Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Eine jüdische Toynbee-Halle in Wien
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 293 - 294 (sequence 2)
- Language
- German
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293 Prof. Dr. Leon Kellner: Eine jüdische Toynbee-Halle iii Wien. 294 Erstens' waren wir in dem Augenblicke, da wir uns auf die jüdische Armut beschränkten, unseres Publikums sicher, während ein die Gesamtheit unserer armen Mitbürger umlassender Versuch die Gefahr der Verwirrung und Planlosigkeit in sich geschlossen hätte. Zweitens schreckten uns die Erfahrungen der letzten Jahre. Wir, die Anreger des Gedankens, eine Toynbee-Halle in Wien zu gründen, sind Juden; hätte dieser Umstand allein nicht genügt, um das Unternehmen in den Augen des irregel eiteten Volkes verd ächtig erscheinen zu lassen? Und das Volk, das arme, unwissende Volk kommt hier allein in Betracht. Drittens schwebten uns Beispiele von sozialen altruistischen Schöpfungen vor, die von wohlmeinenden Menschenfreunden für die Gesamtheit, ohne Rücksicht auf Abstammung und Bekenntnis, geplant waren, von denen aber heute Juden vollständig ausgeschlossen sind. Vor diesem Schicksale wollten wir die erste Toynbee-Halle in Wien bewahren. 3. Die Einrichtung der Toynbee-Halle. Uns standen bei der Gründung der Toynbee- Halle sehr geringe Mittel zur Verfügung. Demgemäss wurde mit Kleinem begonnen. Der Saal fasst 150 Personen. Freilich haben wir an manchen Sonntag-Abenden auch 200 gezählt; aber das geschah, wenn die Ordner beim Einlass nicht mit der nötigen Strenge ihresAmtes walteten. Das Mobiliar ist ausserordentlich einfach. Sessel und Bänke für die Gäste, auf dem Podium ein (gemietetes) Klavier, ein Tisch, ein Sessel für den Vorsitzenden, einer vor dem Klavier; rechts vor diesem eine grosse Schultafel, endlich eine kleine Leihbibliothek. Das Lokal hat zwei Eingänge. Der eine lührt durch die Küche und wird nur von den diensthabenden Herren und Damen benutzt; der andere ist für das Publikum bestimmt. Um halb sieben wird geöffnet, dabei geht es leider nicht ohne manche Härte ab. Es sind immer um so viele Menschen mehr, als wir beherbergen können! An Sonntagen ist der Andrang am grössten, daher werden die Ordner von einem Schutzmanne unterstützt. Um sieben Uhr ist Anfang. Der Vortrag dauert gewöhnlich dreiviertel Stunden, selten eine ganze Stunde. Darauf tritt eine Pause von 20 Minuten ein, während welcher der Thee herumgereicht wird. Wir haben sehr guten russischen Thee, dazu geben wir eigens für die Toynbee-Halle hergestellten Cakes. Nach der Pause haben wir eine an den Vortrag anknüpfende Diskussion oder Musik. In der Regel wird um halb zehn Uhr geschlossen. 4. Das Publikum der Toynbee-Halle. Wir hatten nicht ohne Bangen dem Eröffnungsabende entgegengesehen, denn unsere Mittel hatten es uns nicht erlaubt, Ankündigungen in den Blättern zu bezahlen oder durch Dienstmänner austeilen zu lassen. Nur einige Hundert Zettel hatten den Weg in die Bethäuser der teopoldstadt gefunden. Trotzdem war die Toynbee-Halle gleich am Eröffnungsabende überfüllt, so dass Hunderte abgewiesen werden mussten. Die Ueberfüllung hat sich seither allabendlich wiederholt. Wir müssen, soll die Toynbee-Halle ihren Zweck erfüllen, daran gehen, ein geeignetes Lokal zu linden, das mindestens dreimal so viel Fassungsraum haben soll, wie das jetzige in der Webergasse. Lange bevor wir daran gingen, einen regelrechten Verein „Jüdische Toynbee-Halle" zu gründen und Mitglieder unter den Besuchern zu werben, hatte sich ein Stammpublikum gebildet, das regelmässig jeden Abend auf denselben Sitzen zu bemerken war. Diese Leute sind der Toynbee-Halle bis auf den heutigen Tag treu geblieben. Daneben besteht eine zweite Schicht, die kommt und geht, bald regelmässig erscheint, dann wieder für längere Zeit verschwindet, und die dritte, kleinste Gruppe besteht aus Neulingen. Fast jeden Abend sind einige neue Gesichter zu sehen. Das Publikum der Toynbee-Halle besteht fast zur Hälfte aus Frauen, verheirateten und ledigen. Nicht alle sind arm. Eine Frau, die zu den fleissigsten Besucherinnen gehört, hat uns mit einer reichlichen Spende überrascht. Alle Altersstufen von 20 bis 70 sind vertreten; jungen Leuten unter 20 Jahren ist der Eintritt verboten. An gutem Betragen und Intelligenz stehen die Frauen den Männern keineswegs nach; an den Diskussionen haben sich arme Arbeiterinnen in sachlicher Weise beteiligt. Das männliche Publikum besteht aus Handels-Angestellten — grösstes Kontingent! —, kleinen Gewerbsleuten, Handwerkern, Hausierern, Dienstmännern; an Sonntagen haben wir auch Soldaten bemerkt. Mehr als einmal begegne ich am Morgen in meinem Vororte (Gersthof) einem. Manne mit dem schweren Hausiererpack und erkenne ihn am Abend in der Toynbee-Halle wieder. Aus den Diskussionen ist die Landsmannschaft unserer Gäste zu erkennen: wir haben Polen, Ungarn, Böhmen, Russen und Norddeutsche gehört. 5. Was wir bieten. Die Abende in der Toynbee-Halle sollen in erster Linie eine geistige und gemütliche Erfrischung bieten, sie soll den Armen eine Oase bedeuten inmitten ihrer Wüstenwanderung als Hausierer, Trödler, Handwerker. Diese Leute sollen für einige Stunden das Gefühl dei furchtbaren Grossstadt-Einsamkeit verlieren und zum Bewusstsein erwachen, dass sie nicht allein stehen in der Welt. Dieser erste und oberste Zweck der jüdischen Toynbee-Halle wurde vollständig erreicht. Die alten Männer und Frauen, die mit vergrämten, verdrossenen Gesichtern, mit misstrauischen Augen zu uns gekommen sind, haben wieder lachen gelernt; dieselben Menschen, die anfangs stumm nebeneinander sassen und mit