Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Synagogale Kunst
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 283 - 284 (sequence 5)
- Language
- German
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283 Biujamin Segel: Synagogale Kunst. 284 Thora-Krone in der Synagoge zu Pohrebyszcze. bestehend aus sechs echten und rechten jonischen Säulchen ohne Kannelierung. Mit seinem verhältnismässig flachen Dach und seinem architravartig rings herumlaufenden, schwarz und weiss eingelegten Fries macht diese hübsche und eigenartige Synagoge beinahe den Eindruck eines griechischen Tempelchens. Aus welcher Zeit stammen diese merkwürdigen Holzsynagogen? Schon die geringe Dauerhaftigkeit des Materials zwingt zu dem Schluss, dass dieselben, soweit sie sich bis auf unsere Zeit erhalten haben, kaum älter als 250 bis 300 Jahre sein können. Aus den bereits vorhin erörterten Gründen ist es in den meisten Fällen so gut wie unmöglich, das genaue Datum der Erbauung einer Synagoge festzustellen. Da muss man schon zufrieden sein, wenn es gelingt, auf Umwegen einige Anhaltspunkte zu ermitteln, die einen Schluss zu ziehen erlauben, zu welcher Zeit frühestens das Bauwerk oder die Grundteile desselben bereits existiert haben. Was nun die Synagoge von Zabludow anbetrifft, so ist es Bersohn gelungen, festzustellen, dass sie um die Mitte des 17. Jahrhunderts schon vorhanden war. Ein grosser Brand, der am Ende des vergangenen Jahrhunderts den grössten Teil der Stadt verheert, hat von dem Archiv der jüdischen Gemeinde nur eine einzige Chronik zurückgelassen, von der aber der Anfang fehlt. Hier nun ist ein im Jahre 1646 gefasster Beschluss des Gemeindevorstandes eingetragen, demgemäss ein neuer Nebenbau für die Frauen aufgeführt werden sollte. Das letztemal wurde diese Synagoge nach einer noch erhaltenen Inschrift im Jahre 1732 restauriert. Eine bewegte Vergangenheit hat die Synagoge von Pohrebyszcze hinter sich. Auch hier hat der stereotype grosse Brand gewütet und das jüdische Gemeindehaus mitsamt den archivalischen Dokumenten eingeäschert. Aber Bersohn fand, seltsam genug, ein auf die Synagoge bezügliches Datum in dem Diarium der griechischen Kirche des Ortes. Dort wird nämlich nebenher erwähnt, dass die Synagoge von Pohrebyszcze im Jahre 1730 renoviert worden sei. Eine noch interessantere und um 80 Jahre früher zurückweisende Angabe entdeckte Bersohn auf einem an der Wand der Synagoge lehnenden, unscheinbaren, früher unbeachtet gebliebenen Steindenkmal. Eine hier eingemeisselte, schon etwas verwischte Inschrift besagt nämlich, dass „im Jahre 1648 die Horden des Chmidriscki die Stadt Pohrebyszcze unvermutet überfielen und die meisten Einwohner, die polnischen Herren ebenso wie die Juden niedermetzelten, ohne Greise, Frauen und Kinder zu schonen. Das geschah in dem Moment, als die Gemeinde in unserem uralten Gotteshause zur Trauung eines jungen Paares versammelt war". Daraus schliesst Bersohn, dass die S}magoge am Anfang des 17. Jahrhunderts erbaut wurde. Es scheint jedoch, dass dieses Datum zu spät angesetzt ist. Wenn es in einem jüdischen Dokument „uralt" heisst, so muss schon ein beträchtlicherer Zeitraum darunter zu verstehen sein. Wir Juden sind bekanntlich an lange Zeiträume so ziemlich gewöhnt. Die Synagoge von Pohrebyszcze stammt also wahrscheinlich aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die jüngste unter allen ist die Synagoge von Lutomiersk, welche unter der Regierung des letzten Polenkönigs, Stanislaw August, also in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, erbaut wurde. Bersohn weist in einer geistvollen Auseinandersetzung auf die Analogie hin, die zwischen der Entstehungsweise unserer Holzsynagogen und jener der mittelalterlichen Holzkirchen besteht, von denen sich eine grosse Anzahl — über hundert — in Schlesien erhalten hat. Diese Kirchlein bestanden ursprünglich nur aus dem Hauptschiff, an welches im Verlaufe der Zeiten sich die von Zünften, frommen Brüderschaften oder einzelnen Gläubigen erbauten. Kapellen, Arkaden und Gallerien anlehnten, welche in ihrer Gesamtheit den ursprünglichen Stil des Bauwerkes verwischen, ihm aber dafür ein originelles und anziehendes Aussehen verleihen. Einen ähnlichen Ent wickelungsgang dürften unsere Synagogen durchgemacht haben, so dass man stets das Hauptschiff als den ältesten und ursprünglichen Bestandteil anzusehen hat. Wir haben vorhin von einem Gemeindebeschluss gehört, an die Synagoge von Zabludow eine neue Frauengalierie hin zuzubauen. Auch der Umstand, dass che Synagoge von Lutomiersk, nachweislich die jüngste, ohne Nebenbauten dasteht, spricht für die Richtigkeit der Bersohn'schen Hypothese.