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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 219 - 220

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Bei Kunstreitern
Date
1901-03-01
Page
Seite 219 - 220 (sequence 5)
Language
German
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219 Moritz llartmann: Bei Kunstreitern. 220 geduldig wurde, wenn mich Else mit Fragen nach diesem und jenem im jüdischen Kultus oder auch nach den Ursachen meiner Vertiefung störte. Als dann der Vorsänger das Lied begann: „Wie der Thon in der Hand des Töpfers, wie das Silber in der Hand des Goldschmieds, so sind wir in der Hand des Schöpfers," fiel ich mit halber Stimme ein und sang zum grössten Erstaunen Eise's die Melodie mit, wie eine altbekannte. „Woher kennen Sie das alles so genau? fragte sie, „und überhaupt was ist Ihnen? Sie sind, wie ich Sie nie gesehen habe, aufgeregt, vertieft, gerührt, als ob Ihnen plötzlich ein Unglück geschehen wäre. Erklären Sie mir —" „Kommen Sie," erwiderte ich, indem ich aufstand, „der Regen hat aufgehört; sind wir in freier Luft, will ich Ihnen erklären." Wir sagten noch Laurabella adieu, schwangen uns auf die Pferde, die derselbe Junge uns vorführte, der sie uns abgenommen hatte, gaben diesem ein Trinkgeld und trabten davon. Die Nacht war nach dem Gewitter klar und heiter geworden; der Mond trat aus den Wolken, die sich am Himmel verspätet hatten und nun mit Eile den verschwundenen Gewitterwolken nachzufliegen schienen. Wir sahen weit ins Land hinaus; die breiten Strassen lagen weiss und deutlich vor uns. „Nun," sagte Else, indem sie plötzlich ihr Pferd langsamen Schrittes gehen Hess, „nun erklären Sie mir, wie Sie zu der Kenntnis dieser jüdischen Bräuche gekommen sind, woher Sie selbst diese Melodien kennen. Sonst sind uns all diese .Dinge doch so unbekannt, trotzdem die luden in unserer Mitte leben." ,,Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen.4' „Ah, es steckt eine Geschichte dahinter, das ist prächtig, erzählen Sie. Gewiss haben Sie einmal einer schönen Jüdin den Hof gemacht und sich, wie der Tenor in der Halevy'schen Oper, als Jude unter den Juden herumgetrieben." „Nein, es ist anders. .Vor ungefähr zwanzig Jahren lebte in der Hauptstadt unserer Provinz ein Judenmädchen, das als ein Wunder der Schönheit gerühmt wurde. Nehmen Sie an, class dieser Ruhm vollkommen und in allen Teilen gerechtfertigt war, und erlassen Sie mir die Beschreibung. Ich kann nur sagen, class ich bis auf den heutigen Tag trotz aller meiner Reisen keine Frau, kein Mädchen gesehen, das sich mit dem Bilde, das in meiner Erinnerung lebt, hätte messen können. Diese schöne Jüdin, obwohl sie nahe wohlhabende Anverwandte hatte, war sehr arm, die Tochter sehr bedürftiger Eltern. Um diese zu ernähren, sass sie in einer elenden hölzernen Bude, welche in einem der vielen äusseren Winkel eines alten fürstlichen Palastes stand, und verkaufte Watte und allerlei Baumwollenwaren. Vor dieser Bude standen oft die Reisenden, um die grösste Merkwürdigkeit der Stadt anzustaunen. Unter dem Vorwande, die Architektur des Palastes, seine Säulen, Bogen und Karyatiden zu betrachten — denn einer Sage nach sollten Plan und Zeichnung von Michel Angelo herrühren — gingen sie halbe Stunden lang um die Bude im Halbkreise herum und vergassen Michel Angelo über der schönen Jüdin. Trotzdem der Neid den guten Ruf ungern bei der Schönheit wohnen lässt, erfreute sich Lea — so hiess sie — doch des allerbesten Leumundes, ihren Augen sah man es an, dass ihre Heiterkeit trotz aller Armut eben so gross war, als ihre Schönheit, und die sie näher kannten, versicherten, dass ihre Güte hinter ihrer Schönheit nicht zurückstehe. Eines Tages kam der Fürst, dem der alte Palast gehörte, ein Mann von ungefähr dreissig Jahren, der den grössten Teil seines Lebens bei Hofe zugebracht hatte, in die Provinzialstadt zurück. Er bewohnte eine Villa in der nächsten Nähe der Stadt, aber er wollte doch den alten verlassenen Palast seiner Väter in Augenschein nehmen und sah, wie alle anderen Reisenden, nur Lea. Sofort schämte er sich der 20 Gulden, die ihm, dem Besitzer des Winkels, den Lea als Mieterin mit ihrer Holzbude einnahm, seine Rente vermehrten. Er redete sie als ihr Mietherr an, er wollte ihr die Miete für ewige Zeiten schenken; Lea wies das Geschenk zurück. Bald darauf verliess der Fürst die Villa und richtete sich in dem Palaste ein und zwar in einem Flügel, aus dessen Fenstern er Lea den ganzen Tag betrachten konnte. Der Skandal war bald sehr gross in der Stadt; Lea schloss ihre Bude, und sie war brotlos, während es hiess, dass nun ein glänzendes, wenn auch nicht ehrenhaftes Leben für sie beginne. Man irrte sich. Der Fürst hatte nicht den geringsten Versuch gemacht, sie herabzuwürdigen; er liebte sie, und — er heiratete sie. Nun erst war der Skandal in den zwei entgegengesetzten Klassen der Gesellschaft, bei den Aristokraten und bei den Parias, den Juden, sehr gross. Die Aristokraten ärgerten sich über die Mesalliance, die Juden über die Taufe der schönen Jüdin. Aber auch dieser Skandal verrauchte, der Fürst war mächtig, unabhängig und bei Hofe sehr einflussreich. Er hatte die Kaiserin, die sehr fromm war, beinahe von Anfang an auf seiner Seite, weil er durch die Taufe eine Seele gerettet hatte, und sie wünschte die schöne Fürstin in ihrer Nähe zu haben, um das gottgefällige Werk zu Ende zu führen und sie in den Glauben und seine Geheimnisse selbst einweihen zu können. Sie empfing sie, sie machte sie zu ihrer Hofdame, und kaum drei Jahre nach der Taufe war dieselbe Lea, die aber jetzt Therese hiess, welche in der Holzbude Watte verkauft hatte, Sternkreuzordensdame. Das scheint Ihnen unglaublich, aber was ich Ihnen hier erzähle, ist historisch. Der Fürst war eben ein Mann voll Energie, der seine Frau wirklich liebte und den der Widerspruch der Aristokratie gereizt hatte. Er hat von jeher durchgesetzt, was er wollte.

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