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Ost und West · 1901-04-01 · Heft 4 (April 1901) · p. Seite 297 - 298

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 4 (April 1901)
Article
Eine jüdische Toynbee-Halle in Wien
Date
1901-04-01
Page
Seite 297 - 298 (sequence 4)
Language
German
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297 Prof. Dr. Leon Kellner: Eine jüdische Toynbee-Halle in Wien. 298 Sind die Juden anmassend? — Die Juden und der Wucher. — Jüdische Armenpflege. — Welche Erwerbszweige stehen den Juden offen? 6. Di'e Kindertage. .Fast jeden Sonntag-Nachmittag findet in der Toynbee-Halle eine Kinderjause statt. Die Eltern melden während der Woche ihre Kleinen an; wenn die Zahl 120 erreicht ist, wird die Liste geschlossen. Um 3 Uhr ist der Saal gefüllt. Der Leiter, beziehungsweise die Leiterin des Nachmittags sorgt dafür, dass von 3 bis 4 Uhr geistige Unterhaltung geboten wird. Eine Erzählung, ein Märchen, ein Lied, Rätsel — alles ist den Kleinen willkommen. Um 4 Uhr kommt die Jause: Kakao und Bäckerei. Um 4V2 Uhr beginnt der dritte Teil: Musik. Diese wird sehr häufig von den Kindern der Armen selbst besorgt. Um 5 Uhr werden die Kinder von ihren Eltern oder Geschwistern abgeholt. 7. Die Mitwirkenden. „Wo wollen Sie die Kräfte hernehmen, um einen ganzen Winter lang Abend für Abend Belehrung und Unterhaltung zu bieten? Wer soll den Thee für 120 Leute bereiten, wer soll ihn herumreichen?" So fragten die Kleinmütigen. Mein Glaube an die Opferwilligkeit unserer Stammesgenossen hat sich als berechtigt erwiesen. Was ich in der englischen Toynbee-Halle gesehen habe, wiederholt sich in unserer Wiener Anstalt: Freiwillige aus allen Kreisen der geistigen Aristokratie melden sich, Schriftsteller ersten Ranges stellen sich in den Dienst der guten Sache, Musiker von Beruf und sehr begabte Dilettanten haben uns fast jeden Abend mit vortrefflicher Musik versorgt. Die Bewirtung haben von Anfang an einige Damen übernommen, und die haben es verstanden, einen Stab von jungen Mädchen heranzuziehen, die den Dienst in bester Ordnung versehen. In kaum 20 Minuten, der Dauer der Pause, werden alle Gäste bewirtet. Noch nie ist jemand übersehen, nie ist eine Klage gehört worden. 8. Die Toynbee-Halle im Sommer. Mit dem Anfange der warmen Tage haben die Thee-Abende in der Toynbee-Halle ihr Ende erreicht. Jetzt beginnen die regelmässigen Kurse. Hebräisch, Französisch, Englisch, Stenographie, Buchhaltung werden unentgeltlich von Fachleuten gelehrt. Die Zahl der Anmeldungen ist in keinem Kurse hinter 20 zurückgeblieben, im Französischen und Englischen geht sie über 40 hinaus. Am Sonntag-Nachmittag werden regelmässig Ausflüge in die Umgebung von Wien unternommen werden. Ein Naturforscher von Fach wird uns immer begleiten und wird uns dazu anhalten, die Augen zu öffnen, um die Wunder des Himmels, der Wolken, der Tier- und Pflanzenwelt zu verstehen. 9. Die Erhaltung der Toynbee-Halle. Bisher wurde die Erhaltung der Toynbee- Halle durch Spenden bestritten. Nun aber haben wir dem Institute, das sich so sehr als Bedürfnis erweist, eine festere Grundlage gegeben. Wir haben einen Verein ins Leben gerufen, dessen Aufgabe es sein soll, für die Erhaltung und den Ausbau der Toynbee-Halle zu sorgen. Durch die regelmässigen kleinen Jahresbeiträge derMitglieder, durch die einmaligen grösseren Leistungen der Förderer wird es dem Vereine leicht werden, dieses Ziel zu erreichen.

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