Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Eine jüdische Toynbee-Halle in Wien
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 291 - 292 (sequence 1)
- Language
- German
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291 292 EINE JUEDISCHE TOYNBEE-HALLE IN WIEN. Von Prof. Dr. Leon Kellner. Sonntag, den 2. Dezember 1900, wurde die jüdische Toynbee-Halle in der Brigittenau, dem ärmsten Judenviertel von Wien, eröffnet, und seither haben wir ausnahmslos Abend für Abend 120 bis 150 Männer und Frauen Belehrung, Unterhaltung undeine kleine Erfrischung geboten. Jetzt ist es vielleicht schon gestattet, über den Versuch zu berichten. Es soll dies in ganz nüchterner Weise geschehen: was mich immer von neuem beim Anblick des . Toynbee-Hall e-Publikums bewegt, das behalte ich eifersüchtig für mich. 1. Der Name. Arnold Toynbee (1852—1883), ein Sohn des weltberühmten Ohrenarztes Josef Toynbee, war ein Oxforder Universitäts-Aristokrat, als ihm die Erkenntnis aufdämmerte, dass aller Bildungsdrang und alle Selbstvervollkommnung doch eigentlich recht egoistisch seien, solange die grosse Mehrheit des gemeinen Volkes nicht einmal eine Ahnung hat von der unendlichen Geisteswelt, in der sich ein Gebildeter bewegt. Toynbee stieg von der Höhe des Universitäts- Aristokraten zum Volke herab und suchte ihm die Herrlichkeit der Kultur zu erschliessen. Er starb viel zu früh; aber seine Anregung war auf fruchtbaren Boden gefallen. Zum Andenken dieses Volksfreundes wurde die Toynbee-Halle in Whitechapel gegründet, die geradezu zum Muster für alle ähnlichen Anstalten geworden ist. Toynbee-Hall ist jetzt ein Gattungsbegriff geworden und in alle Kultursprachen übergegangen. Eine Toynbee-Halle ist ein Lokal, in welchem die Reichen mit den Armen, die Studierten mit den Unwissenden Fühlung suchen, der Boden, auf welchem die äussersten Schichten der Gesellschaft sich friedlich zusammenfinden, ein Haus, in dem einer moralischen Ausgleichung der socialen Gegensätze die Wege geebnet werden. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Es war ein Weiser, der das tiefe Wort sagte: „Sorgt mir für meinen Luxus, für meine Bedürfnisse werde ich schon selber sorgen." Art und Ausmass des Erwerbes sind sehr wichtige Faktoren im Leben eines Menschen, aber sie sind nicht alles. Die Moral, der soziale Wert, die Zukunft einer Familie hängt ebensosehr von der Art und dem Ausmasse ihrer Erholung ab. Ihr, die Reichen, die Wohlthätigen, steuert der leiblichen Not der Enterbten, Ihr verschafft ihnen Arbeit und Erwerb — vortrefflich! Wir, die Studierten, wollen Euer Werk ergänzen und ihnen zu einer anständigen, menschenwürdigen Erholung verhelfen. Dieser Gedanke geht aui Arnold Toynbee zurück. Im Jahre 1898 hatte ich Gelegenheit, nicht nur die Toynbee-Hall im Osten von London, sondern auch die anderen „Settlements", namentlich das Passmore Edwards Settlement, eingehend zu studieren. Dank der ausgezeichneten Schriftstellerin Mrs. Humphrey Ward (deren Meisterwerk „Robert Elsmere" auch in Deutschland viele Bewunderer, unter anderen den eisernen Kanzler, gefunden hat), konnte ich die Herren bei der Arbeit sehen und beobachten, wie Hunderte von Handwerkern und ihre Familien sichtlich zur Freude an reiner, gesunder, anregender Unterhaltung emporgehoben wurden, wie Mrs. Ward mit Hilfe ihrer Töchter und gleichgesinnter Freundinnen — es war mir eine rechte Genugtuung, eine Tochter unseres Glaubensgenossen, des berühmten Advokaten und Parlamentsmitgliedes Sir George Lewis, unter den eifrigsten Damen zu finden! — die Kinder der Enterbten zu Spielen und körperlichen Uebungen heranzog und durch die Kleinen wiederum die Alten für das Settlement gewann. Ich habe an anderer Stelle (Ein Jahr in England, Cotta 1901, „Wie man in London die Massen erzieht" S. 225 — 248) das Wirken der Londoner Settlements ausführlich geschildert und muss mich jetzt auf einen Hinweis beschränken. Das Gesehene machte einen tiefen Eindruck auf mich, und der Gedanke, im Sinne Arnold Toynbee's eine VolkshaUe in Wien zu schaffen, Hess mich nicht mehr los. 2. Warum eine „jüdische" Toynbee-Halle? Es wäre das Natürlichste gewesen, eine Wiener Toynbee-Halle schlechtweg, frei von konfessionellen oder nationalen Nebengedanken, ein Haus für die Armen aller Bevölkerungsschichten zu gründen, und in der That haben mir viele meiner jüdischen Freunde ihre Unterstützung, ihre reichste Unterstützung in Aussicht gestellt, wenn ich den „unheilvollen" Plan einer jüdischen Toynbee-Halle fallen Hesse und dafür eine Volkshalle für jedermann ins Leben rufen wollte. Aber das wäre eine blinde, thörichte, unfruchtbare Nachahmung, ein Schlag ins Wasser gewesen. Wien ist — leider! — nicht London, und was für die Armen von Whitechapel eine selbstverständliche Sache ist, das wäre den Wienern, und zwar nicht nur den Wienern der untersten Schichten ein unbegreifliches Wagnis: Christen und Juden als gleichwertige Stadtgenossen teilnehmend an einer und derselben geselligen Unterhaltung! Und wenn schon die Empfangenden, die Armen, sich in das Unerhörte gefunden hätten, wo sollen die vorurteilsfreien Männer, Frauen und Mädchen herkommen, die sich der schweren Aufgabe der Unterhaltung und Bewirtung unterziehen würden? Ich kann mich übrigens ganz kurz fassen. Die folgenden drei Gründe reichen für jeden Kenner vollkommen aus, um die „jüdische" Toynbee-Halle zu rechtfertigen.