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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 211 - 212

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Bei Kunstreitern
Date
1901-03-01
Page
Seite 211 - 212 (sequence 1)
Language
German
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211 Moritz Hartmann: Bei Kunstreitern. 212' BEI KUNSTREITERN. Von Moritz Hartmann. Man kann auch in einer holländischen Stadt glücklich sein, selbst wenn diese Stadt ihre historische Grösse und Bedeutung längst eingebüsst hat, selbst wenn zwischen dem ordentlichen Pflaster dieser Stadt das Gras wächst, und selbst wenn sie nur von Holländern bewohnt ist. Ich war um so glücklicher in einer solchen Stadt, die ich nicht nennen will, als ich daselbst eine liebenswürdige deutsche Familie kannte, welche sich hier ansiedelte, um die vor kurzem angeerbten Güter und deren Verwaltung in der Nähe überwachen zu können. Ich hatte sie auf einer Lustreise kennen gelernt, war von ihr eingeladen und, als ich der Einladung ein Jahr später folgte, mit einer Herzlichkeit empfangen wTorden, wie man nur einen lieben Anverwandten empfängt. In solcher Fremde, in der man mit Sitten und Charakter der Einheimischen nichts gemein hat, ist jeder Landsmann ein Anverwandter, abgesehen von dem Interesse, das man für Reisebekanntschaften empfindet, deren Andenken sich sehr vorteilhaft mit den Erinnerungen einer schönen Lustreise verknüpft und mit diesen identisch wird. Was mich betrifft, ich bedurfte dieser Erinnerungen nicht, um mich zu der deutschen Familie hingezogen zu fühlen und um der Einladung ungeachtet eines grossen Umweges sobald als thunlich zu folgen. Fräulein Else, die Tochter des Hauses, wäre stark genug gewesen, mich in viel unwirtbarere Gegenden zu locken. Sie hatte während der kurzen Reise mit ihrer lebhaften Anmut, mit ihrem lieblichen Wesen mein ganzes Herz gewonnen, und die Briefe, die ich während unserer Trennung von ihr erhielt, waren nicht geeignet, ihr Andenken in mir ersterben zu lassen. Aul den verschiedensten Wegen, in den verschiedensten Gegenden, in den fernen Pyrenäen wie in dem traurigen Irland erheiterten sie mich und gaben mir das Bewusstsein, dessen der Wanderer so sehr bedarf, dass es irgendwo auf Erden einen Punkt giebt, da man gerne gesehen ist, da man gemütlich ausruhen könnte. Je grösser die Anzahl dieser Briefe wurde, desto grösser wurde in mir die Sehnsucht nach dieser gemütlichen Rast, und von Irland kommend vernachlässigte ich die Schönheiten Schottlands, um mich so rasch als möglich in Leith nach Holland einzuschiffen. Seit vierzehn Tagen weilte ich bereits bei den Reisebekannten, und sie waren mir schon mehr als Gastfreunde. Der Vater gehörte seinen landwirtschaftlichen Sommerbeschäftigungen an, da er als neuer Gutsbesitzer in einem fremden Lande die hiesige Art der Oekonomie mit deutscher Gründlichkeit studieren wollte. Er verbrachte den grössten Teil seiner Zeit auf den Feldern und überliess mich seiner Tochter, die, da die Mutter längst gestorben war, dem Hauswesen vorstand. Noch mehr als für dieses Vertrauen wrar ich ihm für die Freuden, für die tiefen Herzensgenüsse dankbar, die mir dieser ungestörte Umgang mit dem ebenso schönen als liebenswürdigen Mädchen verschaffte. Wir ritten zusammen aus, wir lasen, wir plauderten, wir glaubten einander bis in die geheimsten Winkel unserer Herzen zu kennen und empfanden beide die schöne Genugthuung, durch diese nähere Bekanntschaft eines in des andern Augen nichts verloren zu haben. Die Heiterkeit unseres Umganges wa.r uns dessen sichere Bürgschaft. An einem schönen September-Nachmittage folgten wir, trotz einigem Widerstreben, der Einladung mehrerer junger Männer, die in der Stadt den Ton angaben und uns schon mehrere Male aufgefordert hatten, mit ihnen einen Ritt nach einem der schönen Punkte der Umgegend zu machen. Wir ritten wohl an zwei Stunden starken Trabes ins Land hinein, ohne eine Veränderung der Scenerie zu bemerken. Man kann in Holland eine Stunde lang selbst auf der Eisenbahn die Augen im Schlafe schliessen, ohne beim Erwachen zu bemerken, dass man nur wenige vSchritte weiter gekommen. Ein Kanal, auf dem sich ein Trekschuyt langsam fortbewegt, ein Garten mit ölbestrichenem Staket, eine Wiese mit wenigen Kühen, am Horizont eine unendliche Reihe von Windmühlen, die langweilig ihre Flügel bewegen — das ist die Landschaft, der man noch häufiger in der Natur als auf der Leinwand der holländischen Maler ins Gesicht blickt. Auf unserem Spazierritt war es nicht anders. Die Pferde bewegten sich, die Strauch er rechts und links flogen an uns vorbei — die Landschaft blieb dieselbe. Wir hielten vor einem Weghause, das, etwas höher gelegen, die Aussicht über eine grössere Anzahl von Kanälen und Windmühlen gewährte, ausserdem seines guten Käses, seines trefflichen Thees und seines guten Weins wegen berühmt war; vor seiner Thür kreuzten sich mehrere Land- und Wasserstrassen, und es war hier etwas lebhafter, als sonst im offenen Lande dieses dem Meere abgerungenen Sumpfbodens. Die Jugend der ... er guten Gesellschaft fand an dem Champagner des Weghauses so grosses Gefallen, dass es ziemlich spät wairde, ehe man sich auf den Weg machte, und dass sie dann mit grosser Schwierigkeit die richtige Stellung im Sattel fand. Es ging beim Aufsitzen, trotz der Gegenwart mehrerer Damen, so lärmend her, dass demnächstige Roheit zu befürchten war. So entschloss sich Else kurz, gab. ihrem Pferde die Sporen und galoppierte vorwärts. Ich folgte ihr, und bald hatten wir die ganze Gesellschaft weit hinter uns. Es that uns so wohl, nach

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