Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Bei Kunstreitern
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 217 - 218 (sequence 4)
- Language
- German
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217 .Moritz Hartmann: Bei Kunstreitern. 21s Sie sagte das alles so traurig und in kurzen abgebrochenen Worten, dass Eise's Teilnahme sich in wahrhaftiges Mitleid verwandelte. ,,Nun," sagte sie tröstend, „Sie gehen ja nach Amsterdam, soviel ich weiss; dort finden Sie Aerzte und werden das Kind in Ruhe pflegen können." „Wenn wir nur erst dort wären! Wir be> wegen uns mit unsern Pferden und dem ungeheuren Gepäck so langsam fort, und morgen müssen wir des Feiertages wegen hier rasten." Könnten Sie nicht voraus reisen?" „Wir dürfen nicht reisen an einem so hohen. Feiertag, mein Fräulein: es ist der Versöhnungstag, der höchste und strengste Feiertag der Juden." „Ich glaubte immer, Sie wären eineSpanierin?-' sagte Else in fragendem Tone. Laurabella lächelte. — „Eine Spanierin bin ich nur auf der Affiche, und nur auf der Affiche heisse ich Laurabella. Im Leben hcisse ich Jettchen Mannheimer und bin aus Paderborn. Das thut man so. Für Jettchen Mannheimer hätte sich kein Stutzer der Welt interessiert, aber Senora Laurabella aus Valencia ist schnell berühmt geworden.*' Laurabella schien bereit, noch manches in ironischem Tone ihrer Rede hinzufügen zu wollen, aber sie unterbrach sich plötzlich und ging rasch auf ihren vorigen Platz zurück, denn das Gebet begann. „Jetzt horchen Sie!" sagte ich zu Else. Der Vorsänger hatte sein stilles Gebet vollendet und begann das laute, das mit den Worten anfängt: „Alle Gelübde, alle Schwüre." Die traditionelle Melodie dieses Liedes, die vielleicht Jahrhundertealt, ist überaus melancholisch, sanft und herzergreifend, wenn sie von einem geschickten Sänger vorgetragen wird. Herr Wullenweber, der Direktor der Kunstreitergesellschaft, der den Vorbeter machte, schien musikalischen Sinn zu haben, denn er machte sie in ihrer ganzen tiefen Melancholie geltend. Kaum hatte er einige Takte gesungen, als bereits die Weiber zu schluchzen anfingen und selbst einige der betenden Männer, die vor ihnen standen, tiefe Seufzer ausstiessen. Bald erscholl lautes Weinen und mit solcher Heftigkeit, als wäre es den Betenden nicht möglich, das überwallende Gefühl zurückzudrängen. Die christlichen Mitglieder der Truppe, die da und dort in der Scheune auf dem Stroh lagen, erhoben die Köpfe und blickten die zerknirschten und weinenden Beter mit eben so viel Erstaunen an, wie meine Begleiterin. „Was mögen nur die hebräischen Worte sagen, die der Vorbeter singt?4' fragfe Else. „Diese Worte," antwortete ich ihr, „haben eigentlich nichts, was die Beter so sehr rühren könnte, auch verstehen sie sie nicht." „Warum weinen sie denn so sehr? Die Melodie ist zwar sehr originell und rührend, aber doch nicht so sehr aufregend." „Mein Fräulein," sagte ich, indem ich mich zu ihr setzte, „die grosse Feier beginnt. Morgen ist der grosse Gerichtstag, da tritt der Böse vor den Herrn und klagt an, gerade so, wie Sie es aus dem Faustprolog im Himmel kennen. Morgen werden die Schicksale der Menschen für dieses ganze Jahr festgestellt, in ein Buch geschrieben und besiegelt. Morgen werden, die Sünden vergeben oder die Strafen für die unverzeihlichen bestimmt von Gott, dem Allmächtigen. Da wird bestimmt, wer durch Feuer, wer durch Wasser, wer durch Pest etc. zu Grunde gehen soll — da wird jegliches Glück und Unglück verhängt. Alles Elend, das diese Elenden in diesem vergangenen Jahre getragen, ist ihnen so am letzten Versöhnungstage verhängt worden. Nun, -mit dem Heginn der Feier, erinnern sie sich plötzlich aller Drangsale, aller Mühseligkeit, aller Verluste, aller Schmerzen und. ach, aller Verachtung, die sie in diesem Jahre getragen. Sie weinen vor Gram über Vergangenes und vor Angst vor dem Zukünftigen. O, ihre Herzen sind in diesem Augenblicke vom gesättigtsten Kummer erfüllt; alle Leiden, des Menschen, alle Leiden ihres Standes und vorzugsweise alle Leiden des Juden stehen jetzt in Scharen vor den Augen ihrer Seele." „Sie sind ein Poet," sagte Else lächelnd, „glauben Sie. dass Laurabella, die als Sylphe durch sechs Reifen springt und vier Pferde zugleich reitet, dasselbe fühlt?" „Sehen Sie Laurabella jetzt an," antwortete ich. Laurabella hielt mit beiden Armen das Kissen umklammert, in welches ihr Kind gehüllt war, und hielt sich so vorgebeugt, dass ihre Wange auf dem Kissen ruhte. Das Tuch war ihr halb vom Kopfe gesunken, und ihre dicken, schwarzen Haare fielen wie ein schwarzer Schleier über das halbe Gesicht. Ihr ganzer Körper zuckte krampfhaft unter dem Schluchzen, das aus tiefstem Herzen zu kommen schien, während das Kissen, auf dem ihr Kopf lag, von Thränen nass war. „Sonderbar." sagte Else kopfschüttelnd, „wer hätte sich Laurabella jemals so vorgestellt? Und Sie, lieber Freund, was ist Ihnen? Sie sehen ja eigentümlich aus." „Vielleicht etwas ergriffen," sagte ich und legte mein Gesicht in beide Hände. Indessen war jenes Lied zu Ende gesungen: es folgten andere, dann wieder Gebete, die entweder still oder etwas lauter monoton hingemurmelt wurden. Das Ungewitter hatte sich auch beruhigt, und der Regen fiel klopfend auf die Holzdecke der Scheune. Der Regen, das Murmeln der Beter, die Atemzüge der Schläfer woben, da auch das heftige Weinen aufgehört hatte, durch den ganzen Raum ein traumhaftes Gewebe von Tönen. Ich brütete, vertiefte mich in alte Erinnerungen und empfand endlich ein so schmerzliches Behagen, dass ich selbst im-