Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Bei Kunstreitern
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 221 - 222 (sequence 6)
- Language
- German
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221 Moritz Hartmann: Bei Kunstreitern. Nicht so rasch wie die Aristokratie beruhigte sich das Judentum. Die Fürstin Therese gehörte einer Rabbinerfamilie an, und die ganze Gemeinde betrachtete es als ein ganz besonderes Unglück und als eine noch grössere vSchande, dass ein Sprössling gerade dieses Stammes abgefallen war. Ein Teil ihrer Familie legte Trauer an, wie um einen Hingeschiedenen doch nicht ihre Eltern, die sich in das Unvermeidliche fügten und die Tochter nach wie vor liebten), ein anderer Teil aber sah mit der Erhebung der Anverwandten eine glänzende Zukunft heraufziehen. Und als es endlich sicher war, dass die Fürstin bei Hofe empfangen, die Freundin der Kaiserin und infolge ihrer bezaubernden Schönheit und der Macht ihres Gatten eine höchst einflussreiche Persönlichkeit wurde, machte sich dieser Teil der Familie mit dem Gedanken, zum Christentum überzugehen, vertraut, und es kamen schon da und dort einzelne Ueberläufer vor, die es nicht erwarten konnten, unter dem Schutze der hohen Anverwandten und als Christen ihr Glück zu machen. Zu der Familie gehörte auch ein ziemlich wohlhabender Mann, der anfangs über den Abfall Lea's sehr entrüstet war und mit seinem zehnjährigen Knaben eifriger und fleissiger als je die Synagoge besuchte. Um sein Kind vor einem ähnlichen Abfall zu bewahren, liess er es die fünf Bücher und die Propheten in der Ursprache studieren und hielt es mit grösster Strenge zur Ausübung aller religiösen Formen und Ceremonien an. Aber denselben Knaben, der sich gewöhnt hatte, in der Frömmigkeit zu schwelgen, führte er ungefähr drei Jahre später in die Kirche, und als sie wieder heraustraten, sagte er ihm, dass sie beide nunmehr Christen seien. Der Knabe brach in Weinen aus, aber der Vater versicherte ihm, es sei so besser und er habe nur als guter Vater für seine Zukunft gesorgt. Wir verliessen die Stadt und zogen in die Residenz, wo mein Vater in der That eine glänzende Karriere machte, denn er war eben so klug als unterrichtet —" „Wie!*' rief Else und hielt ihr Pferd an, „Ihr Vater? Sie sprechen von Ihrem Vater? Sie sprechen von sich?" Allerdings! der Knabe, von dem ich spieche, war ich/' „Unmöglich!" „Doch! Ich erzähle Ihnen keine Märchen. Aber warum sind Sie so blass? Ich sehe es selbst beim Mondschein, dass Sie erblassen." „Sie sind ein Jude? Sie scherzen; ich kann es nicht glauben." „Fräulein Else, ich scherze nicht." „Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?" fragte Else mit einem Tone, der den bittersten Vorwurf verhüllen sollte. „Wäre es mir je eingefallen, dass die Mitteilung Sie in solche Aufregung versetzen könne, ich hätte es längst gethan, oder ich hätte Ihre nähere Bekanntschaft nicht gesucht." Else ritt weiter; ich folgte ihr und fuhr fort: „Ich könnte Ihnen sagen, dass ich bei Ihrer Freundschaft für mich, bei Ihrer Bildung eine solche Mitteilung für überflüssig hielt, aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, dass ich nicht daran gedacht habe, dass ich es längst vergessen habe, jemals ein Jude gewesen zu sein. Von jenem Moment der Taufe an lebten wir nur unter Christen. Ich dachte nie an mein einstiges Judentum, selbst nicht, wenn ich mit Juden zusammentraf. Nur wenn ich die alten Melodien meiner - Jugend wieder singen höre, wie diesen Abend, wenn ich diese religiösen Bräuche wieder sehe, an denen ich einst mit ganzer kindlicher Seele hing, erwacht die Erinnerung so mächtig und wühlt mein ganzes Herz auf, dass ich weinen möchte — und wenn ich sehe, wie der Name noch immer Schrecken und Verzweiflung einflösst — wie vielleicht jetzt, so möchte ich gleich wieder abfallen, ein neuer Apostat, und hinüber laufen in das Lager der Schwächeren." „Was wird mein Vater sagen!" rief Else. „Darauf kommt es nicht an. mein Fräulein. Was vSie sagen, Sie, das ist das wichtige, oder vielmehr was Sie verschweigen und was Sie nicht zu sagen brauchen/' erwiderte ich mit einer Bitterkeit, deren ich mich Elsen gegenüber einige vStunden früher nicht für fähig gehalten hätte. Else schwieg und ritt schweigend weiter; ich eben so schweigend neben ihr. Nach ungefähr einer Stunde hielten wir vor ihrem Hause. Ich sprang ab und half ihr vom Pferde. Dann schwang ich mich wieder in den Sattel. „Was thun Sie?" fragte Else. ,.Wohin wollen Sie?" „Nach Amsterdam!" rief ich, „vielleicht zur Kunstreitergesellschaft, vielleicht in die Synagoge!" Und ich ritt in die Nacht hinein. Ich habe Else nie wieder gesehen.