den Versuch machen, mit den genannten Giftstätten zu konkurrieren. Haben wir dieses Ziel erreicht? Ich glaube ja. Wir können es haarscharf beweisen. Als wir anfangs tasteten und mit dem Publikum Fühlung zu bekommen suchten, forderten wir die Sangeskundigen unter den jungen Leuten auf, sich doch hören zu lassen. Einer nach dem anderen kam und meldete sich zum Vortrag von — Couplets! Und was waren das für Couplets! „Ich bin der Isaak Silberstein", „Die Sarahleben wollt' einmal" u. s. w. u. s. w. Die Sänger machten höchlichst erstaunte Gesichter, als wir uns für solche Kunstgenüsse bedankten, und blieben aus. Aber sie kamen wieder, und heute singen uns ebendieselben Leute Wagner, Schubert, Schumann, Grieg, Brüll; die Sänger der Toynbee-Halle sind jetzt schon so weit durch die Toynbee-Halle selbst erzogen, dass man sie zum Klavier lassen darf, ohne sich vorher nach ihrem Programm zu erkundigen. Und noch eine zweite Thatsache sei angeführt. Als sich an den ersten Diskussions- Abenden ein Mann halb im Jargon äusserte, ging ein Gelächter durch die Reihen der überlegenen Jünglinge vom Handelsfach; heute haben sie es gelernt, dem ärmsten polnischen Juden zuzuhören, wenn er in noch so schwerfälliger Sprache einen Gedanken vorzubringen hat. Also unser zweites Ziel war verhütender Art: unsere Jugend sollte von der systematischen Erziehung zur Frechheit und Frivolität ferngehalten werden. . Erst in dritter Reihe wurde die Belehrung ins Auge gefasst. Systematischen Unterricht zu bieten lag nicht in unserem Plane. Wer in Wien ernstlich danach strebt, seine Bildung zu erweitern, der hat vollauf Gelegenheit, dieses Ziel ausserhalb der Toynbee-Halle zu erreichen» Die „volkstümlichen Universitätskurse", die vor ein paar Jahren nach dem Muster der englischen University Extension Lectures eingerichtet wurden, haben sich vortrefflich bewährt. Man kann für eine Krone ein ganzes Semester lang Latein lernen oder Anatomie studieren. Mit diesen Kursen kann und will die Toynbee-Halle nicht wetteifern. Aber einen Vorteil haben wir bei unseren Vorträgen vor den Docenten der Universitätskurse voraus. Wir haben ein einheitliches Publikum, wir kennen ihre Bedürfnisse, wir wissen, wo wir anzuknüpfen haben. Zwei Abende in der Woche sind einfür allemal bestimmten Stoffgebieten zugewiesen: am Montag wird Naturwissenschaftliches vorgetragen, am Freitag Bibel erklärt; in letzter Zeit hat ein hervorragender Psychiater dermassen das Interesse an psychologischen Fragen geweckt, dass wir den Donnerstag regelmässig der Seelenlehre widmen. Sonst haben wir, um einen Theaterausdruck zu gebrauchen, ein wechselndes Repertoire. Aus. der Mannigfaltigkeit des Gebotenen lassen sich einige Gruppen mit charakteristischen Beispielen hervorheben. I. Naturwissenschaftliches. Elemente der Mechanik. — Elemente der Astronomie. — Einige Hauptgesetze der Optik. — Das Auge. — Der Kreislauf des Blutes. — Psychologie. II. Medizinisches. Antisepsis und Asepsis. — Was ist Krankheit? — Das Wasser als Heilmittel. — Die Gefahren des Alkoholismus. Hygiene des Mundes. III. Geschichte und Litteratur. Alexander der Grosse. — Die Juden im vorchristlichen Italien. — Die Chazaren. — Die Ahasver- Sage. — Unsere Ahnen bei der Unterhaltung. — Die Agadisten. — Cremieux. — Die Prager Judenstadt. — Jüdische Kunst. — Juda Halevy. — Shakespeare. — Hamlet. — Mendelssohn. — Nathan der Weise. — Morris Rosenfeld. — Deutsche und Spaniolen. IV. Ethisches. Nächstenliebe. — Kant's Ethik. — Altjüdische Rechtsethik. — Die Ethik des Talmud. V. . Juridisches. Der Prozess. — Die Todesstrafe. — Die Civilehe. —: Der Prozess Calas. — Der Prozess von Damaskus. VI. Diskussionsthemen. Jüdische Dienstboten. — Jüdische Frauenerwerbvereine. — Warum geben die Juden Mitgift? .—