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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 213 - 214

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Bei Kunstreitern
Date
1901-03-01
Page
Seite 213 - 214 (sequence 2)
Language
German
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213 Moritz Hartmann: Bei Kunstreitern. 214 mehreren geräuschvollen Stunden wiede.r allein zu sein, dass Else einen Nebenweg einschlug, der. uns, wenn auch mit einigem Zeitverlust, doch sicher nach Hause bringen und vor der Wiedervereinigung mit der Gesellschaft behüten sollte. Aber Else musste sich geirrt haben, denn wir ritten und ritten, freilich in behaglichem Schritt, der ein ebenso behagliches Gespräch erlaubte, ohne in bekannte Regionen zu kommen. Die Tage waren schon kurz und die Nacht war da, ehe wir uns ihrer versahen. Mit der Nacht waren plötzlich schwarze Gewitterwolken heraufgezogen, und bald sahen wir den Weg nur vermittels des Blitzes. Schon tröpfelte der Regen herab, wir gaben den Pferden die Sporen, schon strömte es vom Himmel, und Donnerschlag folgte auf Donnerschlag. Wir befanden uns in einer Lage wie Dido und Aeneas und hatten uns ausserdem verirrt. Else hatte sich zu sichere Kenntnis des Landes zugetraut, und selbst bei der besten Kenntnis wäre es in dunkler Nacht und bei strömendem Regen schwer gewesen, sich zurecht zu finden. Die Strasse lief in vielfachen Windungen zwischen Kanälen und Gräben hin; wir mussten ihr folgen, da es in keinem Lande so schwer ist, wie in Holland, querfeldein den Weg abzukürzen oder eine Zuflucht zu suchen. Erst nach einem Ritt, der uns bei den vielen Unannehmlichkeiten sehr lang erschien, entdeckten wir rechts von unserm Wegfe, etwa zweihundert Schritte weit von uns, ein Licht, das unregelmässig aus Fenstern und Spalten irgend eines Gebäudes zu dringen schien. Glücklicherweise führte an dieser Stelle eine Brücke über den Kanal und vom Kanal aus ein Weg dem Lichte entgegen. Wir folgten diesem Wege und kamen an ein Thor, das eine Staketenwand schloss, und wir vermuteten, dass das Gebäude, aus dem das Licht kam, eine Scheune sei, wie sie sich auf den grossen eingezäunten Wiesen Hollands zu finden pflegen. Auch eine Scheune war uns bei dem immer heftiger strömenden Regen als Zufluchtsstätte höchst willkommen, ich stieg ab, öffnete das Staketenthor und führte mein und Eise's Pferd der Scheune entgegen. Der Weg führte gerade an das Scheunenthor, dennoch musste ich lange klopfen, bis es geöffnet wurde, denn der Lärm des TN Donners, der noch immer grollte, des strömenden Regens, verbunden mit Pferdewiehern und Gestampf, welches zugleich mit einem höchst eigentümlichen Gesumse und vielstimmigen Gesänge aus dem Innern der Scheune kam, machte, dass mein Klopfen und Rufen, nicht gehört wurde. Endlich wurde geöffnet. Ein kleiner, brauner Junge sah uns mit grossen, schwarzen Augen an, verstand uns bald und lud uns ein, so rasch als möglich einzutreten, indem er Fräulein Else mit vielem Geschick vom Pferde half, während er zugleich den Zaum meines Tieres ergriff. Dieses, erschrocken über den Anblick, den das Innere der Scheune bot, bäumte sich; aber der Junge behandelte es als ein Mann, der sich auf wilde Pferde versteht, und brachte es rasch wieder zur Ruhe. Er führte die Tiere in die Scheune, und wir folgten ihm. Ein wunderbares Schauspiel erwartete uns,, ein Schauspiel, das uns beiden ein erstauntes Ach! ebenso schnell hervorrief als unterdrückte. Die ganze Scheune bildete einen einzigen, grossen, weiten, ungeteilten Raum; auf diesem weiten Räume boten sich die verschiedensten Gruppen in verschiedener Beleuchtung. Beinahe die ganze Hälfte der Scheune rechts vom Thor, durch das wir eintraten, war von Pferden der verschiedensten Grössen und Rassen eingenommen, von denen einige aus Trögen frassen, andere neugierig und klug den Neuangekommenen entgegen sahen, noch andere bereits auf dem Stroh lagen, um, wie es schien, nach langem ermüdenden Marsche auszuruhen. Einzelne Stalllaternen an den Wänden und Holzpfeilern beleuchteten sie und einzelne Männer, die zwischen ihnen und hinter ihnen auf dem Stroh lagen, mit dämmerigem Lichte. Die Männer erfreuten sich eines tiefen Schlafes, trotz dem Lärm des Ungewitters und der mannigfachen Töne, die sich in der SerÄme selbst hören liessen. Eigentümlicher aber war der Anblick, den der AVinkel links am andern Ende der Scheune gewährte. Dieser war in volles Licht getaucht, und dieses Licht kam von den vielen Stalllaternen, die dort an den Holzwänden angebracht waren, von zwrei grossen Kerzen, die vor einer Art improvisirten Betpultes brannten, und von zehn bis zwölf grossen, gelben, aus rohem Wachs gekneteten Wachskerzen, die alle zusammen in einem mit Sand angefüllten Futtertroge rechts vom Betpulte staken. In dieser hellerleuchteten Abteilung der Scheune stand eine höchst auffallende Versammlung von Männern. Sie alle hatten weisse wollene oder damastene von schwarzen oder blauen Bändern eingefasste Mäntel umgeworfen, von deren Ecken vier gleichmässig gebundene, längliche Wollfadenbüschel herabfielen und die oben, an dem Teile, der den Nacken bedeckte, mit silbernen oder goldenen Tressen besetzt waren. Mehrere dieser Männer trugen unter dem Mantel lange, weisse, leinene Kittel, die faltig bis über die Knöchel herabfielen, geschlossen und in der Mitte vermittelst einer Schnur am Leibe festgehalten waren. Der Mann, der in einem solchen Kittel an dem Betpulte, in der Nähe der gelben Wachskerzen, stand, hatte die Brust mit einem aus Silbertressen zusammengesetzten viereckigen Schilde geziert. Die Männer in den Kitteln trugen auf dem Kopfe weisse Hauben, die zum Teil mit Stickereien bedeckt waren; die anderen hatten Hüte oder gewöhnliche Mützen auf. Sämtliche Männer standen in einer Richtung, dem Betpulte zugekehrt. So stille als sie dastanden, so stille sassen hinter ihnen auf ausgebreitetem Stroh mehrere Weiber und Mädchen, deren manche ein schlafendes

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