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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 215 - 216

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Bei Kunstreitern
Date
1901-03-01
Page
Seite 215 - 216 (sequence 3)
Language
German
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215 Moritz Ilartmann: Bei Kunstreitern. 216 oder wachendes Kind auf dem Schosse oder in den Armen hielten. Der weibliche Teil der Versammlung hatte, das andächtige Schweigen abgerechnet, nichts Feierliches oder Festliches. Die Frauen und Mädchen waren im äussersten Neglige; sie lagen oder sassen höchst ungezwungen auf dem Stroh, die Haare ordnungslos zurückgestrichen oder über Brust und Schulter herabfallend, die gewöhnlichsten Werktagskleider nach Bequemlichkeit lose gemacht oder verschoben. Hinter dieser Gruppe, ganz nahe dem Thore, stand eine lange Reihe von Kasten und Kisten, welche teilweise geöffnet waren und einen Blick in ihr Inneres gestatteten. Da waren die phantastischen männlichen und weiblichen Trachten aufgehäuft, welche alle Farben spielten und meist mit Goldtressen, Schleifen und allerlei schimmerndem Flitter geschmückt waren. Zwischen den Kisten ordnungslos zerstreut lagen und ragten hervor allerlei buntbemalte Reifen, Stangen, Fahnen und anderer ähnlicher Hausrat wandernder Kunstreitergesellschaften. Es war kein Zweifel: wTir befanden uns bei einer Kunstreitergesellschaft und zwar höchst wahrscheinlich bei der im Lande berühmten Truppe Wullenweb er's, deren Ankunft seit mehreren Tagen in Amsterdam erwartet wurde. Das erkannten wir sogleich bei unserem Eintritt; aber die in dem beleuchteten Winkel stehenden, in Totenhemden gehüllten Männer, ihr stilles Gebahren und die sonderbare Beleuchtung blieben Elsen noch immer ein Rätsel. Sie wandte sich mit erstaunt fragendem Gesicht zu mir. „Merken Sie es nicht?'* flüsterte ich, „der grösste Teil der Gesellschaft besteht aus Juden; sie feiern den Vorabend des Versöhnungstages. Der Vorsänger verrichtet jetzt sein stilles Gebet, dass ihn Gott würdig mache, der Gemeinde vorzubeten, und seiner Lunge Kraft gebe. Wenn dies vollendet ist, wird er zu singen anfangen; achten Sie auf die Melodie, Else, sie ist höchst originell und rührend." „So!" lispelte Else ängstlich und neugierig zugleich und näherte sich der Gruppe der Weiber. Eine derselben, die auf einem Strohbund sass und einen Säugling an der Brust hielt, rückte etwas beiseite und lud sie ein, sich zu setzen, sprach aber nur leise, wie um die Andacht der anderen und ihre eigene nicht zu stören. Ihr ganzes Wesen war das einer guten und besorgten Mutter aus dem Volke. Ihre Aufmerksamkeit war sehr geteilt zwischen der religiösen Andacht und der Sorgfalt für das Kind, das sie verhüllt und mit Tüchern bedeckt am Busen hielt. Von Zeit zu Zeit hob sie eines der Tücher aut und blickte mit schmerzlichem Ausdruck auf das bleiche, offenbar kranke Gesicht des Kindes. Bei jeder Bewegung desselben zitterte sie am ganzen Körper und Hess das hebräische Buch, das aufgeschlagen auf ihren Knien lag, auf den Boden fallen, ohne es zu beachten, mit wie grosser Frömmigkeit sie es aftch jedesmal aufhob, so oft das Kind ruhiger wurde. Sie führte dann das Buch an die Lippen und küsste die hebräischen Lettern. Sie war auch gekleidet wie eine Frau aus dem Volke. Ein grosses Tuch, dessen einer Zipfel über den Rücken hinabfiel und das unter dem Kinn zusammengebunden war, bedeckte Kopf und Haare, welch letztere trotzdem schwarz und in dicken, aufgelösten Scheiteln auf die blassen Wangen hervorquollen. Ein gewöhnliches, sehr schlichtes, braunes Kattunkleid, das in der Mitte von einem dünnen Tuche zusammengehalten war, bedeckte die Gestalt, die die Fülle einer Frau in den besten Jahren verriet. Nur die schwarzen, glühenden Augen hatten etwas, was mit der hausmütterlichen und zugleich frommen Situation der Frau nicht zusammengestimmt haben würde, wenn sie nicht der Ausdruck sanfter Trauer gemildert hätte. Else sah das schöne, verblühte Gesicht der ebenso zärtlichen, als frommen Mutter anfangs mit mitleidigen Blicken an, nach und nach schien sich das Mitleid in ein gewisses Interesse, selbst in Erstaunen zu verwandeln. Sie machte mir verschiedene Zeichen, die ich aber nicht verstand. Endlich, nachdem sie die Frau wiederholt beobachtet, schien sie ihrer Sache gewiss zu sein und raunte mir ins Ohr: „Wissen Sie, wer die Frau ist?" Ich schüttelte den Kopf. „Laurabella!" flüsterte Else weiter. „Weiss der Himmel, es ist die Laurabella, die grosse Laurabella, das erste Sujet der Gesellschaft, die berühmte Reiterin, der Liebling des Publikums und das Ziel aller Stutzer, die Rivalin der Cuzent und heute so berühmt, wie vor einigen Jahren Landrinette und Adelheid Hinne. Eine Heroin des Cirkus; — seit vierzehn Tagen schlagen ihr in Amsterdam tausend Herzen voll Sehnsucht entgegen. Die kennen Sie nicht? Sie sind sehr zurück." Während mir Else so ins Ohr flüsterte, fing das Kind zu weinen an. Laurabella erhob sich und ging an das Thor, so fern als möglich von der betenden Gemeinde, und lief dort tänzelnd auf und ab, indem sie das Kind auf den Armen wiegte. Else folgte ihr voll Neugierde und wie unwillkürlich. Als das Kind wieder ruhiger wurde und Laurabella am Scheunenthor in einem Winkel stehen blieb, näherte sie sich ihr mit jener Neugierde, welche die Frau der guten Gesellschaft der Frau gegenüber, die einer abenteuerlichen Welt angehört, immer empfindet und der sie gerne die Zügel schiessen lässt, wenn es die Umstände erlauben. „Ihr armes Kind ist krank?" fragte sie teilnehmend. ,,Seit mehr als acht Tagen," seufzte die Angeredete; „das arme Würmchen, wie soll es genesen? Seit fünf Tagen sind wir auf der Reise — keine Ruhe, keine Pflege möglich — kaum dass ich mit einem Arzte sprechen konnte."

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