Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 199 - 200

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Zur rumänischen Judenfrage
Date
1901-03-01
Page
Seite 199 - 200 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583876-2583880-2608502--00267-2608578
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

199 * # * Zur rumänischen Judenfrage. 3. Boden-, klimatische und Verkehrsverhältnisse sollen gute sein. 4. Das Immigrationsgebiet soll in der Nähe des Emigrationsgebietes liegen, so dass die Reise nicht beschwerlich und vor allem billig ist. Wenn wir die geographische Lage Rumäniens ins Auge fassen, so sehen wir, dass das Land zwischen Russland, Oesterreich-Ungarn und den Balkanstaaten liegt, die für unseren Zweck nicht in Betracht kommen können, dass es aber durch das Schwarze Meer zunächst mit allen Mittelmeerländern verbunden ist. Das nächste von diesen ist Klein-Asien — ein Land so gross wie Deutschland mit etwa 7 bis 8 Millionen Einwohnern, die wiederum - meist an den Küsten sind — ein Land, dessen Inneres also dünn bevölkert, dabei aber fruchtbar und von gutem Klima ist, das zur Zeit durch die anatolischen Eisenbahnen erschlossen zu werden beginnt und welches Millionen von Einwanderern reichlichen Platz und gute Lebensbedingungen bieten könnte. Die gegenwärtige Bevölkerung ist meist muselmanisch und den Juden so wohl gesinnt, wie irgend ein Volk auf der Erde, während die Regierung des Sultans den rumänischen Auswanderern ein Entgegenkommen gezeigt hat, das nicht genug hervorgehoben werden kann zu einer Zeit, da die christlichen Mächte des Westens— ja sogar die Vereinigten Staaten von Nordamerika und das englische Canada — den Flüchtlingen die Aufnahme versagten. Die ottomanische Regierung nahm die Einwanderer auf wie ihre eigenen Unterthanen, die von Zeit zu Zeit (so kürzlich im Falle von Kreta) aus christlich gewordenen Gebieten in die unter der Hohen Pforte stehenden Länder auswandern. Mit einiger Grossmut lässt sich die Auffassung von der türkischen Unterthanenschaft ja auch für die rumänischen Juden begründen. Sie waren ottomanische Unterthanen, solange Rumänien selbst ein ottomanischer Tributärstaat war. Die Juden der Dobrucza waren sogar noch bis zum Jahre 1878 direkt unter türkischer Herrschaft. Und da sie seit dem Verluste ihrer türkischen Oberherrschaft Bürger, Angehörige, Ein Zelt aus Sackleinevrand. Unterthanen eines anderen Landes nicht geworden sind — in Rumänien sind sie Fremde — so können sie wohl als ottomanische Unterthanen betrachtet werden. Von solchen Erwägungen geleitet, nahmen die türkischen Behörden die ersten, gerade aus der Dobrucza kommenden etwa 160 jüdischen Immigranten als „Muhadjirs" (ottomanische Einwanderer) auf, trotzdem sie schon bei ihrer Ankunft in Konstantinopel nicht mehr genug Geld hatten, um Brot zu kaufen. (Die Reisekosten von zwischen 8 und 9 Francs pro Person waren von den Juden ihrer Heimatstädte für die meisten von ihnen aufgebracht worden.) Man gab ihnen Brot und Unterkunft und beförderte sie per Schiff und Bahn nach Angora; man wies ihnen in unmittelbarer Nähe der Bahn .freies Land an und gab ihnen ausser der notwendigsten Nahrung Aussaat, Geräte und Vieh. Aus seiner eigenen Kasse steuerte Se. Majestät der Sultan 2000 türkische Plund bei, und auch von anderer türkischer Seite kam mancherlei Beweis von Freundlichkeit und Unterstützung. Dass die Einwanderer, die inzwischen noch neuen Zuzug erfahren hatten, trotz Versorgung mit dem Allernotwendigsten Mangel zu leiden hatten, wird bei so armen Menschen nicht Wunder nehmen. Sie mussten das letzte von ihren dürftigen Habseligkeiten verkaufen, um sich durchzufristen — besonders während des Winters. Damals erschien in derjenigen jüdischen Zeitung, die wohl widerspruchslos als die offiziellste und einflussreichste bezeichnet werden kann — im Londoner „Jewish Ch'ronicle" — ein Aufsatz über diese Zustände, der in einen Appell ausklang, diesen armen rumänischen Juden mit dem wenigen, was in diesem Falle erforderlich warr zu helfen. Ein Erfolg dieser unter so günstigen Bedingungen begonnenen Kolonisation konnte die weitgehendsten Folgen — ja die Lösung der ganzen furchtbaren rumänischen Auswanderungsfrage nach sich ziehen. — Es wrar umsonst. Kein Finger wurde gerührt. Und inzwischen waren aus den anfänglichen 160 Kolonisten durch fortwährenden Zuzug über 1000 geworden Höhle. Von drei Kolonisten bewohnt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.